Der Tote, der weiterflüsterte
Gul'dan starb im Grabmal des Sargeras, von Dämonen zerrissen, nachdem er die Horde für seinen persönlichen Griff nach Macht verlassen hatte. Ein fliehender Hexenmeister nahm seinen Kopf mit. Über mehrere gewaltsame Besitzer gelangte der Schädel zu Hurkan Schädelspalter, der ihn als Trophäe trug, ohne seine Macht zu begreifen. Grom Höllschrei tötete Hurkan und brachte das Relikt zu Ner'zhul.
Im gebleichten Knochen blieb ein Splitter von Gul'dans Seele. Er konnte flüstern, locken und den Ehrgeiz eines Besitzers berühren. Der Hexenmeister war damit nicht vollständig zurückgekehrt, aber auch nicht verstummt. Sein Schädel wurde zum passenden Vermächtnis eines Mannes, der jedes Gegenüber als Mittel betrachtete: Nun war er selbst ein Gegenstand, dessen Einfluss gerade darin lag, neue Hände zu seinem nächsten Werkzeug zu machen.
Portale über einer sterbenden Welt
Ner'zhul nutzte den Schädel, um den Riss des Dunklen Portals wieder zu öffnen. Später sammelte er weitere Artefakte für Tore zu anderen Welten. Gul'dans Rest sprach zu seinem ehemaligen Lehrer und verstärkte Versuchung und Misstrauen. Deathwing spürte die Macht und verlangte den Schädel als Preis für seine Hilfe.
Khadgar, Alleria und Turalyon nahmen das Relikt schließlich an sich. Zusammen mit dem Buch Medivhs nutzte Khadgar es, um das Dunkle Portal von Draenor aus zu schließen. Derselbe Schädel, der einen Weg für Eroberung geöffnet hatte, half nun, Azeroth vor der zerbrechenden Welt zu schützen. Das Artefakt besaß keine eigene Moral. Doch sein Flüstern sorgte dafür, dass jede gute Verwendung gegen eine Absicht im Inneren arbeiten musste, die Macht niemals einfach ziehen lassen wollte.
Teufelswald wächst aus einem Relikt
Der Schädel gelangte nach Dalaran und wurde während des Dritten Krieges von Tichondrius geraubt. Die Legion setzte ihn ein, um die Wälder nördlich des Hyjal zu verderben. Tiere mutierten, Uralte erkrankten und aus grünem Land wurde Teufelswald. Gul'dans Macht wirkte damit noch lange nach seinem Tod gegen eine Welt, die er zu Lebzeiten nur als Bühne seiner Ziele gesehen hatte.
Arthas verriet Illidan, wo das Relikt lag, und erklärte, dessen Kraft könne Tichondrius besiegen. Wieder bot der Schädel eine wahre Möglichkeit, die genau jene Sehnsucht ansprach, durch die er gefährlich wurde. Illidan wollte die Legion aufhalten und zugleich mehr Macht. Zwischen beiden Motiven verlief für ihn nie eine feste Grenze.
Illidans Verwandlung
Illidan nahm die Teufelsenergie des Schädels in sich auf. Hörner, Hufe und dämonische Macht machten sichtbar, wie tief die Veränderung reichte. Mit dieser Kraft tötete er Tichondrius und beendete den unmittelbaren Ursprung der Verderbnis. Malfurion verbannte ihn dennoch, weil Illidan erneut eine Macht in sich aufgenommen hatte, deren Folgen niemand sicher beherrschte.
Das Aufnehmen der Energie zerstörte den Schädel nicht vollständig. Illidan behielt das Relikt und gewann aus Gul'dans Erinnerungen Wissen über das Grabmal und das Auge des Sargeras. Der Tote lebte damit in Illidans Körper und Plänen weiter, ohne ihn vollständig zu beherrschen. Das macht die Beziehung gefährlicher als eine einfache Besessenheit: Illidan wählte selbst, was er aus der fremden Erinnerung machte, und konnte Verantwortung nicht dem Flüstern allein überlassen.
Zwei Schädel, zwei Zeitlinien
Jahre später tötete Illidan im Nachtbrunnen einen anderen Gul'dan aus dem parallelen Draenor. Er verbrannte den Hexenmeister von innen, hielt dessen Schädel empor und zerdrückte ihn. Dieser eindrucksvolle Augenblick betrifft nicht den alten Schädel, der Illidan verwandelt hatte. Die beiden Relikte stammen von zwei Versionen desselben Mannes und dürfen nicht zu einem einzigen Ende verbunden werden.
Der ursprüngliche Schädel blieb als Gegenstand bei Illidan, auch nachdem seine wesentliche Macht aufgenommen war; sein endgültiger heutiger Verbleib ist nicht in jeder Einzelheit geklärt. Sein Einfluss ist dagegen deutlich. Er zeigt, wie ein Mensch nach dem Tod durch Wissen, Erinnerung und die Begierden anderer weiterwirken kann. Gul'dan wollte unsterblich durch Macht werden. Er erreichte eine bittere Form davon: Nicht als Herrscher, sondern als Knochen in den Händen jener, die alle glaubten, sie könnten ihn benutzen, ohne einen Teil seines Hungers weiterzutragen.