Der Sohn Sen'jins
Vol'jin wuchs auf den Dunkelspeerinseln als Sohn des Häuptlings Sen'jin auf. Neben ihm lief Zalazane, sein engster Freund, mit dem er jagte, rang und von einer Zukunft träumte, in der keiner bloß Begleiter des anderen sein müsste. Doch als Sohn des Häuptlings wurde Vol'jin schon früh in eine Rolle gestellt, die er sich noch nicht verdient glaubte. Seine Ausbildung zum Schattenjäger führte ihn zu den Loa und lehrte ihn, dass Führung nicht allein darin besteht, vor einem Volk zu stehen. Ein Anführer muss auch hören können, was aus der Geisterwelt, aus der Vergangenheit und aus den Zweifeln der Lebenden zu ihm spricht.
Thralls Flüchtlinge erreichten die Inseln auf ihrer Reise nach Kalimdor und kämpften an der Seite der Dunkelspeere gegen Menschen, Murlocs und die Meerhexe, die das Eiland bedrohte. Sen'jin starb, doch seine letzte Hoffnung galt dem Bündnis mit der neuen Horde. Vol'jin übernahm ein Volk, das seine Heimat verlor, und folgte Thrall über das Meer. Die Dunkelspeere fanden in Durotar keinen Ersatz für alles Verlorene. Sie fanden etwas, das einem Exilierten ebenso wichtig werden kann: Verbündete, die ihnen einen Platz in ihrer eigenen Zukunft ließen.
Ein Ratgeber mit eigener Stimme
In Orgrimmar stand Vol'jin lange neben Thrall. Er kannte Dankbarkeit, ohne daraus Gehorsam um jeden Preis zu machen. Als die Horde neue Völker aufnahm, dachte er weniger in alter Reinheit als in gemeinsam überstandenen Gefahren. Gerade ein kleiner Trollstamm wusste, dass ein Bündnis nicht nur von den Stärksten getragen wird. Vol'jin konnte drohen und kämpfen, doch seine schärfste Waffe war häufig das Urteil darüber, wann Gewalt ein Volk rettete und wann sie nur den Stolz seines Anführers fütterte.
Zalazane zeigte ihm, wie nah Verrat selbst einer Kindheitsfreundschaft kommen konnte. Der Hexendoktor versklavte Dunkelspeere mit Voodoo und riss die Echoinseln an sich. Vol'jin sammelte sein Volk, versöhnte sich mit Bwonsamdi und eroberte die Heimat zurück. Später wies er auch Zuls Ruf nach einem neuen Trollreich zurück. Er achtete die uralten Reiche seines Volkes, aber er wollte die Dunkelspeere nicht für den Traum der Zandalari opfern. Herkunft war für ihn eine Wurzel, kein Strick, mit dem die Vergangenheit die Gegenwart fesseln durfte.
Der Dolch im Dunkel
Unter Garrosh Höllschrei wurde Vol'jins Misstrauen offen. Der Kriegshäuptling sprach von Stärke und behandelte nichtorcische Verbündete zunehmend wie Werkzeuge. In Pandaria sandte Garrosh Vol'jin auf eine Mission, bei der Kor'kron ihn heimlich ermorden sollten. Eine vergiftete Klinge traf seinen Hals, und die Täter ließen ihn für tot zurück. Chen Sturmbräu brachte ihn in Sicherheit. Während der langen Heilung musste Vol'jin nicht nur seinen Körper, sondern auch die Bedeutung seiner Namen neu zusammensetzen: Troll, Dunkelspeer, Mitglied der Horde und möglicher Feind ihres Kriegshäuptlings.
Die Begegnungen mit Taran Zhu, den Loa und dem Menschen Tyrathan Khort nahmen ihm einfache Antworten. Vol'jin erkannte, dass Widerstand gegen Garrosh kein Verrat an der Horde war. Es war der Versuch, jene Horde zu bewahren, der Sen'jin sich angeschlossen hatte. Von den Echoinseln aus führte er die Dunkelspeerrebellion. Baine, Lor'themar, Sylvanas und später Thrall stellten sich an seine Seite; auch die Allianz griff Orgrimmar an. Nach Garroshs Fall ernannte Thrall nicht einen Orc, sondern Vol'jin zum Kriegshäuptling.
Eine kurze Herrschaft und ein falsches Flüstern
Vol'jins Zeit an der Spitze blieb kurz. Er beaufsichtigte den Umgang mit dem gefangenen Garrosh, hielt die Horde nach dessen Flucht zusammen und führte sie gegen die Eiserne Horde. Als die Brennende Legion an der Verheerten Küste angriff, kämpfte er mit der Allianz gegen einen gemeinsamen Feind. Ein Teufelswächter stieß ihm einen Speer in den Leib. Vol'jin tötete den Angreifer noch, doch die Teufelsvergiftung blieb. Sylvanas ließ die geschlagene Horde zurückweichen und trug ihren sterbenden Kriegshäuptling fort.
Auf dem Sterbebett hörte Vol'jin eine Stimme, die sich als Wille der Loa ausgab und ihn anwies, Sylvanas zur Nachfolgerin zu machen. Er vertraute einer Verbindung, die ihn sein Leben lang geleitet hatte. Erst später wurde offenbar, dass Mueh'zala im Dienst des Kerkermeisters die Worte geflüstert hatte. Vol'jins Entscheidung war deshalb weder geheime Billigung von Sylvanas' späteren Taten noch bloße Torheit. Sie war ein gezielter Angriff auf das Fundament seiner Führung: Ein Feind benutzte ausgerechnet sein Vertrauen in die Geister, um die Horde in einen Krieg zu lenken, der möglichst viele Seelen in den Schlund treiben sollte.
Der Weg eines Geistes
Vol'jins Seele fand nach dem Tod keinen gewöhnlichen Platz. Baine, Talanji und andere riefen seinen Geist, um die Wahrheit über die Ernennung zu suchen. Bwonsamdi, der Lichkönig und Eyir wiesen die Verantwortung von sich, während Vol'jin erkannte, dass eine fremde Macht seine Erinnerungen und seinen Tod berührt hatte. In den Schattenlanden stellte er Mueh'zala zur Rede und half, geraubte Loa aus dem Schlund zu retten. Dort fand er auch Rezan, den gequälten Loa der Könige, dessen Essenz beinahe erloschen war.
Rezan verweigerte Vol'jins Rettungsversuch und legte den letzten Rest seiner Macht in die Seele des Trolls. Die Winterkönigin sah nun etwas, für das selbst Ardenwald keinen fertigen Namen besaß: einen sterblichen Geist, verbunden mit der Essenz eines Loa. Sie gewährte Vol'jin einen Wildsamen und damit die Möglichkeit einer Wiedergeburt, ohne sein künftiges Wesen festzulegen. So endet seine Geschichte vorläufig nicht auf dem Scheiterhaufen von Orgrimmar. Der Anführer, der nie sicher war, ob ein Name ihm gehörte oder von anderen auferlegt wurde, ruht zwischen zwei Daseinsformen und wartet darauf, zum ersten Mal ohne ein fremdes Flüstern zu erfahren, wer er als Nächstes sein wird.