Die Königin im Licht des Brunnens
Azshara wurde mit goldenen Augen geboren, die unter den Nachtelfen als Zeichen einer großen Zukunft galten. Schönheit, Stimme und außergewöhnliche magische Begabung machten aus dieser Erwartung bald eine Gewissheit. Ihr Volk liebte sie so sehr, dass die Hauptstadt ihr zu Ehren Zin-Azshari, der Ruhm Azsharas, genannt wurde. Wo sie erschien, sahen viele nicht nur eine Herrscherin, sondern den lebenden Beweis, dass ihr Reich von der Welt selbst bevorzugt werde.
Die Königin erwiderte diese Liebe nicht in gleicher Weise. Sie schätzte vor allem die Hochgeborenen, die ihr nützlich waren und ihren Glanz bestätigten. Am Brunnen der Ewigkeit sammelte ihr Hof arkane Macht, während Rang, Reinheit und Nähe zum Thron über den Wert eines Lebens entschieden. Azshara musste ihr Volk nicht mit offenem Schrecken beherrschen. Bewunderung erledigte einen großen Teil der Arbeit, denn wer sich in ihrer Gegenwart klein fühlte, hielt dieses Gefühl leicht für Ehrfurcht statt für Warnung.
Ein Gott, der ihrer würdig schien
Xavius und die Hochgeborenen zogen durch ihre maßlose Arbeit am Brunnen die Aufmerksamkeit Sargeras' auf sich. Der gefallene Titan versprach eine gereinigte, vollkommene Welt. Azshara hörte darin nicht die Ankündigung einer Vernichtung, sondern die Bestätigung ihrer eigenen Ordnung. Sie hielt Sargeras für einen möglichen Gefährten, der ihrer Größe würdig sei, und ließ das Portal erweitern, durch das die Brennende Legion nach Azeroth strömte.
Während Dämonen das Reich verheerten, blieb der Palast ein Ort aus Ritual, Befehl und Selbsttäuschung. Azshara betrachtete die Opfer nicht als Widerlegung ihres Traums, sondern als den Preis, den minderwertige Wesen für Vollkommenheit zu zahlen hätten. Die Rebellion von Malfurion, Tyrande, Illidan und ihren Verbündeten brach das Beschwörungswerk. Der Brunnen kollabierte, Kalimdor zerriss, und das größte Reich der Nachtelfen versank. Die Königin hatte Sargeras die Welt schenken wollen und verlor dabei sogar den Boden unter ihrem eigenen Thron.
Der Handel auf dem Meeresgrund
Als die Fluten Zin-Azshari verschlangen, hielt Azshara das Wasser mit einem Schild lange genug zurück, um ihre Hochgeborenen um sich zu sammeln. Schließlich sprach N'Zoth zu ihr. Der Alte Gott bot Rettung gegen Dienstbarkeit an. Selbst im Augenblick des Ertrinkens weigerte Azshara sich, vor einem neuen Herrn zu knien. Sie handelte: N'Zoth solle sie nicht als Dienerin, sondern als Königin an seiner Seite annehmen. Er verwandelte sie und ihre Gefolgschaft in Naga.
Die Verwandlung war Überleben und Entstellung zugleich. Unter dem Meer errichtete Azshara Nazjatar, einen Hof, der die versunkene Pracht nicht betrauerte, sondern in fremder Gestalt fortsetzte. Zehntausend Jahre lang breitete sich ihr Einfluss durch Naga, Sehexen und Verbündete aus. Sie diente N'Zoths Plänen, doch in ihrer Vorstellung blieb jeder Bund vorläufig. Azshara akzeptierte mächtige Partner nur, solange sie glauben konnte, am Ende selbst über ihnen zu stehen.
Der Palast über N'Zoths Gefängnis
Im Vierten Krieg öffnete Azshara das Meer unter den Flotten von Horde und Allianz und zog beide nach Nazjatar. Sie gab ihren Gegnern gerade genug Schutz, damit sie durch ihr Reich bis zum Ewigen Palast vordringen konnten. Das Herz von Azeroth, das sie bei sich trugen, war der eigentliche Schlüssel ihres Plans. Seine Energie sollte die titanischen Fesseln unter dem Palast brechen und N'Zoth befreien.
Die Eindringlinge besiegten Azshara, doch ihr Plan gelang: Das Gefängnis öffnete sich. N'Zoth zog die geschwächte Königin nach Ny'alotha und folterte sie, weil ihre jahrtausendelange Treue nie Unterwerfung gewesen war. Befreit übergab sie Xal'atath als Waffe gegen ihn und verschwand durch ein Leerenportal. Selbst die Niederlage verwandelte sie in einen neuen Aufbruch. Sie sprach davon, keine Mittelsmänner und Herolde mehr zu dulden und den wahren Thron der Macht selbst zu beanspruchen.
Eine Königin ohne sichtbaren Thron
Nach N'Zoths Sturz blieb Azsharas Aufenthaltsort unbekannt. Berichte ihrer Anhänger behaupten, sie rufe jenseits eines Schleiers nach ihnen; auf der Sireneninsel handelten Dunkelflutnaga in ihrem Auftrag und suchten einen singenden Kristall. Diese Spuren belegen fortdauernden Einfluss, aber noch kein enthülltes Reich und keine bestätigte Rückkehr auf Azeroths große Bühne. Wo Azshara selbst steht und welche Macht sie als Nächstes beanspruchen will, ist weiterhin offen.
Azsharas Geschichte ist keine Reihe fremder Verführungen, denen eine unschuldige Königin erlag. Sargeras und N'Zoth boten ihr Macht, doch beide fanden in ihr bereits die Überzeugung, andere Leben seien Material für ihre Vollkommenheit. Zugleich blieb sie zu stolz, um jemals eine verlässliche Dienerin zu sein. Das macht sie für Herren und Feinde gleichermaßen gefährlich. Sie kniet nicht, weil sie Freiheit für alle begehrt, sondern weil in ihrer Welt nur ein Wesen Anspruch auf den höchsten Platz hat. Solange dieser Anspruch unerfüllt bleibt, ist auch ihr letzter Krieg noch nicht erzählt.
Ein fernes Erbe in World of Warcraft: Forever
In der Forever-Zeitlinie reicht Azsharas Schatten bis zu den Himmelsgeborenen. Ihre Vorfahren waren Shen'dralar von Eldre'Thalas, die den Krieg der Ahnen überlebten. Als Prinz Tortheldrin später einen Dämon zur neuen Lebensgrundlage machen wollte, sahen einige Gelehrte darin dieselbe Selbstüberschätzung, mit der Azsharas Hof die Legion eingeladen hatte.
Die Rebellen um Shal'nan flohen und wurden auf Zephras zu den Shen'dorei. Sie sind nicht Azsharas verborgenes Heer und nicht ihre direkten Diener. Gerade der Versuch, sich vom Modell einer allmächtigen Herrscherin und von gefährlicher Abhängigkeit zu lösen, prägt ihre Identität. Dass Teile ihres Volkes später erneut Schutz bei Al'Akir suchen, zeigt jedoch, wie schwer sich dieses Erbe abschütteln lässt.