Der Meister, der höher greifen wollte
Auf Argus gehörte Archimonde mit Velen und Kil'jaeden zu den drei großen Führern der Eredar. Er leitete die Augari, deren Magier in Sterne und Erinnerungen blickten, und besaß die seltene Gabe, Stärken in anderen zu erkennen und ihnen Selbstvertrauen zu geben. In einer anderen Geschichte hätte daraus ein Herrscher werden können, der sein Volk durch Wissen vergrößerte. Doch Archimonde wollte nicht nur verstehen, was jenseits des Himmels lag. Er wollte darüber stehen.
Als Sargeras den Triumvirn Macht anbot, hörte Archimonde darin die Bestätigung seines Anspruchs. Velen floh mit jenen, die später Draenei hießen; Archimonde und Kil'jaeden nahmen das Geschenk an und wurden zu Man'ari. Argus verwandelte sich von einer Heimat in das Herz einer Kriegsmaschine. Archimonde verlor seine alte Begabung nicht. Er setzte sie nun dafür ein, Nützlichkeit zu erkennen, Ehrgeiz zu füttern und jedes Wesen fortzuwerfen, sobald es seinen Zweck erfüllt hatte.
Der Entweiher der Legion
Jahrtausendelang führte Archimonde die Heere der Brennenden Legion gegen zahllose Welten. Kil'jaeden arbeitete häufig mit Verführung und langfristiger Täuschung; Archimonde bevorzugte den Augenblick, in dem die Tore offen standen und Widerstand nur noch durch sichtbare Vernichtung gebrochen werden sollte. Sein Titel Entweiher beschrieb dabei mehr als zerstörte Städte. Er wollte Heiligtümer gerade deshalb brechen, weil Völker in ihnen einen Sinn sahen, der nicht von Sargeras stammte.
Schon beim Krieg der Ahnen sollte Archimonde Azeroths Widerstand zerschlagen. Er brach Malornes Widerstand und tötete den mächtigen Wildgott. Als Cenarius bewusstlos gerettet worden war, fesselten Malfurions Wurzeln den Dämon so lange, dass Archimonde sich durch Teleportation entzog. Als der Brunnen der Ewigkeit zusammenbrach, wurde die Legion aus der Welt gerissen. Archimonde hatte Azeroth damit kennengelernt, aber nicht begriffen. Er sah eine widerspenstige Welt, deren Völker immer wieder aus Verlusten Bündnisse formten, während er jedes Bündnis nur als Rangordnung unter einem stärkeren Herrn verstand.
Der Marsch zum Hyjal
Zehntausend Jahre später kehrte Archimonde durch Kel'Thuzads Beschwörung zurück. Mit einer beiläufigen Geste und der magischen Nachbildung einer Stadt zerstörte er Dalaran. Danach marschierten Geißel und Legion nach Kalimdor. Nordrassil war für ihn nicht bloß ein Baum der Nachtelfen. Unter seinen Wurzeln lag die Macht des zweiten Brunnens der Ewigkeit, und mit ihr hoffte Archimonde eine Kraft zu verschlingen, die ihn Sargeras selbst näherbringen konnte.
Menschen, Orcs und Nachtelfen hielten den Vormarsch am Hyjal lange genug auf, damit Malfurion seinen Plan vollenden konnte. Archimonde erreichte den Weltenbaum und glaubte sich bereits über den Widerstand hinaus. Dann strömten unzählige Irrwische heran. Ihre vereinte Entladung vernichtete seinen Körper und verbrannte Nordrassils alte Unsterblichkeit. Der Entweiher fiel nicht durch eine größere Einzelfigur, sondern durch eine Gemeinschaft aus Toten und Lebenden, deren Bedeutung er bis zum letzten Augenblick unterschätzte.
Ein Feind über zwei Zeitlinien
Als Dämon verging Archimonde am Hyjal nicht endgültig. Seine Seele kehrte in den Wirbelnden Nether zurück und gewann erneut Gestalt. Später erreichte die Legion ein Draenor, das durch Garroshs Eingriff von der Hauptzeitlinie abgezweigt war. Dort war Kil'jaedens Plan an der Eisernen Horde gescheitert. Archimonde übernahm, ließ Gul'dan Tanaan verderben und machte die Höllenfeuerzitadelle zum Tor für ein neues Heer.
Diese Ereignisse gehören nicht einfach zur Jugend desselben Durotan oder Grommash, die Azeroths Geschichte kannte. Es waren ihre Gegenstücke auf einem anderen Draenor. Khadgar, Yrel, der dortige Durotan, der befreite Grommash und Streitkräfte aus beiden Lagern drangen gemeinsam zur Schwarzen Pforte vor. Archimonde zog seine Gegner in den Wirbelnden Nether. Dort, im Wirbelnden Nether, wurde er besiegt. Mit letzter Kraft schleuderte er Gul'dan durch ein Portal nach Azeroth und setzte so selbst in der Niederlage die nächste Invasion in Gang. Ob dieser Kampf sein endgültiges Ende bedeutete, bleibt in der Überlieferung offen.
Die Leere hinter dem Anspruch
Archimonde war niemals nur ein lauter Feldherr neben dem feineren Kil'jaeden. Er war Gelehrter, Organisator und ein Führer, der andere einmal zu Mut hatte bewegen können. Eben diese Fähigkeiten machten ihn für die Legion so wertvoll. Seine Machtgier vernichtete nicht seine Begabungen; sie gab ihnen ein Ziel, vor dem jedes fremde Leben zum Material wurde.
Am Hyjal und auf Draenor wiederholte sich deshalb derselbe Irrtum. Archimonde glaubte, Macht sei dort am größten, wo alle anderen unter ihr verschwinden. Seine Gegner siegten, weil Menschen, Orcs, Nachtelfen, Draenei und selbst ehemalige Feinde ihre Unterschiede für einen Augenblick aushielten. Der Entweiher zerstörte Welten, um sich über ihre Bewohner zu erheben. Sein endgültiges Ende kam durch Wesen, die nicht stärker wurden, indem sie einander auslöschten, sondern indem sie einander neben sich bestehen ließen.