Der Prinz fern von seinem Thron
Kael'thas war Anasterians einziger Sohn und Erbe einer alten Dynastie, verbrachte aber viele Jahre in Dalaran. Als Mitglied des Rats der Sechs gehörte er zugleich zu Quel'Thalas und einer Gemeinschaft von Magiern, die über die Grenzen einzelner Königreiche hinausreichte. Er war begabt, höflich und an die Erwartung gewöhnt, dass sein Leben eines Tages dem Sonnenbrunn und seinem Volk gehören werde.
Arthas zerstörte diese Zukunft. Die Geißel durchbrach Quel'Thalas, tötete Anasterian und entweihte den Sonnenbrunnen. Kael kehrte in eine Heimat zurück, die kaum wiederzuerkennen war. Er nannte die Überlebenden Sin'dorei, Kinder des Blutes, damit ihre Toten in jedem neuen Namen mitgingen. Zugleich erkannte er den magischen Hunger, den der Verlust des Brunnens freigelegt hatte. Von diesem Augenblick an wurde Rettung zum Maßstab, mit dem er fast jede spätere Entscheidung rechtfertigte.
Garithos und Vashjs Ausweg
Kael führte seine stärksten Kämpfer zu den Resten der Allianz, doch Großmarschall Garithos begegnete den Elfen mit Verachtung. Er entzog ihnen Truppen, gab nahezu unerfüllbare Befehle und verurteilte sie als Verräter, als Lady Vashjs Naga in der Not halfen. Im Kerker wartete die Hinrichtung. Vashj öffnete die Zellen und versprach, Illidan könne den Hunger der Blutelfen lindern.
Kaels Entscheidung für die Scherbenwelt entstand also nicht aus grundloser Abkehr. Die Allianz hatte ihm gezeigt, dass ihr Banner keinen Schutz vor Rassismus bot. Illidan gab den Blutelfen Methoden, fremde Magie aufzunehmen, und versprach dauerhafte Quellen. Doch die Erfahrung ungerechter Behandlung machte nicht jede neue Bindung gerecht. Kael begann, zwischen der Rettung seines Volkes und seiner eigenen Rolle als unersetzlicher Retter immer weniger zu unterscheiden.
Vom Diener Illidans zu Kil'jaedens Werkzeug
Kael kämpfte mit Vashj und Akama gegen Magtheridon und half Illidan, die Scherbenwelt zu beherrschen. Als der Feldzug gegen den Lichkönig scheiterte, wuchs der Druck der Legion. Kil'jaeden bot mehr Macht und erneuerte das alte Versprechen, nur er könne die Blutelfen retten. Kael wechselte heimlich die Treue. Die Manaschmieden des Nethersturm saugten Energie in einem Maß ab, das nicht mehr nur den Hunger eines Volkes stillen sollte.
Voren'thals Seher deckten den Verrat auf. Dennoch hielt Kael an der Vorstellung fest, alles geschehe für Silbermond. Gerade darin lag sein Fall. Er liebte sein Volk, aber er begann, diese Liebe als Eigentumsrecht zu behandeln. Wenn die Blutelfen seine Rettung nicht wollten, mussten sie die Wahrheit noch nicht verstanden haben. Wenn sein Weg sie bedrohte, galt die Bedrohung als notwendiger Preis für eine Zukunft, die nur er sehen konnte.
Der Sonnenbrunnen als Tor
Nach seiner Niederlage in der Festung der Stürme kehrte Kael durch dämonische Hilfe entstellt zurück. Er griff Silbermond an, raubte M'uru und wollte Kil'jaeden durch den Sonnenbrunnen nach Azeroth holen. Damit richtete er die Macht der Legion auf den heiligsten Ort desselben Volkes, das er angeblich schützen wollte. Lady Liadrin und die Offensive der Zerschmetterten Sonne stellten sich ihm entgegen.
Kael fiel auf der Terrasse der Magister, und seine Pläne wurden am Sonnenbrunnen vereitelt. M'urus Herz half später, die Quelle mit heiliger Kraft neu zu entzünden. Das Heilmittel kam nicht durch den Prinzen, der seine Unentbehrlichkeit bewiesen sehen wollte, sondern durch Opfer und Zusammenarbeit zwischen früheren Feinden. In Silbermond stehen heute keine geehrten Statuen Kael'thas' mehr. Eine versunkene, beschädigte Figur im Hafen passt zu einem Erbe, das nicht völlig vergessen, aber auch nicht wieder auf einen Sockel gehoben wurde.
Die Rückkehr war kein Sieg
In der Festung der Stürme war Kael'thas besiegt und für tot gehalten worden. Kil'jaeden ließ dieses Ende jedoch nicht gelten. Priesterin Delrissa erreichte den Nethersturm, holte den Prinzen mit der Macht der Legion zurück und blieb fortan in seiner Nähe. Was auf Quel'Danas erschien, war kein geretteter Herrscher: Kael'thas' Haut war bleich, eine grüne Kristallvorrichtung saß in seiner Brust, und eine der vier Sphären, die ihn einst wie Zeichen königlicher Vollkommenheit umkreist hatten, fehlte.
Die Veränderung war mehr als eine Wunde. Sein zweites Leben hing an derselben dämonischen Macht, deren Pläne er nun vollenden sollte. Kael'thas sprach weiterhin von der Zukunft seines Volkes, doch er kehrte nicht zurück, um den Sonnenbrunnen zu heilen. Er wollte jene Quelle, deren Verlust den Hunger der Blutelfen ausgelöst hatte, zu einem Tor für Kil'jaeden machen. Der Prinz brachte damit die Antwort auf seine frühere Verzweiflung als neue Vernichtung in die Heimat.
Vier Verteidigungen vor dem Prinzen
Die Terrasse war nicht bloß ein Palast mit Kael'thas am Ende. Selin Feuerherz, einst Hauptmann seiner persönlichen Garde, hielt an einer Treue fest, die unter dem Einfluss von Teufelskristallen zum unstillbaren Hunger geworden war. Hinter ihm tobte Vexallus, ein arkanes Elementar, dessen drei Beschwörer bereits an der Kraft seiner Ankunft gestorben waren. Die Magie der umliegenden Kristalle hielt das Wesen in fortwährender explosiver Resonanz.
Danach wartete Delrissa mit vier Gefährten aus einem Kreis von acht kampferprobten Außenseitern. Sie war nicht nur eine weitere Dienerin in Kael'thas' Hallen, sondern die Ursache dafür, dass er überhaupt noch atmete. Ihre Heilung hatte seinen letzten Feldzug ermöglicht; nun setzte sie dieselbe Kunst ein, um ihren militanten Kreis im Kampf zu halten. Jeder dieser Verteidiger gewann Zeit für den Plan am Sonnenbrunnen, und jeder erzählte auf andere Weise, was Kael'thas aus Treue, Magie und Rettung gemacht hatte.
Der Sonnenbrunnen hinter der letzten Tür
Während auf der Terrasse gekämpft wurde, hatten Kael'thas' Leute M'uru aus Silbermond geraubt und Anveena, die lebende Verkörperung der Sonnenbrunnenenergie, in die Gewalt der Legion gebracht. Die Hallen waren deshalb das vorgeschobene Machtzentrum einer größeren Belagerung. Der Prinz bewachte hier nicht selbst das vollendete Portal; er hielt den Zugang und die Zeitlinie, die Kil'jaedens Eintritt in Azeroth möglich machen sollten.
Darum war seine erneute Niederlage notwendig, aber nicht hinreichend. Selbst wenn Kael'thas fiel, blieben M'uru, Anveena und das begonnene Ritual auf dem Sonnenbrunnenplateau. Der Kampf gegen den Prinzen war die letzte persönliche Abrechnung mit dem Mann, der sein Volk retten wollte. Der folgende Kampf richtete sich gegen die Folgen, die bereits größer geworden waren als er.
Die letzte Schlacht des Sonnenwanderers
Kael'thas empfing seine Gegner mit Feuer, Schutzbarrieren und derselben selbstgewissen Inszenierung, die schon seine Herrschaft im Nethersturm begleitet hatte. Flammenschläge zeichneten tödliche Kreise in den Boden. Ein Phönix verbrannte sich im Dienst seines Beschwörers und konnte aus dem zurückbleibenden Ei erneut erstehen. Hinter einer Schockbarriere bereitete der Prinz einen Pyroschlag vor, der nur verhindert werden konnte, wenn seine scheinbare Unantastbarkeit rechtzeitig zerbrach.
Diese Magie war nicht neu, aber ihre Bühne war kleiner geworden. In der Festung der Stürme hatte Kael'thas eine ganze Schar von Waffen, Beratern und Phasen seines Plans aufgeboten. Auf Quel'Danas standen ihm nur noch ein enger Saal, drei Sphären und die Macht des Meisters zur Verfügung. Seine Fähigkeiten blieben gewaltig; sein Reich war auf die Entfernung zwischen einem Eingang und der letzten Plattform geschrumpft.
Die Welt steht auf dem Kopf
Als der Kampf ihn schwächte, hob Kael'thas die Schwerkraft auf. Körper wurden in die Luft gerissen, arkane Sphären jagten durch den Raum, und jeder sichere Begriff von oben und unten verlor seine Bedeutung. Für wenige Augenblicke zwang der Prinz anderen dieselbe Haltlosigkeit auf, in der er selbst seit Quel'Thalas' Fall lebte. Nichts trug mehr; jede Bewegung musste neu gelernt werden.
Doch selbst diese Macht erschöpfte ihn. Wenn die Schwerkraft zurückkehrte, sank Kael'thas verwundbar zu Boden. Sein großer Umsturz konnte die Welt nur in kurzen Abständen verkehren. Dann musste er erneut um Kraft bitten und den Versuch wiederholen. In diesem Rhythmus lag sein ganzes spätes Leben: ein gewaltiger Griff nach Ordnung, ein Augenblick scheinbarer Herrschaft und der unvermeidliche Fall zurück in die Folgen der eigenen Entscheidungen.
Der Tod beendet nur den Prinzen
Kael'thas starb mit der Behauptung, sein Ende ändere nichts und der Meister werde dennoch kommen. Zum ersten Mal war diese Drohung nicht bloß Größenwahn. Auf dem Sonnenbrunnenplateau hatte die Beschwörung bereits begonnen. Exarch Larethor und die Offensive der Zerschmetterten Sonne konnten hoffen, nun zum letzten Mal einen Kael'thas gesehen zu haben; sie konnten sich jedoch noch nicht erlauben, den Krieg für beendet zu halten.
So schließt die Terrasse Kael'thas' irdische Geschichte, ohne den erzählerischen Atem anzuhalten. Der Prinz fällt, der Weg führt weiter, und erst Anveenas Opfer sowie M'urus verwandelte Kraft retten den Brunnen vor Kil'jaeden. Kael'thas hatte geglaubt, seine Unentbehrlichkeit müsse die Zukunft seines Volkes beweisen. Die Zukunft entstand schließlich gerade dort, wo andere seinen letzten Plan überlebten und ohne ihn zusammenarbeiteten.
Der lange Unterricht in Revendreth
Nach dem Tod gelangte Kaels Seele nach Revendreth. Seine Sünden und sein Stolz sollten dort geläutert werden, doch Denathrius missbrauchte ihn als Animaquelle und belud seinen Sündenstein sogar mit fremden Lasten. Befreier brachten Kael nach Sinfall, wo die Anklägerin die aufgezwungenen Sünden entfernte. Übrig blieben seine eigenen. Erst dort konnte Buße beginnen, ohne Folter fälschlich für Läuterung auszugeben.
Kael half den Venthyr, jagte mit seiner früheren Verbündeten Vashj Nathrezim und musste erkennen, dass Vertrauen weiterhin Prüfung braucht. Seine Seele befindet sich in Revendreth und sein Weg ist nicht abgeschlossen. Erlösung besteht für ihn nicht darin, erneut als strahlender Sonnenkönig aufzutreten. Sie beginnt mit einer schwereren Einsicht: Sein Volk war nie der Beweis seines Wertes und nie sein Besitz. Es durfte ohne ihn überleben, ihn verurteilen und eine Zukunft bauen, in der der letzte Sonnenwanderer nicht mehr im Mittelpunkt stehen muss.