Draenor ist eine Welt mit eigener Geschichte
Bevor das Dunkle Portal Draenor mit Azeroth verbindet, ist die Welt keine bloße Heimat künftiger Eroberer. Orc-Clans leben nach eigenen Traditionen, ziehen mit den Jahreszeiten, jagen, handeln und streiten um Weideland oder Ehre. Schamanen sprechen mit den Elementen und Ahnen. Die Clans sind miteinander verwandt, aber nicht vereint. Frostwölfe, Kriegshymnen, Schwarzfelsen, Zerschmetterte Hand, Schattenmond und viele andere bewahren unterschiedliche Vorstellungen davon, was Stärke und Führung bedeuten.
Durotan führt den Frostwolfclan mit vorsichtiger Ehre. Seine Gefährtin Draka musste sich ihren Platz selbst erkämpfen, nachdem sie als schwaches Kind unterschätzt worden war. Grommash Höllschrei sucht Ruhm und fürchtet jede Form von Unterwerfung. Kilrogg Totauge hat in einer Vision seinen eigenen Tod gesehen und glaubt deshalb, alle anderen Gefahren ohne Zögern annehmen zu können. Ner'zhul vom Schattenmondclan gilt als einer der angesehensten Schamanen Draenors. Auf diese Menschen trifft eine Täuschung, die gerade deshalb funktioniert, weil sie ihre bestehenden Bindungen benutzt.
Die Draenei und Kil'jaedens alte Rache
Viele Jahrtausende zuvor flohen die Draenei von Argus. Ihr Anführer Velen hatte Sargeras' Angebot abgelehnt, während Kil'jaeden und Archimonde sich der Legion anschlossen. Kil'jaeden empfindet Velens Flucht als persönlichen Verrat. Er verfolgt die Draenei von Welt zu Welt, nicht nur aus militärischer Notwendigkeit, sondern weil ihre bloße Existenz beweist, dass seine Entscheidung nicht die einzig mögliche war.
Auf Draenor bauen die Draenei Städte wie Shattrath und Karabor. Zwischen ihnen und den Orcs gibt es Abstand, gelegentlichen Handel und Missverständnisse, aber keinen unausweichlichen Vernichtungskrieg. Kil'jaeden muss diesen Krieg erst erschaffen. Er erscheint Ner'zhul in der Gestalt seiner verstorbenen Gefährtin Rulkan und behauptet, die Draenei planten die Auslöschung der Orcs.
Ner'zhul vertraut der Erscheinung, weil sie Stimme und Erinnerung eines geliebten Menschen trägt. Als die Elemente ihm nicht mehr antworten und Zweifel wachsen, erkennt er Teile der Täuschung. Doch zu diesem Zeitpunkt hat sein Schüler Gul'dan bereits verstanden, welche Macht die Legion anbietet. Gul'dan will nicht zur alten Ordnung zurück. Ihn interessieren weder das Gleichgewicht der Elemente noch Ner'zhuls Reue. Er gründet den Schattenrat und macht aus Angst, Ehrgeiz und Rivalität ein Werkzeug zur Vereinigung der Clans.
Wie Kil'jaeden aus Trauer eine Waffe macht
Kil'jaeden verfolgt die Draenei nicht nur strategisch, sondern persönlich. Velen war einst Bruder im Geist, Mitführer der Eredar und Zeuge des Augenblicks, in dem Argus zerbrach. Dass Velen floh, ist für Kil'jaeden Verrat und Kränkung. Auf Draenor sucht er nicht einfach einen militärischen Sieg, sondern die nachträgliche Widerlegung von Velens Entscheidung. Wenn die Draenei vernichtet werden, soll auch ihre Hoffnung als Irrtum erscheinen.
Ner'zhul wird benutzt, weil er an Ahnen glaubt. Die Lüge trifft ihn dort, wo er am offensten ist: im Vertrauen auf geistige Führung. Seine Schuld liegt nicht darin, dass er von Anfang an machtgierig wäre, sondern dass er seine Autorität nicht rechtzeitig gegen die Täuschung schützt. Gul'dan ist anders. Er erkennt Macht als Weg aus eigener Bedeutungslosigkeit und nimmt die Verderbnis an, weil sie ihm Rang gibt.
Die Orc-Clans trinken Mannoroths Blut, weil Angst, Gruppendruck, Ehrbegriff und Kriegsrausch zusammenkommen. Viele glauben, Stärke zu wählen. In Wahrheit geben sie einen Teil ihrer Selbstdeutung ab. Die Horde entsteht nicht, weil Orcs keine Kultur hatten, sondern weil ihre Kultur gezielt umgedeutet wird: Ahnen werden durch Befehle ersetzt, Schamanismus durch Hexerei, Clanwürde durch Eroberung.
Clans, die mehr waren als Kriegsnamen
Draenors Orcs waren vor Gul'dan keine einheitliche Maschine. Der Schattenmondklan trug spirituelle Autorität und Ahnenbindung, bis Kil'jaedens Täuschung Ner'zhuls Vertrauen gegen ihn verwendete. Der Drachenmalklan, später auf Azeroth berüchtigt, hatte seine eigene Clantradition, bevor er mit Drachenversklavung und Grim Batol verbunden wurde. Solche Unterschiede sind wichtig, weil die Horde nicht aus leerer Wildheit entstand. Sie entstand, als unterschiedliche Völker und Clans durch Angst, Ehrgeiz und falsche Offenbarungen in dieselbe Richtung gezwungen wurden.
Gerade dadurch wird Gul'dans Verbrechen größer. Er zerstörte nicht nur Gegner, sondern eine Landschaft aus Bräuchen, Rivalitäten und alten Bindungen. Aus Clans wurden Truppen, aus Schamanen wurden Werkzeuge, und aus Draenors Vielfalt wurde eine Waffe der Legion.
Draka sieht, was aus Stärke geworden ist
Draka wächst im Frostwolfclan als schwächliches Kind auf. Andere zweifeln daran, dass sie die Härte des Lebens in Frostfeuer überstehen kann. Sie weigert sich, dieses Urteil anzunehmen, und erarbeitet sich ihren Platz durch Ausdauer. Als sie Durotan begegnet, verbindet beide nicht nur Zuneigung. Sie teilen ein Verständnis von Stärke, das Schutz und Verantwortung einschließt. Ein Häuptling soll nicht beweisen, dass er jeden bezwingen kann, sondern dafür sorgen, dass sein Clan auch nach dem nächsten Winter noch eine Zukunft besitzt.
Darum erkennt Draka früh, was an Gul'dans neuer Ordnung falsch ist. Die Orcs erhalten Macht, doch diese Macht verlangt, Ahnen, Schamanismus und alte Bindungen als Zeichen von Schwäche abzulegen. Das Dämonenblut macht Krieger stärker und zugleich abhängiger. Draka erlebt, wie aus Nachbarn Feinde und aus Versammlungen Befehlsausgaben werden. Sie steht Durotan nicht nur als Ehefrau zur Seite. Sie trägt seine Zweifel mit, berät ihn und akzeptiert die Gefahr, die mit seinem Widerspruch gegen Gul'dan verbunden ist.
Kilrogg sieht sein Ende
Beim Blutenden Auge bedeutete Führung nicht, den Tod zu leugnen. Kilrogg opferte ein Auge, um in einer Vision den Augenblick seines eigenen Endes zu sehen. Von da an trug er eine Gewissheit, die andere Häuptlinge zugleich fürchteten und bewunderten. Er wusste nicht alles über die Zukunft; er wusste nur, dass sein Tod an einem bestimmten Ort und in einem bestimmten Kampf auf ihn wartete.
Diese Schau machte ihn nicht friedlich. Sie nahm ihm die Furcht vor vielen Entscheidungen, die andere noch abgewogen hätten. Wenn das gesehene Ende nicht heute kam, konnte der heutige Krieg wie ein bereits überstandener Schritt wirken. So wurde aus Mut eine Härte, die Zweifel leicht mit Feigheit verwechselte.
Als Gul'dan die Clans in eine Horde zwang, brachte Kilrogg deshalb nicht bloß Gefolgschaft mit. Er brachte eine eigene Vorstellung von Schicksal, Opfer und Würde. Die Legion musste ihm keine Bedeutung schenken; sie musste ihm nur einen Weg anbieten, auf dem seine Gewissheit wie Größe aussah. Darin liegt die Tragik des Blutenden Auges: Ein altes Ritual, das einem Häuptling Demut vor dem Ende geben konnte, wurde zum Treibstoff eines Krieges, der ganze Völker verschlang.
In der ursprünglichen Zeitlinie erfüllte sich Kilroggs Vision in Auchindoun durch Danath Trollbann. Auf dem anderen Draenor wird später ein anderer Kilrogg erneut in dieselbe Versuchung treten. Die Orte ändern sich, doch die Frage bleibt: Befreit das Wissen um den Tod einen Menschen, oder macht es ihn blind für alles, was vor diesem Tod noch verloren gehen kann?

Gewissheit kann ebenso fesseln wie Angst
Kilroggs fehlendes Auge war kein bloßes Kennzeichen. Es war der sichtbare Preis einer Zukunftsschau, die jede spätere Entscheidung überschattete.
Wer das eigene Ende gesehen hat, kann große Furcht überwinden. Er kann aber auch vergessen, dass die Menschen um ihn herum ihre Enden nicht gewählt haben.
Bildquelle: Warcraft Wiki: Kilrogg DeadeyeDer Schamane, der die Warnung zu spät verstand
Noch bevor Gul'dan die Horde nach seinem Bild formte, war Ner'zhul die Stimme, der die Clans vertrauten. Der alte Schamane des Schattenmondklans sprach mit den Ahnen und kannte die Verantwortung, die ein Häuptling gegenüber seinem Volk trägt. Gerade weil die Orcs ihm glaubten, konnte Kil'jaeden ihn benutzen. Der Dämon erschien in der Gestalt Rulkans, Ner'zhuls verstorbener Gefährtin, und erzählte von einer Bedrohung durch die Draenei. Ner'zhul glaubte, sein Volk schützen zu müssen.
Als er begriff, dass die Visionen ihn in einen Krieg führen sollten, wollte er zurück. Doch Gul'dan hatte längst begriffen, wie sich aus Angst Gefolgschaft machen ließ. Er nahm die Rolle an, die Ner'zhul verweigerte, gründete den Schattenrat und kappte die Verbindung der Orcs zu ihren Elementen. Ner'zhuls Irrtum war nicht, dass er böse sein wollte. Er unterschätzte, wie schnell eine Lüge eine Gesellschaft verändert, sobald sie in den Händen eines Menschen liegt, der aus ihr Macht gewinnen will.
Dämonenblut und Völkermord
Der entscheidende Schritt ist Mannoroths Blut. Viele Orcs trinken es und werden stärker, wilder, grünhäutig und tiefer an die Legion gebunden. Grommash Höllschrei gehört zu den ersten, deren Entscheidung den Weg vieler anderer prägt. Die Verwandlung ist körperlich sichtbar, aber ihre eigentliche Wirkung ist geistig und kulturell. Die Orcs werden von einem Volk mit Clans und Ahnen zu einer Kriegsmaschine.
Die Draenei werden Opfer eines nahezu vollständigen Vernichtungskrieges. Städte fallen, Tempel werden geschändet, Überlebende fliehen oder werden gebrochen. Aus Sicht der Legion ist das mehr als Rache an Velen. Es ist Training. Die Horde soll lernen, dass Auslöschung möglich ist, dass Mitleid Schwäche sei und dass die eigene Zukunft nur in Eroberung liege.
Doch nach dem Gemetzel bleibt Draenor krank zurück. Felmagie vergiftet die Welt. Die Elemente schweigen. Die Horde hat gesiegt und zugleich ihre Grundlage verloren. Ein Volk, das zur Waffe gemacht wurde, braucht ein neues Ziel, sobald die erste Beute vernichtet ist.
Der Krieg beginnt mit dem Verlust einer gemeinsamen Sprache
Bevor die Orcs zu einer Horde werden, sprechen ihre Clans verschieden über Ehre, Jagd, Ahnen und Land. Gerade diese Vielfalt macht Kil'jaedens Täuschung so wirksam. Er muss nicht jeden Clan mit derselben Lüge überzeugen. Ner'zhul erhält Visionen, die wie die Stimmen der Ahnen wirken; ehrgeizige Krieger hören das Versprechen gemeinsamer Größe; verängstigte Familien sehen in den Draenei plötzlich eine Gefahr, die angeblich schon lange auf ihre Vernichtung wartet. Aus unterschiedlichen Sorgen formt Gul'dan eine einzige, einfache Feindschaft.
Als die Elemente verstummen, fehlt den Schamanen nicht bloß Macht. Ihnen fehlt die Sprache, in der Zweifel bislang geprüft wurden. Gul'dans Hexenmeister füllen diese Leere mit unmittelbaren Ergebnissen. Felmagie lässt Ernten, Körper und Landschaft verdorren, doch sie belohnt Gehorsam schnell genug, um jeden Verlust als notwendigen Preis erscheinen zu lassen. Das Blut Mannoroths vollendet keine plötzliche Verwandlung unschuldiger Clans. Es bindet ein Volk, das zuvor Schritt für Schritt daran gewöhnt wurde, Warnungen als Verrat zu behandeln.
Durotan, Draka und später der ernüchterte Ner'zhul erkennen Teile dieses Vorgangs, aber Erkenntnis ist noch keine Macht. Die Frostwölfe können sich dem Blut verweigern und dennoch nicht verhindern, dass Nachbarn, Verwandte und alte Freunde in den Krieg ziehen. Die Draenei wiederum verstehen zu spät, dass Kil'jaedens Hass sie auf einer weiteren Welt eingeholt hat. So beginnt der Völkermord nicht mit dem ersten Angriff auf einen Tempel. Er beginnt dort, wo zwei Völker, die lange denselben Himmel teilten, keine gemeinsame Wahrheit mehr besitzen und jede Stimme des Widerspruchs wie die Stimme des Feindes klingt.
Das Portal als Ausweg und Falle
Hier treffen Draenor und Azeroth zusammen. Medivh, unter Sargeras' Einfluss, und Gul'dan, Werkzeug Kil'jaedens und seines eigenen Ehrgeizes, öffnen den Weg zwischen den Welten. Für die Horde erscheint Azeroth als neues Land, als Überlebensmöglichkeit, als Ziel der Eroberung. Für die Legion ist es ein weiterer Schritt zurück zur Weltseele.
Das Dunkle Portal ist deshalb zugleich Ausweg und Falle. Es bietet den Orcs eine Zukunft, aber nur innerhalb der Geschichte, die ihre Verderber für sie geschrieben haben. Es bringt sie nach Azeroth, aber nicht frei von Draenors Schuld. Und es bringt Azeroth einen Krieg, der für die Menschen Stormwinds wie ein plötzlicher Einfall wirkt, in Wahrheit aber aus Argus, Sargeras, Kil'jaeden, Draenor, Tirisfal und Medivh hervorgeht.
Mit Jahr 0 endet die lange Vorgeschichte. Nicht weil alles erklärt wäre, sondern weil die getrennten Linien aufeinanderprallen. Von nun an wird Azeroths Geschichte nicht mehr nur unter der Erde, in Archiven oder in fernen Sternen vorbereitet. Sie marschiert durch ein offenes Tor.