Das Land vor den Kontinenten
In sehr alten Überlieferungen war Kalimdor nicht der Westen einer geteilten Welt, sondern die große Landmasse um den Brunnen der Ewigkeit. Trollreiche breiteten sich über weite Gebiete aus, ehe sich nahe dem Brunnen die dunklen Trolle veränderten und das Kaldoreireich entstand. Straßen, Tempel und Magie verbanden Regionen, die heute durch Ozeane getrennt sind.
Die Nachtelfen gaben dem Land einen Namen, der die Größe ihrer bekannten Welt ausdrückte. Doch selbst auf dem Höhepunkt ihrer Herrschaft gehörte die Geschichte nicht nur ihnen. Trolle, Tauren, Yaungol, Aqir und viele weitere Völker trugen eigene Namen und Erinnerungen. Eine Karte des Reiches konnte Macht zeigen, aber sie machte aus den anderen Bewohnern keine leeren Ränder.
Die Welt zerbricht
Azsharas Hochgeborene öffneten der Brennenden Legion den Weg. Im Krieg der Ahnen wurde der Brunnen instabil und brach zusammen. Die Große Teilung verschlang den größten Teil der Landmasse, riss die Östlichen Königreiche, Nordend und Pandaria voneinander und hinterließ im Zentrum des Meeres den Mahlstrom.
Der westliche Rest behielt den Namen Kalimdor. Für die Überlebenden war er nicht einfach ein kleinerer Kontinent, sondern das Ufer nach einem Weltende. Hyjal, Eschental und die Wälder des Nordens wurden zu Zentren der Langen Wacht. Die Kaldorei schützten Natur und den neuen Weltenbaum; zugleich lebten Tauren, Trolle, Zentauren und andere Völker in Landschaften, deren Zukunft keine einzige Wacht vollständig bestimmte.
Zehntausend Jahre und ein fremdes Segel
Während die Nachtelfen den Norden bewachten, veränderten sich andere Regionen. Tauren wanderten unter dem Druck der Zentauren, Wüstenreiche stiegen und fielen, und im Süden bewahrten titanische Anlagen gefährliche Macht. Kalimdor wirkte von den Östlichen Königreichen aus wie ein ferner, fast mythischer Ort. Für seine Bewohner war es ein Kontinent aus alltäglichen Wegen, Rivalitäten und heiligen Grenzen.
Im Dritten Krieg kamen Thralls Orcs, die Dunkelspeertrolle und menschliche Flüchtlinge unter Jaina über das Meer. Die neuen Ankömmlinge suchten Zukunft, betraten aber Land, das keineswegs unbewohnt war. Grommashs Holzfäller stießen in Eschental auf die Kaldorei und töteten Cenarius unter Dämoneneinfluss. Erst die gemeinsame Gefahr Archimonde zwang Orcs, Menschen und Nachtelfen am Hyjal in dieselbe Verteidigung.
Durotar und die geteilte Heimat
Thrall gründete Durotar im kargen Osten und Orgrimmar wurde zum Herzen der neuen Horde. Die Tauren fanden in Mulgore eine gesicherte Heimat, die Dunkelspeere auf den Echoinseln. Jaina baute Theramore. Diese Gründungen retteten verfolgte Völker, doch sie schufen neue Grenzen und Bedürfnisse, besonders nach Holz, Wasser und fruchtbarem Land.
Aus dem Bündnis am Hyjal entstand deshalb kein dauerhafter Frieden. Eschental blieb umkämpft, Theramore wurde zerstört, und Garroshs Expansion verschärfte alte Wunden. Der Kataklysmus riss Küsten und Gebirge auf. Kalimdor wurde zum Kernland der Horde und blieb zugleich Heimat der Kaldorei und Draenei. Jeder Versuch, den ganzen Kontinent einer einzigen Fraktion zuzuschreiben, verwandelt die Überlebensgeschichte der einen Seite in die Unsichtbarkeit der anderen.
Ein Kontinent nach Teldrassil
Die Verbrennung Teldrassils nahm den Nachtelfen ihre große Inselheimat und machte den Norden erneut zum Kriegsgebiet. Dunkelküste wurde mit schwarzer Mondmacht zurückerobert, doch Sieg brachte die Toten nicht zurück. Viele Kaldorei fanden später bei Amirdrassil und Bel'ameth eine neue Mitte außerhalb des alten Festlands, während ihre Wälder auf Kalimdor dennoch Teil ihrer Verantwortung blieben.
Kalimdor trägt damit zwei Bedeutungen weiter: den Namen einer verlorenen Welt und den eines heutigen Kontinents, auf dem sehr verschiedene Völker Zukunft suchen. Hyjal erinnert daran, dass Zusammenarbeit möglich ist; Eschental daran, wie schnell Not in Besitzanspruch umschlägt; Durotar daran, dass eine Zuflucht selbst neues Land benötigt. Der Kontinent ist keine unbeschriebene Wildnis. Er ist ein Raum, in dem fast jede Heimat auf den Spuren einer älteren steht und Bestand nur haben kann, wenn diese Spuren nicht absichtlich vergessen werden.