Ein Reich aus Salz und Stein
Nach den Trollkriegen verließen menschliche Seefahrer aus Gilneas die vertrauten Küsten und fanden westlich davon eine Inselgruppe, reich an Erz, Holz und geschützten Buchten. Aus ihrem ersten Außenposten entstand Kul Tiras. Das Meer trennte die Siedler von den alten Zentren Arathors, verband sie aber mit jedem Hafen, den ihre Schiffe erreichen konnten. Bald hing Wohlstand nicht mehr an einer Straße oder einem Kornfeld, sondern an Gezeiten, Karten und dem Vertrauen in Kapitäne, die mit fremden Waren zurückkehrten.
Boralus wuchs zum Herzen dieser Welt. Wer dort lebte, hörte Werftschläge, Marktrufe und das Knarren beladener Masten fast wie den Atem der Stadt. Fischfang und Handel machten Kul Tiras reich, doch sie formten auch seine politische Ordnung. Die Familie Prachtmeer führte nicht nur eine Armee. Als Lordadmirale musste sie Häuser, Kaufleute, Gezeitenweise und eine Flotte zusammenhalten, deren Schiffe oft weiter voneinander entfernt waren als andere Reiche breit.
Das Land war nicht leer
Die Menschen hatten keine unbewohnte Insel betreten. In Drustvar lebten die Drust, Nachfahren einer Vrykulgruppe mit einer tiefen Bindung an Wald, Tod und das Reich Thros. Die Neuankömmlinge versuchten zunächst, mit ihnen auszukommen, doch Gorak Tuls Volk griff ihre Siedlungen an. Aus dem Ringen um Heimat wurde ein Krieg, in dem beide Seiten wussten, dass eine Niederlage mehr als verlorenes Gelände bedeuten würde.
Arom Kronsteig gründete den Glutorden und lernte, die Magie der Drust zu brechen. Entscheidend war zugleich, dass Ulfars Dornenwirker sich von Gorak Tul abwandten und den Menschen halfen. Nach Aroms Sieg entstand Haus Kronsteig, während ein Teil der Drusttradition in Kul Tiras weiterlebte. Drustvar wurde deshalb nie zu einer Gegend ohne Vorgeschichte. Seine Wälder bewahrten Gräber, Flüche und Verbündete, die daran erinnerten, dass die Gründung des Reiches weder eine reine Heldensage noch die vollständige Auslöschung des älteren Landes war.
Die Flotte des Lordadmirals
Als eines der sieben Menschenreiche wurde Kul Tiras zur führenden Seemacht der Allianz von Lordaeron. Im Zweiten Krieg führte Daelin Prachtmeer seine Flotte gegen die Horde. Sein Sohn Derek starb in diesem Krieg, und der Sieg heilte den Vater nicht von dem Verlust. Für Daelin blieb Wachsamkeit fortan untrennbar mit dem Glauben verbunden, Orcs könnten niemals etwas anderes als Feinde sein.
Nach dem Dritten Krieg folgte Daelin den Überlebenden bis nach Kalimdor. In Theramore widersetzte sich Jaina ihrem Vater, weil sein Angriff den mühsamen Frieden mit Thralls Horde zerstört hätte. Sie half nicht bei seiner Tötung, aber sie hinderte die Horde auch nicht daran, ihn zu besiegen. Kul Tiras sah darin Verrat. Für die Inseln war Jaina nicht die Frau, die einen neuen Krieg verhindert hatte, sondern die Tochter, die den Lordadmiral und seine Soldaten in fremder Erde sterben ließ.
Ein Reich verschließt sich
Katherine Prachtmeer regierte nach Daelins Tod ein Land, dessen Trauer zur politischen Gewohnheit geworden war. Kul Tiras zog sich von der Allianz zurück. Währenddessen löste sich die Einheit der vier Häuser. Priscilla Aschenwind verwandelte wirtschaftliche Macht in Waffen und Gefängnisse, Lord Sturmsang lieferte Gezeitenweise an die Mächte der Tiefe aus, und in Drustvar öffnete ein Hexenzirkel Gorak Tul erneut den Weg.
Jedes dieser Übel traf eine andere Lebensader. Aschenwinds Monopole vergifteten Handel und Verwaltung, Sturmsangs Verrat ließ die Flotte verschwinden, und der Fluch von Haus Kronsteig wandte eine alte Wunde gegen die Nachfahren ihrer Sieger. Das Reich drohte nicht an einem einzigen Angreifer zu fallen. Es zerbrach, weil Trauer an der Spitze, Gier im Hafen und Furcht auf dem Land einander lange genug verdeckt hatten.
Jainas Heimkehr
Als Jaina im Vierten Krieg zurückkehrte, ließ Katherine sie wegen Hochverrats verbannen. Erst Verbündete der Allianz halfen den Regionen, ihre jeweiligen Gefahren zu überwinden, und erst dann konnte Katherine erkennen, wie sehr Aschenwind ihren Schmerz benutzt hatte. Mutter und Tochter fanden einander nicht durch ein politisches Abkommen wieder. Jaina musste sich auf Schicksalsend den Erinnerungen an Daelin, Derek und Theramore stellen, bevor sie nach Boralus zurückkehren und die verschollene Flotte heimrufen konnte.
Nach der Verteidigung der Hauptstadt übergab Katherine ihr das Amt der Lordadmiralin. Kul Tiras trat erneut der Allianz bei, nun nicht unter Daelins unbeugsamem Hass, sondern unter einer Frau, die den Preis von Krieg und Verständigung kannte. Das Reich blieb stolz, rau und vom Meer abhängig. Doch seine Stärke lag wieder in verbundenen Regionen: in Boralus' Werften, Drustvars erneuertem Glutorden, den Gezeitenweisen des Sturmsangtals und einer Flotte, die gelernt hatte, dass Heimkehr mehr verlangt als den richtigen Kurs. Manchmal muss ein ganzes Land zuerst entscheiden, welche Trauer es mit an Bord nimmt.