Unter den Ruinen eines Königreichs
Unter Lordaerons Hauptstadt lagen Grüfte, Abwasserkanäle und Gewölbe, lange bevor die Oberstadt fiel. Die Geißel weitete sie zu einem unterirdischen Machtzentrum aus, das Arthas nach seiner Rückkehr als Todesritter dienen sollte. Doch der Ruf des Lichkönigs zog ihn nach Nordend. Zurück blieb ein halb vollendeter Sitz unter den Mauern des Reiches, das er selbst ermordet hatte.
Als Sylvanas Windläufer und ihre Verbündeten die nathrezimischen Herren aus Lordaeron vertrieben, nahmen die freien Untoten diese Tiefe in Besitz. Sie vollendeten die Hallen und nannten sie Unterstadt. Der Name war nüchtern und trotzig zugleich. Über ihnen stand die Erinnerung an eine lebende Hauptstadt; unter ihr schufen diejenigen eine Heimat, die von diesem alten Reich meist nur als Leichen, Verräter oder Schande betrachtet wurden.
Eine Heimat für die Verlassenen
Aufzüge führten hinab in Ringe aus Stein, Schleim und grünem Licht. Im Handelsviertel arbeiteten Händler, im Magierviertel forschten Zaubernde, und im Apothecarium mischten die Königliche Apothekervereinigung Heilmittel, Gifte und die neue Seuche. Die Stadt roch nach Chemikalien und Verfall. Für ihre Bewohner war das nicht bloß düstere Kulisse, sondern eine Umgebung, in der untote Körper nicht verbergen mussten, was sie geworden waren.
Unterstadt gab den Verlassenen Schutz, aber keine einfache Einigkeit. Manche suchten Rache an Arthas, andere einen Platz in der Horde, wieder andere eine Möglichkeit, den eigenen Zustand zu verstehen oder zu überwinden. Sylvanas hielt diese Wünsche durch ihren persönlichen Kampf zusammen. Ihre Herrschaft bot Richtung und machte die Stadt zugleich davon abhängig, dass ihre Ziele mit den Bedürfnissen ihres Volkes übereinstimmten.
Die Seuche kehrt nach Hause zurück
Nach der Schlacht an der Pforte des Zorns putschten Großapotheker Putress und Varimathras. Die neue Seuche, die eigentlich gegen die Geißel entwickelt worden war, hatte dort Lebende und Untote getötet. Nun besetzten die Verräter Unterstadt. Horde und Allianz drangen getrennt in die Hallen ein, beide überzeugt, eine Bedrohung beseitigen und eine Schuld begleichen zu müssen.
Varimathras und Putress fielen, Sylvanas kehrte zurück, doch die Stadt stand danach unter stärkerer Beobachtung der Horde. Der Verrat hatte gezeigt, wie wenig sich eine Waffe beherrschen lässt, sobald eine Gemeinschaft sie zum Kern ihrer Sicherheit macht. Unterstadts Apothekarien konnten Schutz vor der Geißel versprechen; dieselben Kessel konnten jedem Feind beweisen, dass seine schlimmsten Befürchtungen über die Verlassenen berechtigt waren.
Die Schlacht um Lordaeron
Nach der Verbrennung Teldrassils marschierte die Allianz gegen Lordaeron. Die Mauern wurden durchbrochen und die Ruinen der Oberstadt erobert. Sylvanas ließ Seuche über das Schlachtfeld ziehen, verwandelte gefallene Soldaten in Skelette und zog sich schließlich in den Thronsaal zurück, in dem Arthas seinen Vater getötet hatte.
Sie überließ der Allianz keinen Sieg, sondern sprengte und verseuchte die Stadt. Unterstadt wurde unbewohnbar, Lordaerons Ruinen blieben in tödlichem Grün zurück. Militärisch entzog sie dem Gegner eine Festung. Für die Verlassenen bedeutete dieselbe Entscheidung, dass ihre Königin die Heimat des eigenen Volkes als letzte Waffe verbrauchte. Die Stadt, die aus dem Verlust eines Reiches entstanden war, wurde ein zweites Mal durch den Willen ihrer Herrschaft verloren.
Rückkehr zu den Ruinen
Jahre später kehrten die Verlassenen unter Lilian Voss, Calia Menethil und weiteren Verbündeten zurück. Mit Hilfe von Seuchenfressern aus Maldraxxus wurde ein großer Teil der Verheerung an der Oberfläche gebunden und bekämpft. Im Hof der Ruinen bildete sich ein neuer Trostloser Rat. Nicht eine einzelne Bansheekönigin, sondern mehrere Stimmen sollten fortan über das Volk entscheiden.
Die tiefen Hallen von Unterstadt sind damit nicht einfach wiederhergestellt. Die Verlassenen haben die Ruinen Lordaerons zurückgewonnen, während Teile der alten Stadt von der Seuche gezeichnet bleiben. Ihre Heimkehr ist wertvoll gerade weil sie unvollständig ist. Heimat bedeutet hier nicht, so zu tun, als ließe sich der frühere Zustand zurückholen. Sie bedeutet, an den Ort zurückzukehren, an dem andere das Ende des eigenen Volkes sahen, und dort erneut selbst über seine Zukunft zu sprechen.