Hundert Siege und keine Freiheit
Kargath wuchs nicht am Feuer eines freien Orcklans auf. Die Oger des Gorianischen Imperiums hielten ihn unter Hochfels als Sklaven und schickten ihn in die Arena. Dort wurde ihm ein Handel angeboten: Hundert Siege über andere Orcs sollten ihm die Freiheit bringen. Kargath überlebte jeden Kampf. Als er die geforderte Zahl erreicht hatte, öffnete sich jedoch kein Tor. Die Oger warfen ihren erfolgreichen Gladiator zurück in die Zelle und bewiesen ihm, dass ein Gesetz in den Händen eines Besitzers nur eine weitere Kette sein konnte.
In der Dunkelheit wartete Kargath nicht auf ein zweites Versprechen. Er trennte die gefesselte Hand ab und befreite den Arm aus dem Eisen. Andere Gefangene folgten seinem Beispiel. Mit Klingen an den blutenden Stümpfen erhoben sie sich, töteten den Herrscher ihrer Peiniger und machten aus einer Verstümmelung das Zeichen eines neuen Klans. So entstand die Zerschmetterte Hand. Ihr Gründungsaugenblick verherrlichte nicht den unversehrten Sieger, sondern den Sklaven, der bereit gewesen war, einen Teil des eigenen Körpers zurückzulassen.
Ein Klan aus einer offenen Wunde
Kargath ersetzte seine linke Hand durch eine Sense und wurde zum Häuptling. Sein Klan siedelte in den Spitzen von Arak und trug die Erfahrung der Arena in seine Ordnung hinein. Schmerz galt nicht mehr nur als etwas, das ein Feind zufügte. Er wurde Prüfung, Sprache und sichtbarer Beweis dafür, dass niemand die Zerschmetterte Hand noch einmal besitzen sollte. Gerade darin lag die Tragik ihrer Freiheit: Die Oger hatten ihre Körper nicht mehr in Ketten, doch die Regeln der Arena lebten in ihnen fort.
Als Schwarzfaust die Orcs zur Horde formte, gehörte Kargath sogar dem Schattenrat an, obwohl er kein Hexenmeister war. Er überwachte Bündnisse und unbotmäßige Klans und stellte seine Krieger in den Dienst einer immer größeren Kriegsmaschine. Nach dem Fall Shattraths erhielt er den Befehl, die hohen Arakkoa auszulöschen, deren Himmelswaffe die Horde bedrohte. Kargath verbündete sich zunächst mit ausgestoßenen Arakkoa, ließ sie die Waffe zerstören und wandte sich nach dem gemeinsamen Sieg auch gegen sie. Aus Misstrauen war bei ihm eine Taktik geworden, aus Verrat eine Vorsichtsmaßnahme.
Zurückgelassen in der Höllenfeuerzitadelle
Nach der Niederlage der Horde auf Azeroth folgte Kargath Ner'zhuls Plan, neue Portale zu öffnen. Als die Söhne Lothars nach Draenor kamen, führte er monatelang Angriffe gegen ihre Stellungen. Schliesslich ließ Ner'zhul ihn zusammen mit Dentarg in der Höllenfeuerzitadelle zurück, damit die Allianz dort nach dem falschen Ziel suchte. Kargaths Klan wurde beinahe vernichtet. Er selbst erkannte, dass sein Kriegshäuptling ihn geopfert hatte, und entkam mit wenigen Überlebenden.
In Nagrand verlangte er von Großmutter Geyah neue Krieger. Sie verweigerte ihm die Kranken und Schutzbedürftigen ihres Dorfes. Kargath zog wütend davon, doch selbst er sah, dass sein Restheer keinen weiteren Feldzug tragen konnte. Er gab den Kampf vorerst auf und schwor, die Zitadelle eines Tages zurückzunehmen. Er, der jede Bindung als drohende Gefangenschaft verstand, hatte sich von einem Führer benutzen lassen, der seine Gefolgsleute ebenso kalt verbrauchte wie einst die Oger ihre Gladiatoren.
Kriegshäuptling der Teufelshorde
Kargath hielt sein Versprechen. In der Scherbenwelt wurde er zum Teufelsorc, ersetzte schließlich auch die andere Hand durch eine Waffe und herrschte in der zurückeroberten Höllenfeuerzitadelle über die Teufelshorde. Der einstige Sklave bewachte nun selbst einen Gefangenen: Magtheridon lag unter der Festung und wurde ausgeblutet, damit seine Essenz weitere Orcs verderben und zu gehorsamen Waffen machen konnte. Kargath stand damit am Ende genau auf der anderen Seite jenes Vorgangs, der sein Leben begonnen hatte.
Als Horde und Allianz durch das Dunkle Portal in die Scherbenwelt vordrangen, fanden sie keinen Befreier der Geknechteten. In den Zerschmetterten Hallen wartete ein Kriegshäuptling, dessen Reich auf Folter, Teufelsblut und erzwungener Verwandlung beruhte. Kargath fiel dort im Kampf. Mit seinem Tod endete die Herrschaft der Teufelshorde in der Zitadelle. Teile seines Klans waren da längst andere Wege gegangen: Mitglieder der Zerschmetterten Hand dienten in Thralls Horde in Orgrimmar und unterwiesen Schurken, ohne Kargaths Verderbnis übernehmen zu müssen.
Die Hallen hinter der äußeren Mauer
Kargaths Herrschaft war in jedem Flügel der Höllenfeuerzitadelle sichtbar. Gargolmar, den er persönlich eingesetzt hatte, hielt das Bollwerk, während Omor als Illidans Gesandter über die Verbindung zum Schwarzen Tempel wachte. Im Blutkessel beschleunigte der Schöpfer die Verderbnis widerspenstiger Orcs, Broggok löschte Zweifel aus und Keli'dan hielt Magtheridon in jener Gefangenschaft, aus der die Höllenhorde ihr Blut bezog.
In den Zerschmetterten Hallen warteten die Ergebnisse. Nethekurse folterte junge Höllenorcs, bis geistige und körperliche Grenzen bekannt waren. Porung wollte die Schlachten nachholen, die ihm eine alte Wunde genommen hatte. O'mrogg gehörte trotz des ewigen Streits seiner beiden Köpfe zu den tödlichsten Kämpfern der Armee. Kargath hatte aus sehr verschiedenen Wunden ein Heer gebaut, solange jede von ihnen am Ende auf seinen Befehl zuschlug.
Der Kriegshäuptling im Zentrum der Kaserne
Wer Kargaths Kammer erreichte, stand nicht in einem leeren Thronsaal. Immer neue Wachen strömten aus den Seitengängen und verteidigten den Kriegshäuptling. Die Zerschmetterten Hallen waren eine arbeitende Kaserne, kein Denkmal. Selbst wenn Offiziere fielen, schickte die Festung weitere Körper in den Kampf.
Kargath trug an beiden Armen Waffen und machte aus der Verstümmelung seiner Flucht eine dauernde Kampfkunst. Er wirbelte durch die Eindringlinge, wechselte sein Ziel in schnellen Sturmläufen und ließ die Klingen wie eine bewegliche Arena um sich kreisen. Der ehemalige Gladiator hatte Hochfels verlassen, aber sein letzter Raum verlangte wieder, dass Stärke vor Zuschauern und Untergebenen durch Blut bewiesen wurde.
Freiheit, die andere nicht frei ließ
Kargaths Niederlage beendete die Führung der Höllenhorde in der Zitadelle. Sie löste nicht sofort jeden verderbten Orc von Magtheridons Blut, aber sie nahm der Armee den Mann, der aus seiner eigenen Befreiung ein Gesetz für die Unterwerfung anderer gemacht hatte. Der Schlüsselbund des Kriegshäuptlings öffnete weitere Wege und machte seinen Fall zum Übergang vom Kampf gegen die Höllenorcs zur Konfrontation mit den Herren hinter ihnen.
Die Zerschmetterte Hand in Thralls Horde bewies zugleich, dass Kargaths Ursprung nicht zwangsläufig zu diesem Ende führen musste. Andere Mitglieder bewahrten Erinnerung, Schurkentradition und das Zeichen des Klans, ohne eine Fabrik aus Folter und Teufelsblut zu führen. Kargath blieb ein großer Befreier seiner Jugend und ein Tyrann seiner späten Jahre. Die Hallen verbinden beides, weil ihr Herr nie lernte, Freiheit anders zu denken als den Augenblick, in dem er selbst die stärkere Klinge hielt.
Der zweite Kargath
Die durch Garrosh und Kairoz geschaffene alternative Zeitlinie brachte eine andere Fassung Kargaths hervor. Auch dieser Gladiator erkämpfte seinen hundertsten Sieg, verlor die Hand bei der Flucht und gründete aus den befreiten Sklaven seinen Klan. Er trank jedoch nicht vom Dämonenblut. Stattdessen schloss er sich Grommashs Eiserner Horde an und wurde als einer ihrer Kriegsherren zum gefeierten Kämpfer von Hochfels. Dort fiel er in jener Arena, aus der er sich einst befreit hatte. Diese Geschichte gehört nicht als spätes Kapitel in die Biografie des ursprünglichen Kargath, sondern als eigener Verlauf eines anderen Draenor.
Beide Leben beginnen mit derselben kraftvollen Tat und führen zu ähnlichen Fragen. Kargath bewies, dass ein Unterdrückter sich selbst aus einer vollkommen ungerechten Ordnung reißen kann. Er bewies aber nicht, dass er danach frei von ihr war. In der ursprünglichen Zeitlinie verwandelte er andere Orcs mit dem Blut eines Gefangenen; in der alternativen kehrte er als Herr des Schmerzes in die Arena zurück. Seine Klinge steht darum nicht nur für den Preis der Freiheit. Sie zeigt, wie leicht eine Wunde zum Gesetz wird, wenn der Überlebende nur gelernt hat, nie wieder unten zu liegen, aber nie, wie eine Welt ohne Käfig aussehen könnte.