Grommash Höllschrei verweigert Mannoroths Blut. Doch der Mann, der ihm diese Freiheit ermöglicht, ist sein eigener Sohn aus einer anderen Zukunft. Garrosh will die Orcs nicht retten, damit sie frei entscheiden können. Er will aus ihrer unverbrauchten Stärke eine Armee formen, die ihm endlich recht gibt.
Ein Krieg endet, aber Garrosh bleibt
Als die Tore unter Orgrimmar aufgebrochen werden, endet Garrosh Höllschreis Herrschaft. Horde und Allianz finden ihn in den Tiefen der Stadt, umgeben von der Macht des Herzens Y'Shaarjs und von den Trümmern seiner Vorstellung, nur eine von ihm ausgewählte Horde sei stark genug für die Zukunft. Thrall will ihn an Ort und Stelle töten. Der Pandarenfürst Taran Zhu hält ihn zurück. Garrosh habe Pandaria verwundet, sagt er sinngemäß, und müsse sich deshalb vor jenen verantworten, deren Land er geschändet hat.
Garrosh wird in Ketten gelegt und zum Tempel des Weißen Tigers gebracht. Dort soll kein Sieger über einen Besiegten richten, sondern ein Gericht untersuchen, wie aus dem Sohn eines verehrten Kriegshäuptlings ein Herrscher wurde, der Theramore vernichtete, Pandaria ausbeutete, andere Völker der Horde verachtete und selbst Orgrimmar in eine Festung gegen die eigene Gemeinschaft verwandelte. Tyrande Wisperwind führt die Anklage. Baine Bluthuf übernimmt widerwillig die Verteidigung, weil ein Urteil nur dann Bestand haben kann, wenn selbst Garrosh eine faire Anhörung erhält.
Für Garrosh ist dieser Prozess keine Gelegenheit zur Einsicht. Er hört Zeugen über Theramore, über seine Kriege und über die Menschen, die unter seinen Befehlen starben. Doch er versteht Reue als Unterwerfung unter die Moral seiner Feinde. In seiner eigenen Erinnerung bleibt er derjenige, der die Horde aus Hunger und Demütigung zu Größe führen wollte. Dass er dafür andere Völker zu Werkzeugen erklärte, sieht er nicht als Widerlegung seines Weges, sondern als Preis, den schwächere Anführer nicht zu zahlen wagten.
Der Wunsch, im Nachhinein recht zu behalten
Garroshs Flucht beginnt nicht mit einem Plan zur Rettung Draenors. Sie beginnt mit seiner Weigerung, die Niederlage in Orgrimmar als Urteil über seine Entscheidungen anzunehmen. Er will keine zweite Chance, um anders zu handeln. Er will eine zweite Welt, in der seine Vorstellung von Stärke noch einmal beginnen kann.
Sein Vater Grommash ist dabei mehr als ein nützlicher Kriegshäuptling. Garrosh wuchs lange im Schatten der Erzählung auf, Grommash habe die Orcs zuerst in die dämonische Knechtschaft geführt und später durch sein Opfer befreit. Auf dem anderen Draenor kann der Sohn dem Vater vor dem ersten Fehler begegnen. Garrosh will ihm die Schande ersparen, aber er will zugleich von ihm bestätigt werden.
Bildquelle: Warcraft Wiki: Garrosh HellscreamDer Prozess gibt Garrosh Worte, aber keine Reue
Nach der Belagerung Orgrimmars wird Garrosh nicht hingerichtet. Taran Zhu bringt ihn nach Pandaria, damit sich ein gemeinsames Gericht mit seinen Taten befasst. Ankläger und Verteidiger rufen Zeugen aus vielen Epochen seines Lebens auf. Der Prozess soll nicht nur Schuld feststellen. Er soll verhindern, dass jede Fraktion ihre eigene Rache als Gerechtigkeit ausgibt.
Garrosh hört, wie Cairnes Tod, Theramore, Pandaria und die Unterdrückung der Hordenvölker beschrieben werden. Er nutzt diese Rückblicke nicht, um seine Entscheidungen neu zu bewerten. Er sieht darin Beweise, dass andere zu schwach waren, seinen Willen zu tragen. Kairozdormu beobachtet den Prozess aus einem anderen Blickwinkel. Als Bronzedrache kennt er Wege durch mögliche Zeitlinien und ist überzeugt, dass man aus ihnen eine Armee gewinnen könne, die gegen kommende Gefahren steht.
Mit Unterstützung der Drachenschlund-Orcin Zaela befreit Kairoz den Gefangenen. Das Fragment der Vision der Zeit öffnet keinen einfachen Weg in die bekannte Vergangenheit, sondern in eine abzweigende Möglichkeit Draenors. Kairoz will viele solcher Welten erschließen. Garrosh weigert sich, Werkzeug eines neuen Herrn zu werden, und tötet ihn. Damit beginnt seine zweite Gelegenheit erneut mit Verrat. Er sucht keine Heilung seiner Geschichte, sondern einen Ort, an dem niemand die Macht besitzt, ihn für sie zur Verantwortung zu ziehen.
Kairozdormu und die Macht der Bronze-Drachen
Unter den Anwesenden des Prozesses befindet sich Kairozdormu, meist Kairoz genannt. Er gehört zum bronzenen Drachenschwarm. Diesem Schwarm hatte der Titan Aman'Thul einst die Aufsicht über die Zeitwege übertragen. Sein Anführer Nozdormu konnte lange erkennen, wie Ereignisse miteinander verbunden waren, und seine Drachen sollten verhindern, dass jemand die Vergangenheit nach eigenem Wunsch verändert.
Diese Aufgabe macht Kairoz nicht allmächtig. Bronze-Drachen bewegen sich nicht beliebig durch die Zeit, ohne Folgen zu riskieren. Seit die Drachenaspekte beim Sieg über Todesschwinge einen großen Teil ihrer titanischen Macht aufgegeben haben, ist ihre Gewissheit zudem geschwächt. Gerade darin sieht Kairoz keine Warnung, sondern eine Möglichkeit. Er glaubt, dass die Bronze-Drachen zu lange nur bewahrt haben, was bereits geschehen ist. Seiner Ansicht nach könnten sie aus anderen Zeitwegen bessere Zukünfte auswählen und ganze Welten zu Waffen gegen kommende Gefahren machen.
Auf der Zeitlosen Insel lässt Kairoz ein Artefakt erschaffen: die Vision der Zeit, eine Stundenglasform aus verdichteter Zeitenergie. Mit ihr können vergangene Ereignisse, mögliche Zukünfte und benachbarte Wirklichkeiten sichtbar werden. Während des Prozesses dient das Artefakt zunächst als Beweismittel. Es zeigt Szenen aus Garroshs Leben, ohne dass das Gericht allein den Erinnerungen von Zeugen vertrauen muss. Heimlich verändert Kairoz die Vision jedoch weiter. Er will nicht länger nur durch Fenster in andere Möglichkeiten blicken. Er will eine Tür öffnen.
Warum Kairoz ausgerechnet Garrosh befreit
Kairoz handelt nicht allein. Der junge schwarze Drache Furorion fürchtet seit Pandaria die Rückkehr der Brennenden Legion. Er hatte gehofft, Horde oder Allianz würden den anderen Bund vollständig besiegen und Azeroth unter einer einzigen militärischen Führung vereinen. Als Varian Wrynn nach Garroshs Sturz auf eine Zerschlagung der Horde verzichtet, bleibt Furorions Angst bestehen: Eine geteilte Welt werde dem nächsten Angriff der Legion nicht gewachsen sein.
Für Kairoz bietet Garrosh deshalb eine seltene Verbindung aus Wissen, Ehrgeiz und Rücksichtslosigkeit. Der gefallene Kriegshäuptling kennt die Orc-Clans, moderne Waffen und die Schwächen Azeroths. Kairoz will ihn auf ein anderes Draenor bringen, dort eine Horde ohne dämonische Verderbnis aufbauen und diese Armee gegen die Legion einsetzen. Ein einziges Heer genügt ihm jedoch nicht. Wenn die Vision der Zeit beherrschbar wird, könnten aus vielen Zeitwegen immer neue Horden geholt werden.
Damit verrät Kairoz die Aufgabe seines Schwarms. Er will Völker nicht mehr vor Eingriffen in ihre Geschichte schützen, sondern ihre möglichen Leben danach auswählen, ob sie für seinen Krieg nützlich sind. Seine Absicht entspringt einer wirklichen Gefahr. Die Legion wird zurückkehren. Doch er beantwortet diese Gefahr mit demselben Irrtum, der auch Garrosh antreibt: Andere sollen nur so viel Freiheit besitzen, wie sein eigener Plan erlaubt.
Die Flucht aus dem Tempel des Weißen Tigers
Bevor das Gericht ein Urteil sprechen kann, setzt Kairoz seine Vorbereitungen in Gang. Verbündete Garroshs greifen ein, und die Vision der Zeit reißt Wege zu anderen Möglichkeiten auf. Für Augenblicke treten andere Fassungen bekannter Personen aus benachbarten Zeitlinien hervor und stürzen den Tempel ins Chaos. Kairoz entkommt mit Garrosh. Das Artefakt zerbricht dabei, doch ein Splitter bleibt stark genug, um beide durch Raum und Zeit zu tragen.
Ihr Ziel ist nicht die eigene Vergangenheit. Das ist entscheidend. Garrosh kehrt nicht einfach drei Jahrzehnte zurück und verändert damit seine Herkunft. Kairoz wählt ein anderes Draenor, dessen Geschichte der bekannten Welt ähnelt, aber nicht mit ihr identisch ist. Auf diesem Draenor wurde Garrosh nie geboren. Sein Auftauchen kann deshalb nicht dazu führen, dass er als Kind und Erwachsener zugleich existiert. Die Menschen dieser Welt sind keine Erinnerungen und keine bloßen Kopien. Für sie ist ihre Gegenwart die einzige, die sie kennen.
Kairoz erklärt Garrosh, dass sie aus dieser Welt eine Armee gewinnen können. Garrosh erkennt sofort, dass der Drache ihn nur als Werkzeug betrachtet. Kaum sind sie angekommen, tötet er Kairoz mit dem Splitter der Vision der Zeit. Der Mann, der sich nicht mehr von Thrall, der Horde oder einem Gericht beurteilen lassen will, wird auch keinem Bronze-Drachen dienen. Er nimmt den Splitter an sich und macht sich allein auf die Suche nach Grommash.
Ein Sohn begegnet einem Vater, der ihn nie hatte
Grommash Höllschrei ist zu diesem Zeitpunkt Häuptling des Kriegshymnenclans. Er ist stolz, schnell zum Kampf bereit und tief davon überzeugt, dass ein Orc sein Schicksal mit eigener Kraft erzwingen muss. Er kennt Garrosh nicht. In dieser Zeitlinie hat er keinen Sohn dieses Namens. Garrosh kann ihm daher nicht mit familiärer Autorität begegnen. Er muss eine Geschichte erzählen, die Grommashs Stolz erreicht.
Mit dem Splitter der Vision zeigt Garrosh ihm ausgewählte Bilder aus der anderen Zukunft: das Blut Mannoroths, die dämonische Verderbnis, die Niederlage der Horde und die Gefangenenlager nach dem Zweiten Krieg. Er zeigt nicht, wie Grommash selbst das Blut trank, Cenarius tötete und schließlich sein Leben opferte, um Mannoroth zu vernichten. Er zeigt auch nicht, dass Thrall aus den besiegten Clans eine neue Gemeinschaft formte. Garrosh gibt seinem Vater genug Wahrheit, um Gul'dans Angebot zu durchschauen, aber nicht genug, um seine eigene Absicht zu erkennen.
Hinzu kommt Wissen aus der Zukunft. Garrosh kennt Belagerungsmaschinen, Schusswaffen, industrielle Fertigung und die Technik der Schwarzmeuchler-Gesellschaft, die einst für ihn arbeitete. Er muss keine fertige Armee aus Azeroth mitbringen. Es genügt, den Schmieden des Schwarzfelsclans zu zeigen, was gebaut werden kann, und den Kriegsherren zu erklären, wo ihre Feinde verwundbar sind.
Grommash verweigert das Blut
Gul'dan versammelt die Clans und bietet ihnen Mannoroths Blut als Quelle unüberwindbarer Stärke an. In der bekannten Geschichte war Grommash der Erste, der trank. Nun weiß er, dass die Gabe eine Kette ist. Er stößt den Kelch zurück, und die vorbereiteten Waffen der Eisernen Horde richten sich gegen Mannoroth.
Grommash tötet den Grubenlord mit Garroshs Hilfe. Der Sieg befreit die Orcs tatsächlich von der ersten dämonischen Bindung. Doch Garrosh hat ihnen nicht gezeigt, wie sie ohne Eroberung zusammenleben können. Das neue Bündnis wird nicht durch Teufelsblut zusammengehalten, sondern durch Stolz, Furcht, Industrie und das Versprechen, dass Draenor den Orcs gehören müsse.
Bildquelle: Warcraft Wiki: Grommash HellscreamAus freien Clans wird die Eiserne Horde
Grommash übernimmt die Führung des neuen Bundes. Blackhand und der Schwarzfelsclan bauen die Gießereien und Kriegsmaschinen. Kilrogg Totauge führt den Clan des Blutenden Auges mit der Gewissheit eines Mannes, der den eigenen Tod gesehen hat. Kargath Messerfaust bringt die Zerschmetterte Hand ein, deren Freiheit aus Aufstand und selbst zugefügtem Schmerz hervorgegangen ist. Ner'zhul gerät mit den Schattenmondorcs unter Druck, weil Grommash auch von ihm eine Waffe verlangt. Nicht jeder Clan folgt: Durotans Frostwölfe weigern sich, ihre Selbstständigkeit gegen einen Platz in der Kriegsmaschine einzutauschen.
Die Eiserne Horde ist deshalb nicht einfach die alte Horde ohne grünes Blut. Sie besitzt andere Mittel, aber viele ihrer Ziele bleiben ähnlich. Die Draenei sollen weichen oder sterben. Ogerreiche werden bedroht und zu Bündnissen gezwungen. Abweichende Orcs gelten als Hindernis. Garrosh hat die erste Ursache der Verderbnis entfernt, aber die Vorstellung bewahrt, Größe müsse sich in der Unterwerfung anderer beweisen.
Schließlich lässt die Eiserne Horde ein Dunkles Portal errichten. Der Splitter der Vision der Zeit verbindet dieses Draenor mit Garroshs Gegenwart auf Azeroth. Als sich das Portal öffnet, leuchtet es nicht mehr grün, sondern rot. Durch dieses Tor marschiert keine Legion. Es kommt eine Armee von Orcs, die nie Mannoroths Blut getrunken hat und gerade deshalb beweisen soll, dass Garroshs Krieg nie an den Dämonen lag.