Fernweh auf dem Rücken einer Schildkröte
Chen Sturmbräu wuchs auf der Wandernden Insel auf, dem Land auf Shen-zin Sus gewaltigem Rücken. In seiner Familie erzählte man von Liu Langs Reisen und von jenem Zweig der Sturmbräus, der in Pandaria zurückgeblieben war. Für Chen waren diese Geschichten keine gemütlichen Erinnerungen. Sie öffneten Türen. Während sein Bruder Chon Po an Beständigkeit glaubte, suchte Chen im Wald der Stäbe nach neuen Gedanken, neuen Wegen und Zutaten, die kein vertrauter Vorratsschrank enthielt.
Er verließ die Insel und verpasste dadurch Feste, eine Hochzeit und Jahre im Leben seiner Familie. Wanderlust klingt leicht, solange nur der Reisende davon erzählt. Für die Zurückbleibenden bedeutete sie einen leeren Platz. Chen trug diesen Widerspruch lange unter seinem gelassenen Lächeln: Die Straße machte ihn zu dem Pandaren, der er sein wollte, doch jeder Schritt fort von zu Hause wurde von jemand anderem als Abschied erlebt.
Ein Krug in Durotar
Seine Reisen führten ihn durch die östlichen Königreiche und schließlich nach Kalimdor. In Durotar begegnete er Rexxar, der Zutaten für ein besonders gewagtes Gebräu beschaffte. Aus der kleinen Aufgabe wuchs eine Freundschaft. Chen schloss sich Rexxar und Rokhan an, als Daelin Prachtmeer die junge Horde vernichten wollte, und half bei der Verteidigung einer Heimat, die kaum erst begonnen hatte, ihren Namen auf Karten zu schreiben.
Chen stand damit an der Gründung Durotars, ohne selbst Hordeherrscher oder Soldat aus Pflicht zu werden. Er lernte Thralls Gemeinschaft durch einzelne Gefährten kennen: durch ihren Hunger, ihre Loyalität und die Müdigkeit nach zu vielen Kriegen. Ein gemeinsam geteiltes Getränk löste ihre Konflikte nicht, aber es schuf jene Pause, in der Fremde aufhören konnten, einander nur als Vertreter ihrer Völker zu betrachten.
Die Nichte mit demselben Blick
Briefe von Chens Reisen weckten in seiner Nichte Li Li dasselbe Fernweh. Als sie aufbrach, holte die Familie ein alter Streit ein. Chon Po sah in ihrer Unruhe den Bruder, der ihn einst zurückgelassen hatte; Chen erkannte in Li Li den Mut, den er nicht einsperren durfte. Er suchte sie nicht, um sie gewaltsam heimzubringen, sondern um ihr auf einer gefährlichen Straße Begleiter zu sein.
Diese Beziehung machte Chen zugleich zum Vorbild und zum Lernenden. Li Li drängte vorwärts, wo er lieber erst den Duft eines Feldes oder den Geschmack eines fremden Tees verstehen wollte. Er bremste sie, ohne ihr die Neugier auszureden. Sie erinnerte ihn daran, dass Gelassenheit nicht zur Ausrede werden darf, wenn jemand, den er liebt, Klarheit braucht.
Fremder in der eigenen Herkunft
Als die Nebel Pandarias fielen, betraten Chen und Li Li das Land ihrer Vorfahren als Besucher. Im Tal der Vier Winde suchte er die Sturmbräu-Brauerei und fand Verwandte, verdorbene Vorräte und einen Namen, der längst ohne ihn weitergelebt hatte. Heimkehr war hier kein Wiedererkennen. Chen musste eine Herkunft kennenlernen, die er geerbt, aber nie bewohnt hatte.
Während Allianz und Horde ihre Feindschaft nach Pandaria trugen, hielt Chen an Beziehungen fest. Er unterstützte den Widerstand gegen Garrosh und fragte, was die Kämpfenden aus Pandarias Lehren mitnahmen. Braukunst, Essen und Erzählung waren dabei kein lustiger Rand. Sie verbanden Handwerk mit Gedächtnis. Ein Rezept bewahrt, wer eine Zutat fand, wer es veränderte und an welchem Tisch andere zum ersten Mal davon kosteten.
Die lange Kunst des Ankommens
Auch später blieb Chen unterwegs. Er half dem Orden des Zerbrochenen Tempels gegen die Legion und stand an weiteren bedrohten Orten an der Seite alter Freunde. Doch seine Reise ist nicht als Flucht vor Bindung stehen geblieben. Je weiter er ging, desto mehr Verbindungen nahm er ernst: zur Wandernden Insel, zu Pandaria, zu Rexxar und Rokhan, zu Li Li und zu den Verwandten, deren Familiengeschichte seinen Namen schon vor ihm getragen hatte.
Chen besitzt Macht, doch seine besondere Stärke liegt im Maß. Er weiß, wann ein Kampf geführt werden muss und wann eine Pause verhindert, dass der Kampf alles andere verschlingt. In einer Welt, die Helden oft nur an Siegen misst, bewahrt er die Kunst des Ankommens: Schuhe ausziehen, zuhören, einschenken und erst dann fragen, wohin der nächste Weg führt. So wird aus seinem Fernweh kein endloses Fortlaufen, sondern eine immer größere Vorstellung davon, was Heimat einschließen kann.