Die erste Schwinge war eine Kette
Die Val'kyr wirken wie Boten eines höheren Reiches: geflügelte Gestalten, die zwischen Leben und Tod treten und die Seelen Gefallener führen. Doch ihre Geschichte beginnt nicht mit einem freiwilligen heiligen Amt. Odyn, oberster Hüter der titanengeschmiedeten Heere, wollte die tapfersten Vrykul nach ihrem Tod in seine Hallen der Tapferkeit holen. Nachdem er einen Blick in die Schattenlande erlangt hatte, suchte er nach eigenen Seelenführerinnen. Niemand wollte die dafür notwendige geisterhafte Existenz aus freien Stücken annehmen.
Helya, Odyns Adoptivtochter und eine mächtige titanengeschmiedete Zauberin, widersprach seinem Plan. Odyn beantwortete ihren Widerstand mit Gewalt. Er zerschmetterte ihren Körper, band ihren Geist an die neue Form und machte sie zur ersten Val'kyr. Danach zwang er sie, weitere Vrykul zu verwandeln. In den strahlenden Hallen lag somit von Anfang an eine Schuld: Odyns unsterbliche Krieger sollten freiwillig Ruhm finden, aber die Wesen, die sie dorthin brachten, waren durch den Willen eines anderen entstanden.
Zwischen Tapferkeit und Verdammnis
Später erhoben sich Vrykul auch freiwillig unter Eyirs Prüfung zu Val'kyr. Sie führten würdige Gefallene zu den Valarjar, wo Kampf, Festmahl und ewige Bereitschaft auf sie warteten. Damit wandelte sich das Amt, ohne seinen Ursprung auszulöschen. Helya trug den erzwungenen Dienst über Jahrtausende in sich. Mit Lokens Hilfe wandte sie sich gegen Odyn, schloss ihn in seinen eigenen Hallen ein und schuf Helheim als düsteren Gegenentwurf. Seitdem stehen Val'kyr auf beiden Seiten einer alten Feindschaft: als goldene Führerinnen der Tapferen und als geisterhafte Dienerinnen einer Herrscherin, die aus Zwang Rache gemacht hatte.
Der Lichkönig lernte von den Vrykul Nordends, welche Macht diese Wesen über Seelen besaßen. Er schuf eigene dunkle Val'kyr und band sie an die Geißel. Unter Arthas wurden sie zu Werkzeugen der Wiedererhebung, konnten Tote zurückrufen und den Willen ihres Herrn über die Grenze des Lebens hinaus verlängern. Die Gabe, eine Seele zu geleiten, wurde damit erneut in Besitz verwandelt.
Der Pakt der Neun
Nach Arthas' Fall blieben neun seiner mächtigsten Val'kyr am Gefrorenen Thron zurück. Der Helm der Herrschaft band sie nun an den reglosen Bolvar. Ohne einen neuen Weg hätte ihre eben erhoffte Freiheit in einer anderen Form derselben Gefangenschaft geendet. Sie brauchten ein Wesen, dessen Seele dem Tod bereits nahe genug stand und dessen Wille stark genug war, ihr neuer Anker zu werden.
Sie fanden Sylvanas Windläufer, nachdem diese sich vom Gefrorenen Thron gestürzt und in der Finsternis des Schlunds jede Hoffnung verloren hatte. Die Neun zeigten Sylvanas eine Zukunft, in der auch die Verlassenen ohne sie untergingen. Sie boten ihr einen Pakt an: Ihre Seelen würden von der Macht des Lichkönigs gelöst und an die Dunkle Fürstin gebunden. Solange Schwestern übrig blieben, konnten sie an Sylvanas' Stelle sterben und sie ins Leben zurückholen. Annhylde gab sich zuerst hin. Sylvanas kehrte zurück, und eine Übereinkunft zur gegenseitigen Befreiung begann zugleich als neue Bindung.
Für die Verlassenen lösten die Val'kyr ein existenzielles Problem. Ohne den Lichkönig konnten keine neuen Untoten entstehen, und das Volk hätte langsam aufgehört zu bestehen. Nun erhoben die geflügelten Dienerinnen menschliche Leichen als neue Verlassene. Was für Sylvanas die Zukunft ihres Volkes sicherte, bedeutete für die Erweckten oft einen Beginn ohne Zustimmung. Wieder lag in der Rettung eine Kette. Einige Val'kyr opferten sich, als Sylvanas fiel; andere starben in ihren Kriegen. Mit jeder verlorenen Schwester wurde die geliehene Unsterblichkeit der Bansheekönigin schmaler.
Wessen Wille gilt nach dem Tod?
Auf den Verheerten Inseln versuchte Sylvanas, Eyir mit Helyas Seelenkäfig zu unterwerfen und so weitere Val'kyr zu gewinnen. Genn Graumähne zerschlug die Laterne und verhinderte den Plan. Die Szene bündelte die ganze Geschichte dieser Wesen: Helya, einst selbst gegen ihren Willen verwandelt, lieferte ein Werkzeug, mit dem eine andere Seelenführerin versklavt werden sollte. Opfer und Täter wechselten ihre Plätze, während Macht über den Tod erneut wichtiger wurde als der Wille der Betroffenen.
Im Sanktum der Herrschaft stellten sich Kyra und Signe den Verfolgern Sylvanas' entgegen. Skyja, die letzte ihrer Schwestern, rief sogar die sechs zuvor gefallenen Val'kyr als unvollständige Echos in den Kampf zurück. Als Skyja starb, verschwanden auch diese Schatten. Bolvar erklärte Sylvanas, dass keine Val'kyr mehr zwischen ihr und dem endgültigen Tod stehe. Ihre kalte Antwort, die verlorenen Schwestern seien nicht mehr als verbrauchte Pfeile, zeigte, wie weit sich der Pakt von seiner ersten gegenseitigen Hoffnung entfernt hatte.
Val'kyr existieren dennoch weiterhin in Odyns und Helyas Sphären. Ihre Flügel bedeuten weder automatisch Erlösung noch Verdammnis. Entscheidend bleibt, wer sie ruft, wem sie dienen und ob eine Seele geführt oder geraubt wird. Selbst ein Amt an der Grenze des Todes wird nicht durch seine Macht heilig, sondern durch den Willen, den es achtet.
Die Val'kyr stehen an einer Grenze, die Sterbliche gewöhnlich nur einmal überschreiten. Sie können Trost bringen, Gefallene ehren und einen Weg durch das Unbekannte öffnen. Sie können dieselbe Grenze aber auch bewachen wie ein Gefängnistor. In ihrem langen Schicksal kehrt daher eine Frage immer wieder: Kann ein Wesen Freiheit schenken, wenn seine eigene Gestalt aus Zwang geboren wurde?