Ein Auge im Grabmal
Ob das Auge des Sargeras tatsächlich ein körperliches Auge des Dunklen Titanen oder ein Artefakt seines Avatars war, ist nicht eindeutig geklärt. Sicher ist, dass es im Grabmal des Sargeras ruhte, jenem versunkenen Tempel, in dem Aegwynn den besiegten Avatar eingeschlossen hatte. Teufelsmagie, alte Hochgeborenensiegel und die Erinnerung an mehrere Invasionen lagen dort übereinander.
Gul'dan suchte im Zweiten Krieg nach der Macht im Grabmal und starb an den Dämonen, die er darin geweckt hatte. Jahre später kannte Illidan durch Gul'dans Schädel die Wege und Gefahren des Ortes. Gemeinsam mit Lady Vashj und den Naga betrat er die Ruine. Wo Gul'dan nach persönlicher Macht gegriffen hatte, behauptete Illidan, ein größeres Ziel zu verfolgen. Das machte den Griff nach dem Artefakt nicht weniger riskant.
Kil'jaedens Auftrag
Nach der Niederlage der Legion am Hyjal stand Illidan erneut unter Kil'jaedens Blick. Der Dämonenfürst befahl ihm, den Lichkönig zu vernichten, dessen wachsender eigener Wille die Pläne der Legion bedrohte. Illidan nahm den Auftrag aus Furcht und Berechnung an. Ein Erfolg konnte Kil'jaedens Zorn abwenden und zugleich eine Macht beseitigen, die Azeroth mit der Geißel überzogen hatte.
Das Auge sollte Illidans Magie bündeln. Es war also nicht einfach eine Waffe, die aus eigener Kraft auf Nordend zielte, sondern ein Verstärker für einen Zauberer, der bereit war, gewaltige Energien durch sich und die Welt zu leiten. Diese Verbindung passte zu Illidan: Er hatte wiederholt Verderbnis aufgenommen, um Verderbnis zu bekämpfen, und jede überlebte Grenzüberschreitung als Beweis betrachtet, dass auch die nächste unter seiner Kontrolle bleiben werde.
Die Ruinen Dalarans als Brennpunkt
Aus großer Entfernung reichte die Kraft zunächst nicht aus. Illidan brachte das Auge deshalb in die Ruinen Dalarans, wo Leylinien seinen Zauber verstärken konnten. Naga sicherten die Umgebung, während er die arkanen Ströme auf den fernen Frostthron richtete. Die Erde in Nordend begann zu brechen. Wasser und Eis gerieten in Bewegung, und die Festung des Lichkönigs drohte unter einer Katastrophe begraben zu werden.
Das Ziel war ein Herrscher über Untote, dessen Fall zahllose Leben hätte retten können. Doch der Zauber griff nicht nur Ner'zhuls Gefängnis an. Er erschütterte einen ganzen Kontinent. Illidan behandelte Landschaft, Küsten und alle unbekannten Bewohner zwischen Dalaran und Eiskrone als Teil einer Rechnung, deren Ergebnis er für wichtiger hielt. Rettung wurde so zu einer Gewalt, die ihre möglichen Opfer nicht einmal mehr zählen konnte.
Maiev und Malfurion unterbrechen den Zauber
Maiev Schattensang verfolgte Illidan, und Malfurion Sturmgrimm erkannte die Unruhe der Erde. Gemeinsam mit Tyrande und ihren Verbündeten erreichten sie Dalaran. Malfurion brach das Ritual ab, bevor Nordend vollständig zerrissen wurde. Im Kampf wurde das Auge zerstört. Der Lichkönig war geschwächt, aber nicht vernichtet, und Illidan hatte Kil'jaedens Auftrag nicht erfüllt.
Die Unterbrechung hatte ebenfalls Folgen. Ner'zhul rief Arthas nach Nordend, damit dieser die schwindende Macht des Frostthrons rette. Der Weg zur Vereinigung von Arthas und dem Lichkönig beschleunigte sich. Daraus folgt nicht, dass Illidans Ritual hätte fortgesetzt werden sollen. Es zeigt vielmehr die grausame Lage: Ein gefährlicher Plan kann einen wirklichen Feind treffen und dennoch so unbeherrschbar sein, dass sein Abbruch eine andere Katastrophe nicht verhindert.
Ein zerstörter Verstärker, ein bleibendes Muster
Nach seiner Zerstörung kehrte das Auge nicht als vollständiges Artefakt zurück. Seine Bedeutung liegt daher weniger in einer langen Reihe neuer Besitzer als in dem einen Versuch, für den es eingesetzt wurde. Es bot Illidan genügend Macht, um über einen Kontinent hinweg eine Weltordnung zu erschüttern, aber nicht genügend Gewissheit, um die Folgen zu beherrschen.
Das Auge zeigt die gefährlichste Form von Illidans Denken. Er sah eine Bedrohung klarer als viele andere und war bereit, einen Preis zu zahlen, bevor jene, die ihn tragen sollten, überhaupt gefragt wurden. Das Artefakt vergrößerte nicht nur Magie. Es vergrößerte diese moralische Entfernung. Durch seinen Fokus wirkte der Frostthron nah genug zum Zerschlagen, während alles Leben um ihn herum unsichtbar wurde. Gerade deshalb war seine Zerstörung mehr als der Verlust einer Waffe: Sie beendete einen Blick, in dem ein ganzes Land nur noch der Rand eines Ziels war.