Erwachen im eigenen Grab
Die ersten Verlassenen wurden nicht als neues Volk geboren. Sie waren Bauern, Soldaten, Apothekerinnen und Adlige aus Lordaeron, die an der Seuche starben und unter dem Willen des Lichkönigs wieder aufstanden. In ihren verwesenden Körpern mussten sie Freunde erschlagen, Städte entweihen und einem Heer dienen, das jede Erinnerung an ihr früheres Leben zur nutzlosen Qual machte.
Als Illidans Angriff auf den Gefrorenen Thron die Macht des Lichkönigs schwächte, riss seine Kontrolle über manche Untote ab. Sylvanas Windläufer, einst von Arthas ermordet und als Banshee versklavt, führte diese Erwachten gegen ihre Herren. Freiheit kam nicht als Heilung. Sie kam als schrecklicher Augenblick, in dem jedes Opfer wieder wusste, wer es gewesen war und was seine Hände unter fremdem Befehl getan hatten.
Eine Heimat unter Lordaeron
Sylvanas nahm die Ruinen der Hauptstadt ein und ließ in den Gewölben darunter die Unterstadt ausbauen. Der Name Verlassene war Anklage und Selbstbehauptung zugleich. Die Lebenden erkannten in ihnen meist nur die Geißel, während viele Untote sich von Familien zurückgewiesen sahen, deren Namen sie noch immer kannten. Wo das alte Reich keinen Platz mehr für sie hatte, machten sie aus seinen Katakomben einen eigenen Staat.
Der Beitritt zur Horde entsprang zunächst weniger Freundschaft als Notwendigkeit. Die Tauren setzten sich für die freien Untoten ein, Thralls Horde bot Schutz, und die Verlassenen gaben ihr einen Stützpunkt in den Östlichen Königreichen. In der Unterstadt entstanden Apothekervereinigung, Todespirscher und dunkle Waldläufer. Erfindergeist und Grausamkeit lagen oft dicht beieinander, denn ein Volk, das sich von allen Seiten bedroht glaubte, begann beinahe jede Grenze mit dem Wort Überleben zu rechtfertigen.
Die Königin und der Preis der Furcht
An der Pforte des Zorns setzte Großapotheker Putress eine neue Seuche gegen Geißel, Horde und Allianz ein. Varimathras half ihm, die Unterstadt an sich zu reißen. Sylvanas schlug den Aufstand nieder, doch das Massaker zeigte, was in ihren Laboren herangewachsen war. Später ließ sie in Gilneas Gefallene erheben und behandelte neuen Untod zunehmend als Antwort auf die Endlichkeit ihres Volkes. Die Befreiung vom Lichkönig schützte die Verlassenen nicht davor, selbst über den Willen anderer zu verfügen.
Als Sylvanas Kriegshäuptling wurde, bildete sich während ihrer Abwesenheit ein erster Trostloser Rat. Seine Mitglieder versuchten, den Alltag der Unterstadt gemeinsam zu regeln und manche Bindung an ihr früheres Leben wieder zuzulassen. Bei der Zusammenkunft in Arathi trafen Untote auf lebende Angehörige. Sylvanas ließ jene Ratsmitglieder töten, die fliehen wollten, und sogar manche, die zu ihr zurückkehrten. Nicht Verrat allein bedrohte ihre Herrschaft, sondern die Erkenntnis, dass Verlassene ohne sie Hoffnung und politische Stimme finden konnten.
Die verlorene Unterstadt
Im Vierten Krieg brannte Teldrassil, und die Allianz marschierte auf Lordaeron. Sylvanas überzog die Hauptstadt mit Seuche, damit weder Feind noch eigenes Volk sie halten konnte. Später verwarf sie vor Orgrimmar die Horde und verließ jene, deren Königin sie so lange gewesen war. Die Verlassenen verloren damit in kurzer Folge Stadt, Herrscherin und die Erzählung, nach der jede Grausamkeit Teil eines gemeinsamen Überlebenskampfes gewesen sei.
Lilian Voss und Calia Menethil suchten keinen Ersatzthron. Gemeinsam mit Todespirscherkommandant Belmont, der dunklen Waldläuferin Velonara und Großapotheker Faranell bildeten sie einen neuen Trostlosen Rat. Calias Name weckt Erinnerungen an Lordaerons Krone, doch sie beansprucht sie nicht. Jedes Ratsmitglied verkörpert einen anderen Teil der Verlassenen, und gerade ihr Misstrauen gegeneinander soll verhindern, dass noch einmal eine einzige Stimme das ganze Volk mit sich in den Abgrund zieht.
Eine Zukunft, die ihnen selbst gehört
Die Verlassenen reinigten die Oberfläche ihrer Hauptstadt soweit, dass sie in die Ruinen Lordaerons zurückkehren konnten. Sie zogen ihre Truppen aus Gilneas ab und halfen den Gilneern später sogar, die Scharlachroten Kreuzfahrer aus deren Heimat zu vertreiben. Das tilgt den früheren Angriff nicht. Es zeigt aber, dass Politik nach Sylvanas mehr sein kann als die Fortsetzung alter Feindschaft mit anderen Mitteln.
Selbst Sylvanas ließ aus dem Schlund die Botschaft überbringen, der Trostlose Rat sei die rechtmäßige Führung und Zukunft ihres Volkes. Für die Verlassenen bedeutet diese Anerkennung keine Absolution ihrer Königin. Ihre eigentliche Zukunft beginnt dort, wo sie sie nicht mehr brauchen. Sie bleiben Untote, deren Körper verfallen, deren Erinnerungen schmerzen und deren Nachbarn ihnen nur langsam vertrauen. Doch freier Wille ist für sie nun mehr als die Abwesenheit eines Lichkönigs: Er ist die schwere Aufgabe, einander Verantwortung zuzugestehen und aus Lordaerons Gräbern ein Gemeinwesen zu bauen, das niemandem gehört außer ihnen selbst.