Die Stimmen über dem Tal
Der Schattenmondklan lebte im Süden Draenors, wo der Himmel über den dunklen Wäldern zum Kalender, Lehrmeister und Spiegel der Geisterwelt wurde. Seine Schamanen beobachteten Gestirne, ehrten die Ahnen und suchten in wiederkehrenden Zeichen nach dem richtigen Augenblick für Reise, Jagd und Rat. Unter den Orc-Klans galt er weniger als Eroberer denn als geistige Autorität.
Ner'zhul führte den Klan und beriet Schamanen weit über dessen Grenzen hinaus. Sein Ansehen beruhte nicht auf erzwungenem Gehorsam. Andere hörten ihm zu, weil sie glaubten, durch ihn sprächen Erfahrung und Ahnen. Genau deshalb wählte Kil'jaeden ihn als Werkzeug. Um alle Orcs in einen Krieg zu treiben, musste der Betrüger zuerst jenen Mann überzeugen, dem sie ihre Zweifel anvertrauten.
Eine geliebte Stimme lügt
Kil'jaeden erschien Ner'zhul in der Gestalt seiner verstorbenen Gefährtin Rulkan. Die falsche Ahnin warnte, die Draenei planten die Vernichtung der Orcs. Gul'dan, den der Klan aus Mitleid aufgenommen und den Ner'zhul als Schüler angenommen hatte, fütterte diese Täuschung mit weiteren Lügen. Als schließlich die Klans am Oshu'gun zusammenkamen, stand hinter ihrem neuen Bündnis nicht bloß Hass, sondern missbrauchtes Vertrauen.
Ner'zhul rief zum Krieg, und seine Stellung gab der Behauptung Gewicht. Erst als er selbst zu den wirklichen Ahnen vordrang, erfuhr er, dass Rulkan nie zu ihm gesprochen hatte. Die Erkenntnis machte die bereits ermordeten Draenei nicht wieder lebendig. Sie zeigt die besondere Tragödie des Schattenmondklans: Seine Spiritualität war nicht von Natur aus ein Weg zur Verderbnis. Sie wurde verwundbar, weil selbst ehrliche Frömmigkeit gefährlich wird, wenn eine Stimme allein über Wahrheit und Handeln entscheidet.
Gul'dan übernimmt den Schatten
Kil'jaeden erkannte Ner'zhuls Zweifel und wandte sich ganz Gul'dan zu. Dessen Anhänger nahmen den alten Schamanen gefangen und ließen ihm nur den Anschein seiner früheren Würde. Aus Schamanen des Schattenmondklans entstand der erste Kreis des Schattenrats. Wo einst Ahnen um Rat gebeten worden waren, wurden nun Dämonen beschworen und Entscheidungen hinter dem Rücken der Klans gelenkt.
Der Name Schattenmond bekam dadurch einen anderen Klang. Klanmitglieder dienten der Alten Horde als Späher, schnelle Kämpfer und Hexenmeister, während Gul'dans geheime Ordnung immer größeren Einfluss gewann. Nicht jeder Angehörige trug dieselbe Schuld, aber alle lebten mit den Folgen der Autorität, die aus ihrem Klan gekommen war. Die Horde hatte Ner'zhuls Stimme vertraut; der Schattenrat lernte daraus, wie leicht sich Vertrauen in eine unsichtbare Kette verwandeln ließ.
Ner'zhuls letzter Ausweg
Nach der Niederlage der Horde auf Azeroth gewann Ner'zhul auf Draenor erneut Macht. Er sammelte die verbliebenen Klans und ließ Artefakte aus Azeroth rauben, um Portale zu anderen Welten zu öffnen. Was er als Flucht und neue Zukunft ausgab, war zugleich der Versuch eines gebrochenen Mannes, noch einmal über das Schicksal seines Volkes zu bestimmen. Wieder setzte er eine ganze Welt für eine Entscheidung ein, die nur wenige verstanden.
Die vielen Risse zerrissen Draenor und ließen die Scherbenwelt zurück. Ner'zhul floh mit Gefolgsleuten durch eines der Portale, doch Kil'jaeden fing ihn ab, zerstörte seinen Körper und formte aus seinem Geist den Lichkönig. So führte der Weg des Schattenmondhäuptlings von gefälschten Ahnenstimmen zu einer Stimme im Eis, die selbst Tote beherrschte. Sein Leid war wirklich; ebenso wirklich blieb die Verwüstung, die aus seinen Versuchen entstand, Schuld durch die nächste große Tat zu überwinden.
Der Klan einer anderen Zeitlinie
Auf dem alternativen Draenor blieb der Schattenmondklan zunächst friedlich und zurückgezogen. Diese Geschichte ist kein früheres Kapitel des Hauptclans, sondern eine abweichende Entwicklung. Grommash Höllschrei zwang Ner'zhul dort, der Eisernen Horde beizutreten und eine Macht zu liefern, die seinen Klan vor der Vernichtung bewahren sollte. Der Schamane brach alte Gesetze, griff nach dem Dunklen Stern und zog Leerenmagie in die Gräber seiner Ahnen.
Aus Schutz wurde erneut Entweihung. Die Schattenmond hoben Tote aus geheiligter Erde und machten den Himmel, den sie einst gelesen hatten, zur Quelle eines erzwungenen Schattens. Ner'zhul fiel in den Begräbnisstätten seines Klans. Beide Zeitlinien unterscheiden sich in Täuschern, Umständen und Magie, doch sie stellen dieselbe Frage: Was bleibt von einer geistigen Tradition, wenn ihr Führer das Überleben nur noch durch verbotene Macht sichern will? Der Schattenmondklan mahnt, dass Herkunft keine Verdammnis ist. Gerade deshalb trägt jede Entscheidung, die im Namen der Ahnen getroffen wird, eine Verantwortung gegenüber den Lebenden.