Die Waldläufergeneralin am Tor
Sylvanas Windläufer wuchs in Quel'Thalas zwischen Alleria, Vereesa und ihrem Bruder Lirath auf. Als Waldläufergeneralin führte sie die Verteidiger des Reiches, obwohl sie das Amt nie aus bloßer Sehnsucht nach Rang gesucht hatte. Gegen die Amani hatte sie gelernt, Wälder wie eine zweite Sprache zu lesen. Als Arthas mit der Geißel kam, nutzte sie jeden Pfad, jedes Tor und jeden Hinterhalt, um seinen Vormarsch zu verlangsamen.
Sie wusste schließlich, dass der Sieg nicht mehr erreichbar war, und kämpfte weiter, damit andere Zeit gewannen. Arthas tötete sie vor den Grenzen ihrer Heimat. Als sie um einen sauberen Tod bat, verweigerte er ihn absichtlich. Frostgram spaltete ihre Seele, und der Todesritter riss sie als Banshee zurück. Er ließ ihr Bewusstsein, nahm ihr aber den Willen über den eigenen Körper. Sylvanas musste zusehen, wie ihre Kräfte gegen das Volk eingesetzt wurden, für das sie gefallen war.
Freiheit für die Verlassenen
Als der Griff des Lichkönigs schwächer wurde, brach Sylvanas aus Arthas' Herrschaft aus. Sie gewann ihren Körper zurück, sammelte freie Untote und vertrieb die Schreckenslords aus Teilen Lordaerons. Diese Verlassenen waren weder bei der Geißel willkommen noch bei den Lebenden, die in ihren Gesichtern oft nur verweste Feinde sahen. Sylvanas gab ihnen Unterstadt, eine Fahne und den Trotz, nach dem Tod nicht erneut Besitz eines anderen zu sein.
Schon diese Befreiung trug dunkle Mittel. Sylvanas verbündete sich mit Garithos und ließ ihn töten, sobald er nicht mehr nützlich war. Sie förderte Seuchenforschung und behandelte Gegner oft als Material. Der Bund mit der Horde war zunächst aus Not geboren. Dennoch war ihre Leistung für die Verlassenen wirklich: Sie machte aus befreiten Sklaven ein Volk. Die spätere Schuld löscht diesen Anfang nicht aus, so wie der Anfang die spätere Schuld nicht entschuldigt.
Nach Arthas blieb die Angst
Mit Arthas' Tod verlor Sylvanas das Ziel, um das sie ihre Unexistenz gebaut hatte. Sie stürzte sich von der Eiskronenzitadelle und fand sich im Schlund wieder. Dort begegnete sie dem Kerkermeister. Die Val'kyr führten sie zurück und banden ihr Fortbestehen an ihre Opferbereitschaft. Sylvanas sprach fortan davon, die Verlassenen vor Auslöschung zu bewahren, und nannte sie zugleich ein Bollwerk gegen das Dunkel, das sie selbst nach dem Tod erwartete.
Ihre berechtigte Furcht vor erneuter Versklavung verwandelte sich in das Verlangen, jede Abhängigkeit zu kontrollieren. In Gilneas setzte sie die Seuche trotz Befehlen ein und erhob neue Verlassene. Sie suchte in Sturmheim nach Macht über Eyirs Val'kyr. Als Kriegshäuptling konnte sie ganze Armeen bewegen. Je größer ihre Angst vor dem eigenen endgültigen Ende wurde, desto leichter behandelte sie andere Leben als Pfeile im Köcher, die für einen vermeintlich größeren Ausweg verbraucht werden durften.
Teldrassil und der Krieg gegen die Hoffnung
Der Krieg der Dornen sollte die Allianz spalten und den Kreislauf der Seelen weiter zugunsten des Kerkermeisters nähren. Vor Teldrassil entschied Sylvanas, den Weltenbaum zu verbrennen. Unzählige Zivilisten starben. Später führte sie Horde und Allianz in einen Krieg, dessen Verluste ihrem verborgenen Bündnis dienten. Vor Orgrimmar tötete sie Varok Saurfang im Mak'gora und verriet mit einem wütenden Satz, dass ihr die Horde selbst nichts mehr bedeutete.
Hier reicht es nicht, auf Arthas' Folter oder ihre gespaltene Seele zu zeigen. Sylvanas besaß Entscheidungsfähigkeit, plante und ließ andere denselben Verlust von Freiheit erleiden, der ihr eigenes Dasein geprägt hatte. Der Kerkermeister versprach, eine ungerechte Ordnung des Todes zu zerbrechen, doch seine Wege bestanden aus Beherrschung und massenhaftem Leid. Sylvanas erkannte den Widerspruch erst, als er offen erklärte, alle würden dienen. Da richtete sie ihren Pfeil gegen ihn, nachdem sie ihm den Weg fast vollständig geöffnet hatte.
Urteil ohne ausgelöschte Verantwortung
Der Kerkermeister gab Sylvanas den von Frostgram geraubten Seelenteil zurück. Die Waldläufergeneralin erwachte nicht als unschuldige zweite Person. Sie musste die Taten ihrer untoten Jahre als eigene Wirklichkeit annehmen. Uther half ihr zu verstehen, dass eine gespaltene Seele Verantwortung kompliziert, aber nicht aus der Welt entfernt. Sylvanas half danach, Anduin aus der Beherrschung zu lösen, und erkannte beim Verlöschen von Arthas' letztem Rest, wie ähnlich sie ihrem einstigen Peiniger geworden war.
Nach Zovaals Niederlage stellte sie sich Tyrandes Urteil. Ihre Strafe besteht darin, den Schlund zu durchstreifen und jede Seele zu finden, die durch ihre Taten dorthin gelangte, bis die letzte dem Urteil der Richterin zugeführt ist. Sylvanas befindet sich weiterhin bei dieser Aufgabe. Sie ist weder wieder Waldläufergeneralin noch Bansheekönigin, sondern eine Windläuferin, die mit jedem geretteten Namen dem Umfang ihrer Schuld begegnet. Ob Vergebung je möglich wird, entscheidet der Text nicht für ihre Opfer. Ihre jetzige Aufgabe ist kleiner und schwerer: niemanden zurückzulassen, den ihre große vermeintliche Befreiung in die Finsternis gestoßen hat.