Die Wohnstatt des Lichts
Rund zwei Jahrhunderte vor der Öffnung des Dunklen Portals gründeten die Draenei Shattrath. Der Name bedeutet in ihrer Sprache Wohnstatt des Lichts. Exarch Hataaru entwarf die Stadt auf den Ruinen Gorias, einer alten Ogermetropole, die lange zuvor untergegangen war. Berge schützten den Ort, und der nahe Zangarsee verband ihn mit den Lebensadern Draenors. Aus Kristallen, breiten Wegen, Tempeln und starken Mauern entstand das politische und geistige Zentrum eines Volkes, das nach langer Flucht wieder dauerhaft bauen wollte.
Ein Ogerimperator versuchte später, den Platz seiner Vorfahren zurückzuerobern. Shattraths Befestigungen hielten stand, während Akama, Maraad und Nobundo die Führung der Angreifer ausschalteten. Der Sieg bestärkte die Draenei in dem Glauben, ihre Hauptstadt könne auch große Heere abwehren. Doch gegen die Horde kam nicht nur eine größere Armee. Mit ihr kamen Teufelsmagie, gestohlene Artefakte und der Wille Kil'jaedens, ein ganzes Volk auszulöschen.
Eine Stadt wird zum Opfer
Als Karabor gefallen war und die äußeren Siedlungen nicht mehr gehalten werden konnten, versammelten sich die Verteidiger in Shattrath. Die Führung erwog eine vollständige Räumung. Auf den Rat Exarch Larohirs fiel eine grausame Entscheidung: Viele Zivilisten sollten heimlich nach Telredor und in andere Zufluchten entkommen, während das Heer und freiwillig Zurückbleibende in der Stadt einen letzten Widerstand leisteten. Ihr Tod sollte die Horde glauben lassen, die Draenei seien endgültig gebrochen, damit die verstreuten Überlebenden nicht weiter gejagt würden.
Velen segnete jeden, der in Shattrath blieb, und verließ die Stadt mit der Last dieser Entscheidung. Die Horde verbarg ihren Anmarsch mit einem gestohlenen Splitter des Ata'mal-Kristalls. Oger, Höllenbestien, Belagerungsmaschinen und Hexenmeister trafen die Mauern; ein roter Nebel verbrannte und erstickte die Verteidiger und schnitt manche selbst vom Licht ab. Als die Linien brachen, floss Blut durch Straßen und Tempel. Die Angreifer verschonten kaum jemanden. Shattrath fiel nicht, weil sein Volk nichts vorausgesehen hatte, sondern weil ein Teil von ihm bewusst stehen blieb, damit ein anderer vielleicht weiterleben konnte.
Die lange Wunde Draenors
Flüchtlingsgruppen suchten während des Massakers den Ausweg. Maraad führte die letzte von ihnen und musste erleben, wie jene starben, die er schützen wollte. Viele Überlebende erkrankten an der roten Seuche und wurden zu Krokul, den Zerbrochenen. Akama und Nobundo verloren ihre frühere Gestalt und erfuhren später zusätzlich die Ausgrenzung durch eigene Landsleute. Die Stadt war damit nicht nur ein Grab. Ihr Fall wirkte in Körpern, Glauben und Beziehungen der Geretteten weiter.
Nach Draenors Zerbrechen lag Shattrath jahrelang dunkel in der Scherbenwelt. Dann erreichten die Sha'tar unter A'dal die Ruinen. Sie spürten die Gebete der Aldor, eines alten draeneiischen Priesterordens, der zwischen den Trümmern ausgeharrt hatte. Naaru und Aldor begannen gemeinsam mit dem Wiederaufbau. Das Licht kehrte nicht zurück, indem es die Vergangenheit ungeschehen machte. Es sammelte sich genau dort, wo zerstörte Mauern und Überlebende bewiesen, was die erste Stadt gekostet hatte.
Eine Zuflucht aus ungleichen Verbündeten
Die Macht A'dals zog Vertriebene aus der ganzen Scherbenwelt an. In der Unterstadt lebten Draenei, Krokul, Arakkoa, Orcs und viele andere, die Krieg oder Verderbnis heimatlos gemacht hatten. Khadgar und weitere Streiter fanden dort einen Stützpunkt gegen Legion und Illidans Herrschaft. Shattrath wurde zum Sanktuarium für Horde und Allianz, nicht weil alle alten Feindschaften gelöst waren, sondern weil eine zerbrochene Welt Orte brauchte, an denen ein Flüchtling zuerst Schutz und erst danach eine politische Frage war.
Selbst innerhalb der Stadt blieb Frieden Arbeit. Die Seher, Blutelfen unter Voren'thal, sagten sich von Kael'thas los und boten A'dal ihre Dienste an. Die Aldor misstrauten ihnen aus guten Gründen, denn Blutelfen hatten zuvor Draenei verfolgt und Naaru missbraucht. Beide Gruppen dienten dennoch demselben Widerstand und standen auf getrennten Terrassen unter demselben Licht. Shattraths Ordnung verlangte keine gefühllose Versöhnung. Sie zwang Gegner, ihre berechtigte Erinnerung so zu tragen, dass daraus nicht der nächste Untergang der gemeinsamen Zuflucht entstand.
Die andere Stadt auf dem anderen Draenor
Auf dem alternativen Draenor nahm Shattrath einen eigenen Weg. Schwarzfausts Eiserne Horde eroberte die unzerstörte Hafenstadt und nutzte sie als militärischen Sammelpunkt. Durotan, Draka, Yrel, Maraad und Verbündete aus Azeroth griffen an. Orgrim Schicksalshammer wandte sich angesichts ermordeter Zivilisten gegen Schwarzfaust und wurde von ihm getötet; Maraad opferte sich, um Yrel zu retten. Die Stadt wurde befreit, später jedoch von Socrethar und den Sargerei erneut bedroht. Diese Ereignisse sind keine unbekannten Jahre der Stadt in der Scherbenwelt, sondern die Geschichte ihrer Entsprechung in einer abgezweigten Zeitlinie.
Das ursprüngliche Shattrath besteht in der Scherbenwelt weiter. Seine größte Leistung ist nicht, dass aus Ruinen wieder Stein auf Stein gesetzt wurde. Es bewahrt drei Wahrheiten nebeneinander: Die Stadt war der Höhepunkt draeneiischer Kultur, Schauplatz eines geplanten Opfers und später Heimat für Bewohner verschiedenster Herkunft. Keine davon darf die anderen übermalen. Wer Shattrath nur als leuchtende neutrale Hauptstadt sieht, vergisst das Blut unter ihren Wegen; wer nur das Massaker sieht, übersieht, dass Überlebende gerade dort wieder Türen für andere Heimatlose öffneten. Die Wohnstatt des Lichts wurde nicht trotz ihrer Wunde zur Zuflucht, sondern durch die Entscheidung, aus dieser Wunde keinen neuen Wall gegen jedes fremde Gesicht zu bauen.