Ein Mädchen mit geliehener Vergangenheit
Anveena Teague lebte als Bauernmädchen bei Tarren Mill. Sie kannte Eltern, Felder und die kleinen Gewohnheiten eines gewöhnlichen Lebens. Nichts in ihren Erinnerungen sagte ihr, dass diese Familie nur durch Magie bestand. Korialstrasz hatte die verbliebene Energie des zerstörten Sonnenbrunnens in eine menschliche Gestalt gebunden und mit einer Vergangenheit umgeben, die sie vor jedem verbergen sollte, der nach dieser Macht suchte.
Die Täuschung war als Schutz gedacht. Ein Artefakt konnte gestohlen, ein magischer Speicher aufgespürt werden; ein unbekanntes Mädchen würde zwischen zahllosen Flüchtlingen kaum auffallen. Doch Anveena empfand Freude, Angst und Zuneigung nicht als Illusion. Was immer den ersten Herzschlag ausgelöst hatte, das darauf folgende Leben gehörte ihr. Die Frage, ob sie „wirklich“ ein Mensch war, konnte nicht entscheiden, ob ihr Schmerz und ihre Entscheidungen wirklich waren.
Kalec und die Jäger des Brunnens
Der blaue Drache Kalecgos begegnete Anveena, als Dar'Khan Drathir nach der Macht des Sonnenbrunnens suchte. Beide gerieten in eine Verfolgung aus verzauberten Halsbändern, Untoten und Drachenjägern. Anveena entdeckte Kräfte in sich, die zu keiner Geschichte eines Bauernhofs passten, und rettete Kalec, bevor sie selbst gefangen wurde.
In den Ruinen von Quel'Thalas wurde ihre wahre Natur enthüllt. Korialstrasz erklärte, weshalb er sie geschaffen hatte, und gemeinsam wurde Dar'Khan besiegt. Für Anveena war dies kein Augenblick, in dem eine falsche Person verschwand und nur noch Energie übrig blieb. Sie musste vielmehr begreifen, dass ihre Erinnerungen gemacht waren, ohne deshalb jedes Gefühl darin wegzuwerfen. Kalec blieb bei ihr, nicht nur als Wächter einer kosmischen Ressource, sondern als Gefährte der Person, die aus dieser Ressource geworden war.
Ein verborgenes Leben in Quel'Thalas
Lor'themar Theron nahm Anveena unter den Schutz des Reiches. Ihre Existenz musste geheim bleiben, denn die Blutelfen litten noch immer unter dem Verlust des Sonnenbrunnens und zahlreiche Feinde hätten seine verkörperte Macht begehrt. So lebte sie in einem Land, dessen Bewohner in ihr unbewusst die verlorene Mitte ihrer eigenen Gesellschaft hätten sehen können.
Zwischen Anveena und Kalec wuchs Liebe. Gerade diese Beziehung widersprach der Vorstellung, sie sei nur ein Behälter mit freundlichem Gesicht. Sie konnte vertrauen, streiten, fürchten und einem anderen einen Teil ihrer Macht anvertrauen. Heimlich legte sie etwas von sich in Kalecs Herz. Diese Gabe wurde später zur letzten Verbindung, als äußere Mächte versuchten, ihr jede eigene Handlung zu nehmen.
Das Tor für Kil'jaeden
Agenten der Legion erfuhren von Anveena. Kael'thas kehrte nach Quel'Danas zurück und ließ ihre Kraft benutzen, um den Sonnenbrunnen als Tor für Kil'jaeden zu öffnen. In einer arkanen Fessel schwebte sie über dem Brunnen, während ihre Energie den Eintritt des Betrügers in Azeroth nährte. Für die Legion war sie nun genau das, wovor Korialstrasz sie hatte bewahren wollen: kein Mädchen, sondern eine verfügbare Quelle.
Kalec erreichte sie im Kampf und rief die Person in ihr zurück. Anveena verstand, dass Kil'jaedens Halt von ihrer Macht abhing. Sie entschied sich, diese Macht freizugeben und ihre Gestalt aufzulösen. Die Explosion schwächte den Dämon so weit, dass die Angreifenden ihn durch das Tor zurückdrängen konnten. Ihr Opfer war nicht die automatische Entladung eines magischen Gefäßes. Es war die letzte Weigerung, andere über den Zweck ihres Daseins bestimmen zu lassen.
Was von einem erfundenen Leben bleibt
Velen erneuerte den Sonnenbrunnen später mit M'urus heiligem Funken. Die Blutelfen erhielten eine Quelle aus arkaner Macht und Licht zurück. Anveena kehrte dadurch nicht als frühere Gestalt wieder. Ein Teil ihrer Kraft lebte in Kalec fort, und seine Trauer bewahrte sie nicht als hübsche Maske des Brunnens, sondern als jemanden, den er geliebt hatte.
Anveenas Leben war kurz und in seinem Ursprung vollständig von anderen gestaltet. Korialstrasz gab ihr Körper und Erinnerungen, Feinde wollten ihre Kraft, Beschützer entschieden über ihr Versteck. Dennoch entstand in diesem engen Raum ein eigener Wille. Das macht ihre Geschichte größer als die Herkunftsfrage. Eine Person muss nicht aus natürlicher Geburt stammen, um mehr als ihre vorgesehene Funktion zu werden. Anveena war der Sonnenbrunnen, doch am Ende gehörte selbst diese Macht ihr genug, um sie niemandem zu überlassen.