Das Gedächtnis Dalarans
Die Kirin Tor entstanden, als Dalaran bereits zum Mittelpunkt arkaner Gelehrsamkeit geworden war. Magokraten gründeten den Orden, um bekannte Zauber, Artefakte und magische Gegenstände zu sammeln und zu erforschen. Aus dieser Aufgabe wuchs der Rat der Sechs, der schließlich nicht nur über Bibliotheken, sondern über die ganze Stadt herrschte.
Wissen und Regierung wurden dadurch untrennbar. Wer Magie verstand, entschied, welche Studien erlaubt, welche Funde eingeschlossen und welche Gefahren vor der Bevölkerung verborgen blieben. Blaue Drachen nahmen sterbliche Gestalten an und lernten in Dalaran, um zu helfen und zugleich über den Umgang mit Arkanem zu wachen. Schon früh war die Stadt Schule, Archiv und beaufsichtigtes Pulverfass.
Geheimnisse gegen Dämonen
Der unvorsichtige Gebrauch von Magie zog Dämonen an. Statt die Gefahr öffentlich zu machen, arbeiteten menschliche und hochelfische Magier im Verborgenen. Aus dieser Sorge entstand der Rat von Tirisfal und später das Amt eines einzelnen Wächters, dem gewaltige Macht gegen die Legion übertragen wurde.
Die Lösung schützte Azeroth über lange Zeit und schuf zugleich einen blinden Fleck. Aegwynn entzog sich der Kontrolle des Rates, Sargeras verbarg sich in Medivh, und Geheimhaltung machte Warnungen schwer überprüfbar. Die Kirin Tor lernten immer wieder dieselbe bittere Lektion: Magisches Wissen kann Gefahr eindämmen, doch ein kleiner Kreis wird nicht allein dadurch weise, dass sonst niemand seine Entscheidungen sehen darf.
Eine Stadt fällt und erhebt sich
Unter Antonidas gehörte Dalaran zur Allianz von Lordaeron. Der Erzmagier erkannte Medivhs Warnung vor der Seuche zu spät. Arthas und die Geißel töteten ihn, nahmen das Buch Medivhs und riefen Archimonde nach Azeroth. Der Dämon zerstörte Dalaran mit einer beiläufigen Geste. Türme, in denen Magier Unmögliches beherrschten, fielen wie Sand.
Die Kirin Tor bauten die Stadt wieder auf. Unter Rhonin hoben sie Dalaran nach Nordend, wo der Nexuskrieg und der Feldzug gegen den Lichkönig gleichzeitig geführt wurden. Sonnenhäscher und Silberbund lebten in derselben schwebenden Hauptstadt. Neutralität war dort kein friedlicher Zustand, sondern tägliche Arbeit zwischen Personen, deren Völker einander weiterhin bekämpften.
Die Grenze der Neutralität
Garroshs Manabombe über Theramore tötete Rhonin und viele Magier. Jaina übernahm die Führung und versuchte zunächst, Dalarans Neutralität zu bewahren. Als Angehörige der Sonnenhäscher später Dalaran halfen, die Göttliche Glocke für die Horde zu bewegen, sah sie den alten Vertrauensbruch wiederholt. Die Säuberung Dalarans folgte: Blutelfen wurden vertrieben, eingesperrt oder im Widerstand getötet.
Dalaran kehrte damit offen zur Allianz zurück. Später führte Khadgar die Stadt erneut als gemeinsamen Sammelpunkt gegen die Legion, und die Sonnenhäscher wurden wieder aufgenommen. Keine dieser Wendungen löschte die vorherige aus. Die Kirin Tor konnten Neutralität erklären, aber nicht verfügen, dass alle Bewohner dieselbe Erinnerung an Verrat und Sicherheit teilten.
Nach der schwebenden Stadt
Xal'atath drang in Gestalt des Erzmagiers Drenden bis in den Rat der Sechs vor. Sie lenkte Dalaran nach Khaz Algar und zerstörte die Stadt, als ihre Verteidigung am verwundbarsten war. Wieder lagen Archive, Artefakte und Wohnhäuser in Trümmern. Der Verlust traf nicht nur eine Organisation; er traf eine Lebensform, in der sich die Kirin Tor für unentbehrlich gehalten hatten.
Überlebende des Ordens, Sonnenhäscher und Silberbund kehrten zu den Ruinen zurück und nahmen Abschied. Die Kirin Tor beschlossen, zu ihrer älteren Aufgabe zurückzukehren: Magie zu studieren, ohne erneut Rat, schwebende Hauptstadt und Weltpolitik zum selben Bauwerk zu machen. Ob das gelingt, bleibt offen. Doch erstmals liegt ihre Zukunft vielleicht nicht darin, Dalaran ein weiteres Mal über alle anderen zu erheben. Sie könnte darin liegen, Wissen so zu bewahren, dass sein Wert nicht davon abhängt, wer unter einem violetten Turm gehorcht.