Der Augenblick, in dem Argus verloren ging
Bevor sie Draenei hießen, waren sie Eredar. Auf Argus hatten sie eine Zivilisation geschaffen, in der Magie, Wissenschaft, Kunst und kristallene Technik ineinandergriffen. Kil'jaeden, Archimonde und Velen führten dieses Volk, und vielleicht lag gerade in seiner Größe die Versuchung, der es begegnete. Als Sargeras ihnen Wissen und Macht ohne erkennbare Grenze versprach, erschien sein Angebot vielen nicht wie Unterwerfung, sondern wie der nächste folgerichtige Schritt.
Velen sah in einer Vision, was hinter dem Geschenk stand: Die Eredar würden zu Werkzeugen der Brennenden Legion werden und andere Welten in denselben Abgrund ziehen. Kil'jaeden und Archimonde glaubten ihm nicht oder wollten ihm nicht glauben. Mit Hilfe des Naaru K'ure floh Velen mit nur wenigen Hundert Getreuen an Bord der Genedar. Sie nannten sich fortan Draenei, die Verbannten. Der Name machte aus dem Verlust keine Niederlage. Er hielt fest, dass sie lieber ohne Heimat leben wollten als in einer Heimat, die ihre Seele verlangte.
Jahrtausende auf der Flucht
Kil'jaeden empfand Velens Entscheidung als persönlichen Verrat. So begann eine Jagd, die nicht in Jahren, sondern in Jahrtausenden gemessen wurde. Die Genedar trug die Flüchtlinge von Welt zu Welt. Manche Orte boten für eine Weile Wälder, Himmel und die Möglichkeit, Häuser zu bauen; dann fanden die Späher der Legion ihre Spur, und aus Heimat wurde erneut eine Abreise. Nicht alle Draenei blieben auf demselben Weg. Die Xenedar und jene, die später lichtgeschmiedet wurden, trennten sich von ihnen und führten den Krieg gegen die Legion auf andere Weise fort.
Die Naaru lehrten die Draenei das Licht nicht als Tauschgeschäft, sondern als Hoffnung auf eine Gemeinschaft freier Völker gegen die Legion. Diese Lehre prägte Priester, Verteidiger und Vindikatoren. Doch ihr Glaube war nie die Abwesenheit von Zweifel. Wer immer wieder fliehen muss, fragt zwangsläufig, ob Hoffnung noch eine Tugend oder schon eine Gewohnheit ist. Die Draenei antworteten darauf, indem sie Wissen bewahrten, Verwundete heilten und auf jeder Welt wieder etwas errichteten, obwohl sie wussten, wie schnell es brennen konnte.
Draenor und der Preis von Kil'jaedens Rache
Als die Genedar auf einer neuen Welt abstürzte, wurde ihr kristallener Leib zu Oshu'gun. Die Draenei nannten den Planeten Draenor und lebten lange in vorsichtiger Nachbarschaft mit den Orcklans. Handel und einzelne Freundschaften waren möglich, doch beide Kulturen blieben einander fremd. In dieser Distanz fand Kil'jaeden den Spalt für seine Rache.
Er und Gul'dan täuschten die Orcs, vergifteten ihre spirituelle Bindung und erklärten die Draenei zur tödlichen Bedrohung. Aus Klanfehden wurde eine Horde, aus Schamanen wurden Hexenmeister, und dämonisches Blut machte aus Angst einen Krieg. Städte wie Shattrath fielen. Unzählige Draenei wurden ermordet; andere zerbrachen körperlich und seelisch unter felverseuchter Magie und wurden zu Krokul oder Verlorenen. Für die Überlebenden war es besonders bitter, dass nicht eine fremde Legion allein kam. Kil'jaeden hatte Nachbarn zu Vollstreckern gemacht.
Die Exodar und eine neue Allianz
Viele Jahre später eroberten Draenei um Velen einen Satelliten der Festung der Stürme, die Exodar. Blutelfische Saboteure beschädigten das Schiff während der Flucht. Es stürzte auf der Azurmythosinsel ab, riss kristallene Trümmer in die Landschaft und brachte seine Bewohner nach Azeroth. Wieder begann ihre Ankunft nicht mit einem Triumph, sondern mit Verwundeten, zerstörter Technik und der Notwendigkeit, Fremden zu erklären, wer sie waren.
Die Nachtelfen halfen ihnen, und die Draenei schlossen sich der Allianz an. Ihr Wissen über Dämonen machte sie zu wichtigen Verbündeten, doch sie brachten mehr als Kriegserfahrung. Mit der Exodar kamen eine fremdartige Architektur, Elekks, Kristalltechnologie und eine Erinnerung an den Kosmos, die Azeroths Konflikte in einen größeren Zusammenhang stellte. In Sturmwind und auf den Inseln mussten sie zugleich lernen, dass auch eine gastfreundliche Welt ihre Vorurteile besitzt.
Heimkehr ohne Rückkehr
Im letzten großen Feldzug gegen die Legion reiste Velen mit Azeroths Streitern nach Argus. Dort trafen die Draenei auf Lichtgeschmiedete, auf zurückgelassene Krokul und auf Man'ari, die Sargeras gefolgt waren. Die Heimkehr stellte keine frühere Ordnung wieder her. Argus war verwüstet, vertraute Orte waren Gefängnisse oder Schlachtfelder, und selbst ein Sieg konnte die Jahrtausende der Verfolgung nicht rückgängig machen.
Gerade darin liegt die besondere Stärke der Draenei. Sie werden nicht dadurch bestimmt, dass das Licht jede ihrer Entscheidungen bestätigt. Velen irrte, Naaru konnten fallen, und manche ihrer eigenen Leute gingen andere Wege. Dennoch weigerten sie sich, erlittenes Unrecht zum einzigen Erbe zu machen. Ein Draenei trägt Argus, Draenor, die Exodar und Azeroth zugleich in sich. Heimat ist für dieses Volk kein unversehrter Boden mehr. Sie entsteht dort, wo Verbannte einander Namen geben, Wissen weiterreichen und nach jedem Absturz wieder eine Tür öffnen, obwohl der Himmel schon einmal voller Verfolger war.