Der Baum über dem zweiten Brunnen
Nach der Großen Teilung hätte der Gipfel des Hyjal ein Ort des vorsichtigen Neubeginns sein können. Doch Illidan Sturmgrimm goss mehrere Phiolen aus dem Brunnen der Ewigkeit in einen Bergsee und schuf damit eine zweite Quelle arkaner Macht. Für die Nachtelfen, die gerade erlebt hatten, wie die erste Quelle die Brennende Legion angezogen und einen Kontinent zerrissen hatte, war dies keine Hoffnung, sondern die Drohung einer Wiederholung.
Die Drachenaspekte beschlossen, die neue Quelle nicht offen zu lassen. Alexstrasza pflanzte einen verzauberten Samen in ihre Mitte, aus dem Nordrassil wuchs. Seine Wurzeln umschlossen die Macht des Brunnens, seine Krone erhob sich über Hyjal. Der Baum war damit von Anfang an Siegel und lebendiges Wesen zugleich: Er verbarg eine Gefahr, indem er sie in Wachstum band.
Die Gaben der Aspekte
Die Aspekte segneten Nordrassil und das Volk, das über ihn wachen sollte. Nozdormus Gabe verband die Nachtelfen mit langem, nahezu unsterblichem Leben. Alexstraszas Segen stärkte Gesundheit und Lebenskraft. Ysera band die Druiden über den Baum an den Smaragdgrünen Traum. Aus den einstigen Bewohnern eines arkanen Imperiums wurden Hüter eines Gleichgewichts, das Magie nicht leugnete, aber ihre Grenzen bewachen sollte.
Diese Segnungen waren kein kostenloser Lohn. Sie machten den Schutz des Hyjal zur Aufgabe über Generationen hinweg. Nordrassil stand über dem zweiten Brunnen wie ein Versprechen, dass die Kaldorei aus dem ersten Untergang gelernt hatten. Zugleich blieb unter seinen Wurzeln genau jene Macht erhalten, die Feinde erneut anziehen konnte.
Archimondes Griff nach der Krone
Im Dritten Krieg führte Archimonde die Brennende Legion zum Hyjal. Er wollte Nordrassil zerreißen und die Kraft des Brunnens unter ihm an sich nehmen. Menschen, Orcs und Nachtelfen verzögerten seinen Vormarsch in einer seltenen Allianz. Jede Verteidigungslinie kaufte Malfurion Zeit, doch keine Armee konnte den Eredarlord dauerhaft aufhalten.
Als Archimonde den Baum erreichte, blies Malfurion in das Horn des Cenarius. Unzählige Irrwische sammelten sich um den Dämon und entluden ihre Lebensenergie. Die Explosion vernichtete Archimonde und zerschlug die Invasion, beschädigte Nordrassil jedoch schwer. Mit dem Opfer erlosch Nozdormus alter Segen. Die Nachtelfen retteten die Welt und gaben dafür ihre Immunität gegen Krankheit und Alter hin.
Wachsen nach dem Opfer
Nordrassil starb nicht. Über Jahre heilte der verkohlte Weltenbaum, bis seine Krone wieder den Hyjal bedeckte. Beim Kataklysmus griff Ragnaros mit seinen Dienern an, um zu vollenden, was Archimonde nicht gelungen war. Malfurion, Cenarius, die Druiden und die Aspekte verteidigten den Berg; der Feuerfürst wurde schließlich in den Feuerlanden besiegt.
Später standen weitere Weltenbäume im Mittelpunkt der Geschichte, besonders Teldrassil und Amirdrassil. Nordrassil unterscheidet sich von ihnen durch seine Geburt aus einer notwendigen Eindämmung. Er sollte nie bloß Größe oder Heimat darstellen. Seine Wurzeln halten eine gefährliche Quelle, und sein berühmtester Sieg bestand darin, eigene Macht preiszugeben.
Darum bedeutet Nordrassil „Krone des Himmels“, ohne ein Denkmal unberührter Erhabenheit zu sein. Seine Rinde wurde verbrannt, seine Segnungen endeten, und dennoch wuchs er weiter. Für die Nachtelfen verkörpert er eine ältere Form von Hoffnung als Unsterblichkeit: nicht ewig unverändert zu bleiben, sondern nach einem freiwilligen Verlust wieder Leben hervorzubringen.