Die Kinder, die leben durften
Die ersten Menschen wussten nichts von Städten, Kronen oder dem Heiligen Licht. Ihre Geschichte begann in Nordend, als der Fluch des Fleisches die Nachkommen der Vrykul veränderte. Manche Kinder kamen kleiner und schwächer zur Welt, als ihre Gesellschaft es ertragen wollte. König Ymiron befahl ihren Tod, weil er in ihnen den Verfall seines Volkes sah.
Doch Eltern widersetzten sich. Sie verbargen ihre Kinder, brachten sie fort und ließen ihnen Waffen, Wissen und eine Möglichkeit zum Überleben. Über Generationen wurden aus den Verstoßenen die frühen Menschen der Östlichen Königreiche. Ihre Herkunft verschwand aus der Erinnerung, doch etwas von ihr blieb in den ältesten Geschichten: Riesen hatten einst über ihre Vorfahren gewacht, und in geerbten Klingen ruhten die Stimmen der Familie. Die Menschheit begann nicht mit einem Sieg, sondern mit Barmherzigkeit gegenüber denen, die eine mächtige Ordnung für wertlos erklärt hatte.
Thoradin bindet die Stämme
Lange lebten Menschen in kleinen Gemeinschaften, jagten, bestellten Land und führten Fehden, deren Gründe oft älter waren als ihre Anführer. Ihre kurze Lebenszeit beschleunigte alles. Ein Mensch konnte nicht Jahrhunderte warten, bis ein Streit von selbst verblasste oder eine Mauer langsam wuchs. Ehrgeiz, Erfindungskraft und Ungeduld wurden zu nahen Verwandten.
Thoradin vom Stamm der Arathi erkannte, dass die zerstreuten Völker gegen eine große Bedrohung nur gemeinsam bestehen konnten. Er verband ihre heiligen Waffen mit seiner Klinge Strom'kar und gab den Kriegsherren damit ein Symbol, in dem keiner seine Herkunft aufgeben musste. Aus diesem Bund entstand Arathor mit Strom als Hauptstadt. Im Trollkrieg bewährte sich das Reich, und durch das Bündnis mit Quel'Thalas lernten die ersten hundert menschlichen Magier die arkane Kunst. Entscheidend war nicht der besiegte Gegner, sondern die Veränderung der Menschen: Aus Stämmen war eine politische Gemeinschaft geworden, die Wissen aufnehmen und in wenigen Jahrzehnten weitertragen konnte.
Sieben Kronen aus einem Reich
Arathor wuchs, bis seine Städte weiter auseinanderlagen, als ein einziger Thron sie dauerhaft halten konnte. Aus dem Reich gingen Stromgarde, Lordaeron, Dalaran, Gilneas, Kul Tiras, Alterac und Sturmwind hervor. Ihre gemeinsame Abstammung schuf keine einheitliche Kultur. Dalaran vertraute auf Magie, Kul Tiras auf das Meer, Gilneas auf seine Mauern und Lordaeron auf fruchtbares Land, Kirche und königliche Ordnung.
Diese Vielfalt wurde zur großen Stärke und zur wiederkehrenden Schwäche der Menschen. Sie konnten auf sehr verschiedene Gefahren antworten, stritten aber ebenso schnell über Führung, Grenzen und Lasten. Das Heilige Licht gab vielen Priestern und Paladinen eine Sprache für Mitgefühl und Pflicht. In den Händen des Scharlachroten Kreuzzugs wurde dieselbe Gewissheit zum Fanatismus. Arkane Magie schützte Reiche und öffnete neue Horizonte, doch menschliche Zauberer konnten mit derselben Ungeduld Türen aufstoßen, hinter denen Dämonen warteten.
Reiche fallen schneller als Erinnerungen
Der Erste Krieg zerstörte Sturmwind und trieb seine Überlebenden nach Norden. Im Zweiten Krieg verband Anduin Lothar die Menschenreiche mit Zwergen, Gnomen und Hochelfen zur Allianz von Lordaeron. Der Sieg über die Alte Horde bewies, was ein Bündnis leisten konnte, doch Alteracs Verrat und die Streitigkeiten nach dem Krieg zeigten, wie wenig ein gemeinsamer Feind für dauerhafte Einigkeit genügte.
Der Dritte Krieg traf die Menschen noch tiefer. Die Seuche verwandelte Lordaerons Bürger in die Geißel, Arthas zerstörte das Reich, das er retten wollte, und Dalaran fiel. Jaina Prachtmeer führte Flüchtlinge nach Kalimdor, während andere in Ruinen, hinter Gilneas' Mauer oder in einem wiederaufgebauten Sturmwind neue Heimaten suchten. Spätere Kriege brachten Stromgarde zurück, öffneten Gilneas und Kul Tiras erneut für Verbündete und zerstörten Dalaran ein weiteres Mal. Menschliche Geschichte schreitet deshalb nicht von Hütte zu Palast. Sie bewegt sich zwischen Aufbau, Verlust und dem Entschluss, auf bekanntem oder fremdem Boden wieder zu beginnen.
Viele Arten, menschlich zu sein
Heute lässt sich die Menschheit nicht unter einem einzigen Löwenbanner zusammenfassen. Sturmwinder, Gilneer, Kul Tiraner, Stromgarder und die verstreuten Erben Lordaerons tragen verschiedene Trachten, Erinnerungen und Vorstellungen von Herrschaft. Viele Verlassene waren einst Menschen und bewahren, trotz ihrer neuen Existenz, Namen und Wunden dieser Vergangenheit. Verwandtschaft verhindert weder Krieg noch Vorurteil; sie macht deren Folgen oft nur persönlicher.
Jenseits des Stürmischen Meeres entstand aus Nachfahren Arathors und Hochelfen sogar ein neues Arathireich. Seine Bewohner betrachten sich längst als eigenes Volk, nicht einfach als Menschen oder Elfen. Eine Expedition dieses Reiches schuf unter Beledars Licht in Heilsturz eine Heimat und lernte, im täglichen Überlebenskampf auch Hilfe anzunehmen, vor der ihre Lehren sie gewarnt hatten. Darin spiegelt sich eine sehr menschliche Fähigkeit, selbst wo der Name Mensch nicht mehr genügt: kurze Leben zwingen zu Entscheidungen, und Entscheidungen können überlieferte Grenzen verändern. Menschen sind nicht groß, weil ihre Reiche ewig stehen. Sie sind es dann, wenn sie nach deren Fall Verantwortung dafür übernehmen, was sie als Nächstes errichten.