Der Bruder mit den goldenen Augen
Illidan Sturmgrimm wurde wie sein Zwillingsbruder Malfurion mit goldenen Augen geboren, die unter den Kaldorei als Zeichen einer großen Bestimmung galten. Malfurion fand bei Cenarius Geduld und Druidentum. Illidan suchte Gewissheit in der arkanen Macht des Brunnens der Ewigkeit. Beide liebten Tyrande, doch während Malfurion ihr Vertrauen gewann, versuchte Illidan immer häufiger, seinen Wert durch eine Tat zu beweisen, die niemand außer ihm vollbringen konnte.
Im Krieg der Ahnen trat Illidan der Mondwache bei und kämpfte gegen die Brennende Legion. Er lernte schnell, dass gewöhnliche Grenzen gegen einen Feind aus zahllosen Welten unzureichend wirkten. Darum näherte er sich Sargeras unter dem Vorwand des Verrats. Der dunkle Titan verbrannte seine Augen und gab ihm eine Sicht, mit der er Magie und Dämonen erkennen konnte; Runen zeichneten seinen Körper. Illidan gewann Wissen, doch jeder Erfolg seiner Täuschung machte es für seine Verbündeten schwerer, ihn von einem wirklichen Diener der Legion zu unterscheiden.
Der neue Brunnen und zehntausend Jahre
Als der Brunnen der Ewigkeit zusammenbrach, rettete Illidan mehrere Phiolen seines Wassers. Auf dem Hyjal goss er sie in einen stillen See und schuf eine neue Quelle arkaner Macht. Für ihn bewahrte sie eine Waffe, die Azeroth eines Tages brauchen würde. Für Malfurion und die Überlebenden wiederholte er im Augenblick ihrer größten Verwundung genau jene Gefahr, durch die die Legion überhaupt Zugang zur Welt erhalten hatte. Seine Absicht konnte den eigenmächtigen Entschluss nicht entschuldigen.
Malfurion ließ ihn tief unter der Erde einsperren, und Maiev Schattensang machte seine Bewachung zu ihrem Lebenszweck. Zehntausend Jahre vergingen. Illidan hatte Zeit, die eigene Notwendigkeit zu einer vollständigen Weltsicht zu verhärten: Wenn die anderen ihn nicht verstanden, bewies das in seinen Augen nicht seinen Irrtum, sondern ihre Begrenztheit. Als Tyrande ihn während der nächsten Legioninvasion befreite, trat er deshalb nicht als geläuterter Gefangener heraus. Er sah endlich die Gelegenheit, der Welt zu zeigen, dass nur seine Methoden weit genug gingen.
Der Schädel Gul'dans und das Reich in der Scherbenwelt
Illidan nahm die Macht aus Gul'dans Schädel in sich auf, verwandelte sich zum Dämon und tötete Tichondrius. Malfurion verbannte ihn dennoch wegen der Teufelsmagie. Kil'jaeden zwang ihn daraufhin, den Lichkönig zu vernichten. Mit Lady Vashjs Naga und Kael'thas' Blutelfen versuchte Illidan, die Eiskrone durch das Auge des Sargeras zu zerstören. Als Maiev und Malfurion das Ritual unterbrachen, floh er in die Scherbenwelt, stürzte Magtheridon und erklärte den Schwarzen Tempel zum Mittelpunkt eines neuen Krieges.
Dort sammelte er die Illidari und ließ Nachtelfen und Blutelfen zu Dämonenjägern ausbilden. Sie aßen Dämonenherzen, banden die Macht des Feindes in ihre Körper und lernten, mit einem inneren Flüstern zu leben, das sie jederzeit verschlingen konnte. Illidan griff Legionswelten an und vernichtete Nathreza, doch er regierte zugleich durch Zwang. Akamas Seele wurde gespalten, die Zerschlagenen unterdrückt und zahllose Leben dem Ziel untergeordnet. Als Maiev, Akama und Azeroths Streiter den Schwarzen Tempel stürmten, fiel Illidan nicht nur wegen eines Missverständnisses. Seine wirklichen Pläne standen neben wirklichen Opfern, denen er nie eine Wahl gegeben hatte.
Keine vorherbestimmte Erlösung
Da Illidans Seele dämonisch geworden war, ging sie nach seinem Tod nicht in ein gewöhnliches Jenseits ein. Die Legion stahl seinen Körper und wollte ihn als Gefäß für Sargeras benutzen. Die Illidari und Azeroths Streiter verhinderten das Ritual; Illidan kehrte zurück. Er brachte den Sargerit-Schlüssel an sich und öffnete einen gewaltigen Riss zwischen Azeroth und Argus. Damit nahm er selbst seinen Verbündeten die Möglichkeit zum Rückzug. Der letzte Feldzug gegen die Legion begann, weil er wieder einmal entschied, dass niemand das Recht habe, vor dem notwendigen Opfer zurückzuweichen.
Xe'ra, die Naaru der Armee des Lichts, sah in Illidan einen Auserwählten und wollte ihn mit dem Licht neu formen. Er verweigerte sich. Als sie versuchte, die Verwandlung gegen seinen Willen zu vollziehen, zerstörte er sie. Dieser Augenblick fasste sein Leben in einem scharfen Widerspruch zusammen: Illidan verteidigte seine Freiheit gegen eine vorherbestimmte Erlösung, nachdem er selbst jahrelang andere für seine Pläne benutzt hatte. Er erkannte die Kette sofort, wenn sie um seinen eigenen Körper gelegt wurde.
Der Jäger am Sitz des Pantheons
Auf Argus half Illidan, die Seelen des Pantheons zu befreien und Antorus zu stürmen. Nach dem Tod des gequälten Weltenseelen-Titans Argus zogen die Titanen Sargeras an ihren Sitz und banden ihn dort. Illidan blieb freiwillig zurück. Der Gefangene aus den Tiefen Hyjals wurde zum Kerkermeister des mächtigsten Gefangenen im Kosmos. Sein jahrtausendelanger Krieg fand kein friedliches Ende, sondern eine Wache, bei der Jäger und Beute einander nicht mehr entkommen können.
Illidan rettete Azeroth vor der Legion, aber die Rettung löscht weder Akamas Qual noch die Toten seiner Feldzüge. Ebenso wenig machen diese Verbrechen seinen Kampf bedeutungslos. Seine Geschichte widersetzt sich dem bequemen Wunsch, ihn nur als missverstandenen Helden oder selbstsüchtigen Verräter zu lesen. Er sah eine Gefahr, die andere unterschätzten, und machte daraus den Glauben, nur er dürfe den Preis ihrer Abwehr bestimmen. Am Sitz des Pantheons bleibt deshalb nicht bloß sein Triumph zurück. Dort wacht ein Mann, der die größte Kette sprengte und erst sehr spät begriff, wie viele kleinere er selbst geschmiedet hatte.