Jenseits des Schleiers
Die Schattenlande liegen hinter dem Schleier des Todes. Sie bestehen nicht aus einem einzigen Himmel oder einer einzigen Hölle, sondern aus zahllosen Reichen. Bastion nimmt Seelen des Dienstes auf, Maldraxxus sucht kämpferische Stärke, Ardenwald hütet den Kreislauf der Naturgeister und Revendreth bietet stolzen Seelen eine letzte Läuterung vor dem Schlund.
Diese bekannten Reiche sind nur ein Teil. Jede Seele bringt Anima mit, die verdichtete Kraft ihres gelebten Daseins. Erinnerungen, Entscheidungen und Beziehungen werden dadurch nicht zu Münzen im einfachen Sinn, doch das Jenseits baut seine Landschaften und Dienste aus jener Bedeutung, die die Toten mitbringen.
Oribos und das Urteil
Neu ankommende Seelen strömten nach Oribos. Die Richterin las ihr gesamtes Leben in einem Augenblick und wies ihnen ein Reich zu, in dem sie ihren passenden Weg fortsetzen sollten. Die Mittler von Oribos hielten diese Ordnung für uralt, gerecht und nahezu unfehlbar.
Vor dieser Richterin hatte Zovaal selbst das Amt getragen. Als er die Siegel der anderen Ewigen nehmen und die Schöpfung umformen wollte, verbannten sie ihn in den Schlund und schufen einen neuen Automaten für das Urteil. Die glatte Ewigkeit des Systems ruhte damit auf einer verdrängten Rebellion, von der selbst viele Dienende nichts wussten.
Die Dürre
Der Tod der Weltseele Argus schleuderte eine absichtlich vorbereitete Seele gegen die Richterin und setzte sie außer Kraft. Von da an fielen alle Verstorbenen direkt in den Schlund. Bastion, Maldraxxus, Ardenwald und Revendreth erhielten keine neuen Seelen und kaum Anima. Tempel verstummten, Haine mussten ausgedünnt werden, und alte Loyalitäten brachen unter Mangel auf.
Denathrius verschärfte die Krise, indem er Revendreths Vorräte heimlich an Zovaal weiterleitete. Die Dürre war daher nicht nur eine Naturkatastrophe des Todes. Sie war ein geplanter Entzug, bei dem jedes hungernde Reich den Kerkermeister stärker machte und zugleich empfänglicher für Streit wurde.
Der Himmel über Eiskrone zerbricht
Sylvanas zerschlug den Helm der Herrschaft und riss den Schleier auf. Lebende gelangten in den Schlund und konnten einen Wegstein der Ersten aktivieren. Sie wurden zu Schlundgängern, Personen, die ein Gefängnis verlassen konnten, aus dem selbst Zovaal keinen solchen Ausgang erwartet hatte.
Die Bündnisse der vier Reiche fanden ihre inneren Verräter, schlossen neue Verbindungen und griffen den Kerkermeister an. Dabei wurde sichtbar, dass jede Ordnung ihren eigenen Anteil an der Krise trug: Bastions erzwungenes Vergessen, Maldraxxus' Häuserkampf, Revendreths Ausbeutung und Ardenwalds grausame Auswahl darüber, welcher Hain noch Anima erhielt.
Ein neuer Richter
Zovaal fiel im Mausoleum der Ersten. Pelagos nahm als neuer Richter Platz. Anders als der stumme Automat wollte er jeder Seele zuhören und die Entscheidungen des Jenseits nicht als mechanisch unfehlbar behandeln. Die Reiche blieben bestehen, aber einige ihrer Regeln hatten sich verändert.
Die Schattenlande wurden damit nicht vollkommen gerecht. Unzählige Seelen waren im Schlund gequält oder vernichtet worden, und keine neue Ordnung holt jedes verlorene Leben zurück. Doch das Reich des Todes lernte etwas, das eine ewige Maschine vergessen hatte: Dauer beweist keine Richtigkeit. Selbst nach dem letzten Atemzug brauchen Seelen nicht nur einen zugewiesenen Platz. Sie brauchen eine Ordnung, die bereit ist, ihre eigene Gewissheit an den Erfahrungen derjenigen zu prüfen, über die sie richtet.