Der Wächter unter den Bergen
Bevor es Todesschwinge gab, flog Neltharion an der Seite jener Protodrachinnen und Protodrachen, die Galakronds Hunger ein Ende setzten. Die Titanenhüter erhoben fünf von ihnen zu Aspekten. Neltharion erhielt die Macht über Erde und Tiefe, denn er galt als stark, zuverlässig und fähig, Lasten zu tragen, an denen andere zerbrechen würden. Als Erdwächter spürte er die Adern des Gesteins, die Bewegung der Kontinente und das Gewicht dessen, was tief unter Azeroth eingeschlossen lag.
Gerade dort warteten die Alten Götter. Ihre Gefängnisse lagen in jenem Reich, das Neltharion hüten sollte, und ihre Stimmen fanden zu ihm, ohne eine Tür öffnen zu müssen. Sie nährten die Vorstellung, nur er verstehe die Gefahr vollständig und nur seine Ordnung könne die Welt retten. Aus Verantwortung wurde Besitzanspruch. Wer jede Erschütterung allein fühlt, kann irgendwann glauben, auch jede Entscheidung allein treffen zu dürfen.
Aberrus und die Furcht vor Kontrollverlust
In Aberrus, seinem verborgenen Labor unter den Dracheninseln, suchte Neltharion nach Mitteln gegen die Primalisten. Dort ließ er die Dracthyr erschaffen: drachische Kraft, verbunden mit der Anpassungsfähigkeit sterblicher Völker. Mit dem Eidbinder zwang er ihnen Einheit und Gehorsam auf. Er nannte es Führung, doch seine Soldaten sollten nicht nur gemeinsam handeln. Sie sollten unfähig sein, seinen Willen in Frage zu stellen.
Als Raszageth die Verbotene Insel angriff und den Eidbinder zerbrach, griff Neltharion offen nach der Leere, um sie zu bannen. Danach ließ er die Dracthyr in Stasis versetzen, weil er einer Armee ohne vollkommene Kontrolle nicht vertraute. In Harrowsgrund setzte er dieselbe verbotene Macht gegen Iridikron ein. Jeder Erfolg schien ihm zu beweisen, dass nur seine Geheimnisse Azeroth bewahrten; tatsächlich bewiesen sie, wie weit er sich bereits von allen entfernt hatte, die ihn hätten zurückhalten können.
Die Drachenseele
Während des Krieges der Ahnen überzeugte Neltharion die anderen Schwärme, einen Teil ihrer Macht in ein goldenes Artefakt zu legen. Die Drachenseele sollte die Brennende Legion vernichten. Heimlich hatte er sie so geformt, dass er selbst von ihrem Zwang ausgenommen blieb. Als die Drachen gemeinsam gegen die Dämonen flogen, wandte er die Waffe gegen Freund und Feind und erklärte sich zum Herrn der übrigen Schwärme.
Die Macht zerriss seinen Körper. Geschmolzenes Feuer brach durch seine Schuppen, und Diener nieteten Platten aus Adamantium auf ihn, damit seine Gestalt nicht auseinanderfiel. Von da an nannte er sich Todesschwinge. Der neue Name verbarg nicht einen plötzlichen Wechsel, sondern machte sichtbar, was lange gewachsen war: Neltharion wollte die Welt noch immer vor Chaos retten, aber nur noch, indem alles Lebendige seiner Vorstellung von Ordnung unterworfen wurde.
Ein Vater, der nur Werkzeuge sah
Nach der Zerschlagung Draenors und vielen verborgenen Feldzügen setzte Todesschwinge seine Kinder, Eier und ganzen Brutlinien für Pläne ein, die den schwarzen Schwarm reinigen oder vermehren sollten. Onyxia und Nefarian erbten seine Täuschung und Grausamkeit. Sabellian blieb mit einer Brut in der Scherbenwelt zurück. Wrathion entstand aus einem Versuch, schwarze Dracheneier von der Verderbnis zu lösen. Selbst Verwandtschaft war für Todesschwinge kein Ort gegenseitiger Treue, sondern ein weiterer Vorrat an brauchbaren Wesen.
Sein Erwachen aus Tiefenheim löste den Kataklysmus aus. Berge barsten, Küsten versanken und die Narbe seines Fluges zog sich durch die Kontinente. Ragnaros und Al'Akir dienten dem Feldzug, der die Stunde des Zwielichts herbeiführen sollte. Die Zerstörung war nicht bloß ein Ausbruch blinder Wut. Todesschwinge wollte eine verwüstete Welt, in der die Alten Götter frei und alle anderen Ordnungen gebrochen wären.
Was nach dem Zerstörer bleibt
Thrall, die vier verbliebenen Aspekte und die Streiter Azeroths verwendeten die aus der Vergangenheit geholte Drachenseele gegen ihn. Über dem Mahlstrom lösten sie die Macht, die Neltharion einst gestohlen hatte, aus seinem zerfallenden Körper. Der Erdwächter starb durch das Werkzeug, mit dem er geglaubt hatte, jede fremde Freiheit beherrschen zu können.
Sein Tod beendete nicht sein Erbe. Aberrus bewahrte die Versuche, die Ängste und die zurückgelassenen Kinder seines Denkens. Die Dracthyr mussten lernen, Einheit ohne Zwang zu finden; der schwarze Drachenschwarm musste zwischen Sabellian, Wrathion und Ebyssian entscheiden, was von seinem alten Auftrag noch zu retten war. Neltharions Tragödie besteht nicht darin, dass ein guter Wächter plötzlich böse wurde. Sie liegt darin, dass Fürsorge, die niemandem Rechenschaft schuldet, sich Schritt für Schritt in Herrschaft verwandeln kann.