Wenn der Tod keine Ruhe gibt
Eine Banshee entsteht dort, wo ein Tod nicht enden darf. Nekromantie reißt eine Seele aus dem natürlichen Fortgang und bindet sie an Schmerz, Hass oder fremden Befehl. Der Körper bleibt zurück, doch die Erinnerung daran, einmal gelebt zu haben, verschwindet nicht. Sie wird zum schärfsten Teil des neuen Daseins.
Darum ist der Schrei einer Banshee mehr als Lautstärke. In ihm liegt der Augenblick des Sterbens, immer wieder geöffnet. Er erschüttert Mut, lähmt Glieder und trägt Verzweiflung in die Gedanken der Hörenden. Was im Leben vielleicht Gesang, Befehl oder der Ruf eines Namens gewesen war, wird im Untod zu einer Macht, die Nähe bestraft.
Alte Stimmen und neue Heere
Ruhelose elfische Geister gab es schon lange vor dem Aufstieg der Geißel. Manche Hochgeborene und Nachtelfen blieben nach uralten Katastrophen als klagende Seelen zurück. Der Lichkönig machte aus solcher Qual jedoch eine Kriegsform. Ner'zhul sammelte Geister, versprach ihnen Rache für erlittenes Unrecht und band sie an seinen Willen.
Eine Banshee war für die Geißel nützlich, weil Mauern und Rüstungen einen körperlosen Hass kaum aufhalten. Sie konnte über Schlachtfelder gleiten, Flüche tragen und in fremde Körper eindringen. Besitzergreifung war dabei die vollkommenste Umkehrung ihres eigenen Schicksals: Einer Seele, der der eigene Leib genommen worden war, wurde Macht gegeben, nun den Leib eines anderen zu rauben.
Die Stimmen von Quel'Thalas
Beim Angriff auf Quel'Thalas tötete Arthas Menethil zahlreiche Hochelfen und ließ ihre Seelen nicht ziehen. Sylvanas Windläufer, die Waldläufergeneralin, wurde zum grausamsten Beispiel. Weil sie seinen Vormarsch so lange aufgehalten hatte, verwandelte Arthas ihren Tod in eine persönliche Strafe. Er zwang ihre Bansheeseele, den Untergang des Landes mitanzusehen, das sie verteidigt hatte.
Sylvanas ist so eng mit dem Begriff verbunden, dass hinter ihrer Geschichte leicht die anderen Stimmen verschwinden. Doch nicht jede Banshee ist die Bansheekönigin, und nicht jede folgt demselben Weg. Manche blieben der Geißel unterworfen, andere gewannen ihren Willen zurück, wieder andere hausten an Orten, an denen ihr Tod längst vergessen war. Die gemeinsame Gestalt nimmt ihnen nicht die Verschiedenheit ihrer verlorenen Leben.
Ein Wille ohne Heimkehr
Als die Macht des Lichkönigs nachließ, befreiten sich Sylvanas und weitere Untote. Freiheit gab ihnen ihre früheren Leben nicht zurück. Lebende Verwandte fürchteten sie, vertraute Orte rochen nach Verfall, und selbst der eigene Name konnte wie der Besitz einer Toten wirken. Aus diesem Zwischenraum entstanden die Verlassenen.
Banshees dienten in ihren Reihen als Späherinnen, Zauberinnen und Verkörperungen eines Zorns, den Lordaeron lieber begraben hätte. Manche konnten tote Körper bewohnen und wieder eine festere Gestalt annehmen. Doch ein Körper löschte die Erinnerung an die Trennung nicht. Selbst dort, wo eine Banshee wieder Hände hatte, blieb sie eine Person, die wusste, wie es sich anfühlt, nur noch Stimme zu sein.
Die Klage ist keine Entschuldigung
Der Schmerz einer Banshee erklärt Grausamkeit, aber er heiligt sie nicht. Sylvanas verwandelte die Erfahrung völliger Entmündigung später selbst in Herrschaft über andere. Gerade dadurch wurde ihre Geschichte so bitter. Wer einmal zum Werkzeug gemacht wurde, ist nicht davor geschützt, eines Tages andere als Werkzeuge zu behandeln.
Eine Banshee ist deshalb weder bloß ein Monster noch automatisch eine tragische Heldin. Sie ist eine offene Wunde mit eigenem Willen. In ihrem Schrei liegen Opfer und Gefahr nebeneinander. Wer nur das Ungeheuer hört, übersieht das geraubte Leben; wer nur das Opfer hört, übersieht die Entscheidungen danach. Die Klage verlangt Erinnerung, aber sie nimmt niemandem die Verantwortung dafür ab, was aus ihr gesprochen wird.