Ein letzter Weg vor dem Abgrund
Revendreth empfängt Seelen, deren Stolz, Grausamkeit oder maßlose Selbstgewissheit sie in anderen Reichen gefährlich machen würden. Über steilen Schluchten stehen Burgen im ewigen Dämmerlicht, und aus jedem Turm scheint ein Urteil zu fallen. Dennoch war dieses Land nicht als bloße Hölle gedacht. Wer seine Schuld erkannte und sich veränderte, konnte Revendreth verlassen und einem neuen Zweck in den Schattenlanden zugewiesen werden.
Wer jede Reue verweigerte, dem drohte der Schlund. Zwischen diesen beiden Ausgängen lagen Äonen der Buße. Sündensteine trugen die Taten einer Seele, Spiegel entzogen eitlen Blicken das eigene Bild, und Venthyr führten ihre Schützlinge an jene Erinnerungen zurück, denen sie im Leben ausgewichen waren. Das Verfahren konnte Einsicht wecken. Es konnte ebenso leicht zur Rechtfertigung werden, Schmerz schon deshalb für heilsam zu halten, weil ein Richter ihn zufügte.
Die Venthyr und der rote Strom
Die Venthyr gewannen Anima aus den Leidenschaften und Bekenntnissen ihrer Seelen. In Revendreth floss diese Kraft wie kostbarer Wein durch Kelche, Kanäle und Speicher. Sie ernährte das Reich und gab seiner Gesellschaft eine höfische Gestalt: Einladungen bedeuteten Macht, Etikette verbarg Drohungen, und ein Fest konnte ebenso gut Verhandlung wie Hinrichtung sein.
Viele Venthyr nahmen ihren Auftrag ernst. Sie führten Seelen geduldig bis zu einem ehrlichen Eingeständnis und wussten, dass Demütigung allein keine Wandlung schafft. Andere genossen die Abhängigkeit ihrer Schutzbefohlenen oder horteten Anima für den eigenen Rang. Revendreths Schönheit verdeckte diesen Unterschied. Ein silberner Becher verriet nicht, ob sein Inhalt aus sorgsamer Läuterung oder aus endlos verlängerter Qual gewonnen worden war.
Denathrius und die große Dürre
Graf Denathrius hatte Revendreth gegründet und die Venthyr nach seinem Bild geformt. Nach außen blieb er der vollendete Herr des Reiches. Heimlich diente er Zovaals Plan. Seine Nathrezim trugen Täuschung in andere kosmische Mächte, während er die reichsten Animavorräte hinter den Mauern von Schloss Nathria sammeln ließ.
Als die Richterin verstummte und die Schattenlande unter Animamangel litten, hätte dieser Vorrat zahllose Haine, Tempel und Verteidiger retten können. Denathrius ließ ihn stattdessen in den Schlund strömen. Die Bewohner Revendreths sollten Entbehrung als notwendige Prüfung hinnehmen, während ihre Arbeit den Kerkermeister stärkte. Der Herr der Sünden hatte eine besonders wirksame Form des Hochmuts gefunden: Er erklärte das ganze Reich zu seinem Eigentum und dessen ursprünglichen Auftrag zu einer Rolle, die er nur noch spielte.
Renathals Rebellion
Prinz Renathal erkannte den Verrat und widersetzte sich seinem Schöpfer. Denathrius verbannte ihn in den Schlund, doch Renathal entkam, sammelte Verbündete in Sinfall und gewann Mitglieder der Ernteräte zurück. Der Aufstand war keine makellose Erhebung Unschuldiger. Auch seine Anführer hatten lange in dem strengen System gedient. Gerade deshalb wussten sie, an welchen Stellen Pflicht in Grausamkeit und Tradition in Deckung für Machtmissbrauch übergegangen war.
Gemeinsam mit Sterblichen drangen sie in Schloss Nathria ein. Denathrius fiel, und Remornia nahm seine Seele in sich auf. Die Klinge wurde unter Bewachung gestellt, bis Nathrezim sie entführten. Der Gründer Revendreths blieb damit am Leben und entkam dem Urteil, das er anderen so lange auferlegt hatte. Für Renathal bedeutete der Sieg keinen sauberen Schluss, sondern die Verantwortung für ein Reich, dessen mächtigster Feind seine eigene Gestalt geprägt hatte.
Buße nach dem Herrscher
Renathal und der erneuerte Ernterat übernahmen Revendreths Führung. Anima konnte wieder verteilt, missbrauchte Macht begrenzt und der eigentliche Auftrag des Reiches fortgesetzt werden. Doch eine neue Besetzung alter Ämter löst die grundlegende Spannung nicht: Läuterung braucht Konfrontation mit Schuld, während erzwungenes Leid sehr schnell nur den Stolz derjenigen nährt, die es verwalten.
Revendreth bleibt deshalb ein Reich der zweiten Möglichkeit und der schmalen Grenze, an der sie verloren gehen kann. Reue lässt sich nicht aus einer Seele pressen wie Anima aus einem Kelch. Sie beginnt erst, wenn Erinnerung, Verantwortung und eine künftige Entscheidung miteinander verbunden werden. Denathrius behandelte jede Seele als Vorrat. Renathals größere Aufgabe ist es, ein Land zu bewahren, das strenge Wahrheit verlangen darf, ohne den Büßenden noch einmal zum Besitz seines Richters zu machen.