Der Berater im Licht des Brunnens
Xavius stand als Hochgeborener an Königin Azsharas Seite. Am Hof, der sich selbst für den Gipfel der kaldoreischen Kultur hielt, galt Macht als Beweis der eigenen Besonderheit. Xavius beherrschte die arkane Magie und die Sprache der Bewunderung. Er wusste, wie man einer Herrscherin nicht nur sagt, was sie hören will, sondern ihre Wünsche als Schicksal des ganzen Reiches erscheinen lässt.
Als die Arbeit am Brunnen der Ewigkeit den Blick der Brennenden Legion auf Azeroth zog, erkannte Xavius in Sargeras keinen Eroberer. Er sah eine noch größere Macht, vor der Azsharas Hof glänzen konnte. Er half, das Portal zu öffnen, und übersetzte Unterwerfung in die höfischen Worte von Erwählung und Aufstieg. Die Vernichtung der vermeintlich Unwürdigen wurde in seinem Mund zu einer Reinigung der Welt.
Der erste Satyr
Malfurion zerstörte Xavius' künstliche Augen und tötete ihn im Krieg der Ahnen. Sargeras belohnte das Scheitern seines Dieners mit einer neuen Gestalt. Hörner, Hufe und ein fremdartiger Leib machten aus dem einstigen Nachtelfen den ersten Satyr. Xavius nahm die Verwandlung nicht als Strafe an, sondern als Erhöhung, solange sie ihm weiter Macht über andere gab.
Mit einer von Sargeras geschaffenen Klinge verbreitete er den Fluch. Aus weiteren Nachtelfen wurden Satyrn, und der Krieg blieb auch nach dem Zusammenbruch des ersten Portals in den Wäldern lebendig. Malfurion bezwang Xavius erneut und bannte ihn in einen Baum. Doch selbst diese Form wurde nicht zum Ende. Sein Hass hatte längst Herren gefunden, die geduldiger waren als die Legion.
Ein Alptraum wächst aus dem Traum
N'Zoth machte Xavius zum Herrn des Smaragdgrünen Alptraums. Nun musste er keine Armee mehr durch ein Portal führen. Er konnte in Schlaf, Erinnerung und Furcht eindringen. Der Smaragdgrüne Traum, Urbild eines lebendigen Azeroth, erhielt eine verdrehte Spiegelung, in der Wachstum wucherte, Heilung faulte und jeder vertraute Pfad an den schlimmsten inneren Ort führen konnte.
Xavius nutzte nicht nur rohe Verderbnis. Er suchte Zweifel, die bereits vorhanden waren, und gab ihnen Gestalt. Durch Fandral Hirschhaupts Hand gelangte ein Teil seiner Macht nach Teldrassil. Der Weltenbaum, als neue Hoffnung gepflanzt, trug dadurch von Beginn an eine verborgene Krankheit. Xavius zeigte, wie leicht sich ein Wunsch nach Heilung gegen diejenigen wenden lässt, die zu dringend an seine Reinheit glauben müssen.
Val'sharahs verlorene Gewissheit
Während der dritten Legioninvasion breitete sich der Alptraum von Shaladrassil über Val'sharah aus. Xavius ließ Ursoc verderben, nahm Malfurion gefangen und zwang Tyrande zu einer grausamen Wahl. Sie konnte seiner Spur folgen und bei ihrem Gemahl sein oder den Tempel Elunes gegen die verdorbene Ysera verteidigen. Er wollte nicht bloß Körper besiegen. Er wollte, dass jede richtige Entscheidung sich wie Verrat anfühlte.
Ysera starb unter dem Einfluss des Alptraums. Malfurion wurde befreit, doch Xavius' wahre Gestalt wartete tiefer im Traum. Dort verbanden sich Satyrn, verdorbene Natur und Diener der Alten Götter zu einer Landschaft, die den Verteidigern ihre eigene Furcht entgegenhielt. Der Alptraum war gefährlich, weil er das Vertraute nicht ersetzte. Er ließ es beinahe unverändert aussehen und verschob nur den Sinn.
Der Mann unter dem Ungeheuer
In der Kluft von Aln stellten sich die Streiter Azeroths Xavius. Nach seiner Niederlage fiel die ungeheure Form von ihm ab, und für einen Augenblick blieb der Körper eines Nachtelfen zurück. Der Alptraum wich weitgehend aus dem Traum, ohne dass jede seiner Wurzeln verschwand. Selbst Xavius' endgültiger Zustand bleibt in den Überlieferungen nicht vollkommen gewiss.
Seine Geschichte beginnt und endet deshalb mit einer Entscheidung über den eigenen Blick. Als Berater sah Xavius nur jene Macht, die ihn bedeutender machen konnte. Als Satyr und Alptraumherr zwang er andere, ihre Welt ebenso verzerrt zu sehen. Er war nie bloß das Opfer einer Verwandlung. Lange vor Hörnern und Klauen hatte er gelernt, Schönheit, Treue und Hoffnung so umzudeuten, dass sie nur noch seiner Nähe zur nächsten großen Macht dienten.