Das Auge unter Suramar
Im Krieg der Ahnen stellte sich Elisande zunächst gegen Azshara. Die Hochgeborenen Suramars benutzten die Säulen der Schöpfung, um ein zweites Legionsportal im Tempel von Elune zu schließen. Danach nahm Elisande das Auge Aman'Thuls, bündelte die Leylinien unter der Stadt und erschuf den Nachtbrunnen. Seine Macht speiste eine gewaltige Barriere, die Suramar vor Dämonen und dem nahendie Große Teilung bewahren sollte.
Die Entscheidung rettete einen Teil der Stadt. Während draußen Kontinente zerbrachen und das Kaldoreireich verging, blieb Suramar unter einer schimmernden Kuppel bestehen. Die Bewohner glaubten bald, jenseits des Schildes sei kaum Leben übrig. Schutz wurde zur Trennung, und aus einer Maßnahme für den Krieg entstand eine Ordnung, die zehntausend Jahre dauern sollte.
Aus Schutz wird Nahrung
Als gewöhnliche Vorräte knapp wurden, begannen die Bewohner, die Essenz des Brunnens als Nahrung zu verwenden. Arkwein brachte die Energie in den Alltag. Über Generationen veränderte sie Körper und Seele der einstigen Nachtelfen, bis aus ihnen die Shal'dorei, die Nachtgeborenen, hervorgingen. Das Auge Aman'Thuls gab dem Brunnen selbst einen Hauch titanischer Zeitmacht, den Elisande später für ihre Visionen nutzte.
Der Nachtbrunnen war dadurch mehr als ein Kraftwerk. Er wurde Mahlzeit, Medizin, gesellschaftlicher Mittelpunkt und Beweis der besonderen Kultur Suramars. Architektur, Kleidung und arkanes Handwerk trugen seinen Glanz. Gerade die Schönheit machte die Abhängigkeit schwer erkennbar. Was jeden Tag Leben schenkte, erschien nicht wie eine Fessel, bis jemandem der Zugang genommen wurde.
Hunger als Herrschaft
Der Palast verteilte Arkwein in Rationen. Verbannung bedeutete daher nicht nur den Verlust von Wohnung und Rang. Ohne die Energie des Brunnens verfiel ein Nachtgeborener zur Nachtsüchtigen und schließlich zu einem Verdorrten, dessen Hunger den Verstand verschlang. Elisandes Ordnung konnte Widerspruch bestrafen, indem sie einem Bewohner genau das entzog, woran sein Körper über Jahrtausende angepasst worden war.
Diese Abhängigkeit formte auch die Angst vor der Außenwelt. Wer glaubte, jenseits der Barriere gebe es nur Ruin und im Inneren nur eine einzige Quelle des Überlebens, konnte Unterwerfung leicht mit Vernunft verwechseln. Als Gul'dan die Wahl zwischen Legion und Vernichtung stellte, las Elisande in ihren Zeitwegen keinen erfolgreichen Widerstand. Sie öffnete die Stadt und gab dem Feind Zugang zu jener Macht, die Suramar einst vor ihm gerettet hatte.
Eine Frucht gegen die Fessel
Thalyssra und die Nachtsüchtigen konnten den Palast nicht stürzen, solange jeder Tag ohne Arkwein sie schwächte. Im Arkan'dor verbanden sich arkane und natürliche Kräfte zu einer anderen Antwort. Seine Frucht heilte den Entzug, gab Verdorrten ihre Person zurück und befreite die Rebellen von der Notwendigkeit, den Nachtbrunnen erobern zu müssen, um überhaupt weiterzuleben.
Mit dieser Freiheit belagerten Nachtgeborene und Verbündete Suramar. Elisande fiel, Gul'dan wurde in der Nachtfestung besiegt, und das Auge Aman'Thuls gelangte nach Dalaran. Ohne das Artefakt wurde der Brunnen instabil und begann zu versiegen. Valtrois hätte versucht, ihn zu erhalten. Thalyssra entschied, dass ein Volk, das gerade seine Abhängigkeit überwunden hatte, nicht sofort einen neuen Grund finden sollte, dieselbe Quelle zu behalten.
Das Ende eines goldenen Stillstands
Der Nachtbrunnen durfte ausbrennen. Früchte des Arkan'dor wurden an die Bevölkerung verteilt, damit Befreiung nicht auf den Kreis der ersten Rebellen beschränkt blieb. Suramar verlor damit weder seine Magie noch seine Geschichte. Die Nachtgeborenen behielten in sich Spuren der Macht Aman'Thuls, und ihre Stadt blieb ein Meisterwerk arkaner Kultur. Was endete, war der Anspruch einer einzigen Quelle, über Zugehörigkeit und Leben zu entscheiden.
Im Unterschied zum Sonnenbrunnen wurde der Nachtbrunnen nicht gereinigt und neu geweiht. Sein bewusst zugelassenes Ende war selbst der Neuanfang. Darin liegt seine besondere Geschichte: Er rettete Suramar wirklich, und gerade deshalb konnte sein Schaden nicht durch die Behauptung erklärt werden, die Quelle sei von Anfang an böse gewesen. Die Fessel entstand, als eine Notlösung zum unveränderlichen Mittelpunkt jeder Zukunft wurde. Thalyssras größte Entscheidung bestand folglich nicht darin, mehr Macht aus dem Brunnen zu ziehen, sondern darin, einer geretteten Stadt zuzutrauen, nach seinem Erlöschen weiterzuleben.