Die Welt, bevor der Weg feststand
Der Smaragdgrüne Traum liegt neben Azeroth wie die Erinnerung an eine Landschaft, die noch nicht endgültig entschieden ist. Berge, Wälder und Flüsse spiegeln die erwachte Welt, doch Wege enden anders, Entfernungen falten sich, und unter einer sichtbaren Schicht warten ältere Entwürfe. Der Traum ist kein bloßes grünes Abbild. Er bewahrt Möglichkeiten, die bei der Formung des Planeten verworfen, verändert oder nie ganz verwirklicht wurden.
Freya ordnete dieses Reich während der titanischen Gestaltung Azeroths. Manche Überlieferungen sagen, sie habe es erschaffen; andere vermuten, dass sie einen bereits vorhandenen Traum der schlummernden Weltseele berührte und formte. Diese Ungewissheit passt zu einem Ort, der sich nicht vollständig in Bauplan und Wildnis aufteilen lässt. Titanische Muster liegen darin, doch das Leben zwischen ihnen wächst mit eigenem Willen.
Yseras geschlossene Augen
Als Ysera zum Aspekt des grünen Drachenschwarms erhoben wurde, band man sie an den Traum. Ihre geschlossenen Augen sahen zugleich die Landschaft Azeroths und ihre smaragdgrüne Entsprechung. Grüne Drachen bewachten Portale, zogen durch die Traumwege und schützten die Verbindung zwischen natürlichem Wachstum und der Welt, in der dieses Wachstum Wurzeln schlug.
Ysera war Hüterin, nicht Besitzerin. Der Traum besitzt Bewohner, Kreisläufe und Tiefen, die selbst sie nicht nach Belieben formen konnte. Cenarius lernte dort unter ihrer Obhut, und Freya band die Geister der Wildgötter an das Reich. Wenn solche Wesen sterben, führt ihr Weg über Ardenwald und dessen Wildsamen zurück in den Kreislauf. Traum und Schattenlande sind dadurch keine Gegensätze, sondern zwei Ufer einer Erneuerung, die Tod weder leugnet noch zum endgültigen Schweigen erklärt.
Die schlafenden Wege der Druiden
Druiden betreten den Traum, während ihre Körper ruhen. Malfurion und andere Nachtelfen verbrachten lange Zeiten in solcher Gemeinschaft. Dort konnten sie Veränderungen des Lebens erspüren, über große Entfernungen wandern und lernen, wie ein Wald nicht als Sammlung einzelner Bäume, sondern als Beziehung aus Wurzel, Tier, Wasser und Erinnerung besteht.
Doch Schlaf machte sie verwundbar. Ein Geist konnte sich verirren, gefangen werden oder eine Verderbnis zurück in den erwachten Körper tragen. Auch die Zeit folgt im Traum keinem verlässlichen Takt. Wer dort Jahre zu verbringen meint, kehrt vielleicht in eine Welt zurück, die anders gealtert ist. Druidische Weisheit entstand daher nie aus sicherer Entfernung. Jeder Gang in den Traum war zugleich Vertrauen darauf, dass andere den schlafenden Leib und den Weg nach Hause bewahrten.
Der Schatten zwischen den Blättern
Yogg-Saron fand über Andrassils Wurzeln einen Zugang, und die Alten Götter säten den Smaragdgrünen Alptraum. Xavius gab dieser Verderbnis Gestalt. Vertraute Wälder wurden zu Orten, an denen Furcht jede lebendige Verbindung als Falle erscheinen ließ. Selbst Ysera fiel zeitweise unter seinen Einfluss und starb, nachdem sie aus ihm befreit worden war.
Der Alptraum wurde zurückgedrängt, aber nicht jede dunkle Wurzel verschwand für immer. Darin zeigt sich die Widerstandskraft des Traums gerade nicht als makellose Reinheit. Leben kann verwundet, verdreht und dennoch geheilt werden, ohne je wieder so zu sein wie zuvor. Merithra übernahm die Führung des grünen Schwarms und musste eine Aufgabe tragen, die lange untrennbar mit dem Namen ihrer Mutter verbunden gewesen war.
Amirdrassils Blüte
Aus einem von Elune und der Winterkönigin gesegneten Samen wuchs Amirdrassil im Traum. Fyrakk, Druiden der Flamme und Djaradin drangen ein, um den jungen Weltbaum in eine Krone aus Schattenflamme zu verwandeln. Drachen, Traumwächter, Wildgötter und Sterbliche verteidigten ihn gemeinsam. Nach Fyrakks Niederlage trat Amirdrassil mit seiner Insel aus dem Traum nach Azeroth und wurde bei Bel'ameth zu einer neuen Heimat der Nachtelfen.
Der Smaragdgrüne Traum verlor den Baum dadurch nicht wie einen geraubten Besitz. Seine Pflege hatte etwas hervorgebracht, das in der erwachten Welt weiterwachsen konnte. Darin liegt sein tiefster Sinn: Er ist keine Flucht in eine unberührte Natur, in der Geschichte nie geschehen ist. Er hält Möglichkeiten lebendig, bis sie Wurzeln schlagen können. Jede solche Geburt verändert beide Seiten des Portals, denn eine Hoffnung, die Wirklichkeit wird, ist nicht länger nur ein Traum.