Schlaf vor der Rückkehr
Wildsamen sind die geschützten Kokons Ardenwalds, in denen große Naturseelen nach ihrem Tod ruhen. Wilde Götter und andere eng mit dem Kreislauf des Lebens verbundene Wesen gelangen dorthin, um geheilt und auf eine spätere Rückkehr in die Welt der Lebenden vorbereitet zu werden. Der Samen ist deshalb kein Grab. Er hält eine Zukunft, die noch keinen Körper besitzt.
Jeder Wildsame gehört zu einem Hain unter der Führung eines Droman. Hüter nähren ihn mit Anima aus den Zapfen der himmlischen Bäume, tragen ihn bei Gefahr in schwebenden Wiegen und achten auf den Traum der Seele darin. Ardenwalds Wälder dienen nicht nur sich selbst. Ihr eigentliches Werk liegt in diesen stillen Hüllen, aus denen auf anderen Welten wieder ein Hirsch, eine Loa oder ein uralter Beschützer hervortreten kann.
Auch Schlaf muss geheilt werden
Ein gewaltsamer Tod endet nicht an der Schwelle des Samens. Manche Seelen erleben ihren letzten Kampf als wiederkehrenden Alptraum und verbrauchen dabei Kraft, die zur Heilung nötig wäre. Hüter singen für sie, geben zusätzliche Anima oder betreten in Ritualen den Traum, um der Seele dort zu begegnen. Wiedergeburt ist damit kein mechanisches Nachwachsen. Sie verlangt, dass eine Wunde anerkannt wird, die nach außen längst unsichtbar ist.
Selten verbindet sich ein Samen besonders eng mit seinem Pfleger. Diese Nähe kann Kraft geben, macht Verlust aber persönlich. Ein Hüter schützt dann nicht irgendeine künftige Gottheit, sondern eine Stimme, deren Angst und Hoffnung er kennt. Gerade diese Bindung erklärt, weshalb die Entscheidungen der Animadürre nicht wie nüchterne Verteilung von Vorräten behandelt werden konnten. Jeder vertrocknete Kokon enthielt bereits eine Beziehung.
Ursocs letzter Dienst
Als Zovaals Plan den Zustrom von Anima versiegen ließ, musste die Winterkönigin ganze Haine aufgeben, damit der übrige Wald überlebte. Ara'lon hatte geschworen, die Wildsamen von Tirna Noch zu beschützen. Unter ihnen ruhte Ursoc, der nach seinem Tod gegen die Legion auf Wiedergeburt hoffte. Die Dürre ließ nicht mehr genug Kraft für alle.
Die Winterkönigin zeigte Ara'lon eine Zukunft, in der das Festhalten an jedem einzelnen Samen ganz Ardenwald vernichtete. Er gab Ursocs Anima frei und tötete damit die Seele, die er hatte retten wollen. Ursoc diente den Wildnissen ein letztes Mal, nun ohne Aussicht auf Rückkehr. Sein leerer Samen macht die Grausamkeit der Dürre sichtbar: Nicht jede schlafende Gottheit wachte später auf, und ein Opfer zugunsten vieler bleibt der endgültige Tod eines Einzelnen.
Hunger und Eindringlinge an den Hainen
Geschwächte Wildsamen zogen weitere Gefahren an. Gorm fraßen weggeworfene Hüllen und suchten in der Dürre immer gieriger nach Anima. Drust drangen aus Thros ein, saugten sterbende Haine aus und wurden mit jedem vernichteten Samen stärker. Sie wollten Ardenwalds Wiedergeburt für die eigene Flucht aus einem gestörten Tod benutzen.
Ein Wildsame ist wehrlos gegen beide Formen des Hungers. Das Tier erkennt Nahrung, der Eroberer ein Verfahren, das sich stehlen lässt. Hüter und Wilde Jagd mussten deshalb nicht nur Anima finden, sondern auch entscheiden, welche Samen transportiert, verborgen oder verteidigt werden konnten. Jeder gerettete Kokon band Kräfte, die an einem anderen Ort fehlten. Schutz wurde zu einer Folge unvollkommener Entscheidungen, nicht zu einem einzigen siegreichen Kampf.
Neue Samen für geraubte Seelen
Im Konservatorium der Königin pflegten die Nachtfae weitere Samen und halfen Naturseelen zurück ins Leben. Aus dem Schlund gerettete Geister trugen Wunden, die Anima allein nicht schließen konnte, und mussten neu eingepflanzt werden. Ysera erhielt trotz der Knappheit genug Kraft zur Wiedergeburt, weil Ara'lon die Winterkönigin daran erinnerte, dass Opfer sinnlos werden, wenn am Ende nur leere Hüllen und Trauer bleiben. Die Königin gab dafür von ihrer eigenen Anima; eines ihrer Blätter welkte, und Yseras neues Leben wurde an Ardenwald gebunden. Die Rettung war damit kein kostenloses Wunder, sondern ein bewusst getragener Preis.
Wildsamen versprechen daher keinen unzerstörbaren Kreislauf. Sie zeigen, wie viel Arbeit zwischen Tod und Erneuerung liegt. Jemand muss nähren, singen, tragen, verteidigen und manchmal loslassen. Ihre Hoffnung ist kostbar, weil sie scheitern kann. Wenn eine Naturseele wieder in ihre Welt zurückkehrt, geschieht das nicht, weil Leben automatisch über den Tod siegt. Es geschieht, weil ein ganzer Hain lange genug für ein Wesen sorgte, das selbst noch nichts zurückgeben konnte.