Zwei Namen, ein Leben
In Dalaran kannte man ihn als Krasus: einen hageren, vernarbten Hochelfen, Erzmagier des Kirin Tor und Meister jener Zurückhaltung, die mehr Fragen weckt, als sie beantwortet. Sein wahrer Name war Korialstrasz. Er war ein roter Drache, Gefährte Alexstraszas und damit Diener jener Aufgabe, die dem roten Schwarm anvertraut worden war: Leben nicht nur zu erschaffen, sondern es gegen jene zu verteidigen, die es zu Besitz machen wollten.
Die Gestalt des Magiers war für Korialstrasz keine bloße Verkleidung. Als Krasus lebte er unter Sterblichen, saß im Rat der Sechs und lernte, wie kurz ihre Zeit und wie schnell ihre Entscheidungen waren. Als Drache trug er Erinnerungen, die ganze Menschenreiche überdauerten. Zwischen beiden Existenzen wurde er zum Vermittler. Er sprach selten alles aus, weil Wissen in den falschen Händen selbst eine Waffe sein konnte; doch er griff ein, wenn Schweigen größeren Schaden angerichtet hätte.
Krieg in Vergangenheit und Gegenwart
Ein Riss in der Zeit schleuderte Krasus gemeinsam mit Rhonin und Broxigar in den Krieg der Ahnen. Dort begegnete er einer jüngeren Alexstrasza und einer Welt, deren spätere Wunden er bereits kannte. Jeder Schritt war gefährlich: Er durfte die Vergangenheit nicht unbedacht verändern und konnte dennoch nicht tatenlos zusehen, wie die Brennende Legion durch den Brunnen der Ewigkeit nach Azeroth griff. In diesem Krieg half er dem Widerstand der Kaldorei und wurde Zeuge jener Entscheidungen, aus denen der Grosse Bruch, Illidans langer Weg und die spätere Ordnung der Drachen hervorgingen.
Jahrtausende später traf ihn der Schmerz des roten Drachenschwarms persönlich. Der Drachenmalclan hielt Alexstrasza in Grim Batol gefangen und zwang sie mithilfe der Dämonenseele, Eier für den Krieg der Horde zu legen. Korialstrasz kämpfte weiter, als viele bereits jede Hoffnung aufgegeben hatten. In Rhonin fand er den sterblichen Verbündeten, der das Unmögliche wagen konnte. Die Dämonenseele wurde zerstört, Alexstrasza befreit, und die wiedervereinten Aspekte trieben Todesschwinge zurück. Hinter dem großen Sieg stand Krasus' beharrliche Weigerung, die Gefangenschaft seiner Gefährtin als unabwendbar hinzunehmen.
Wächter zwischen den Völkern
Sein Weg führte ihn immer wieder an Orte, an denen drakonische und sterbliche Geschichte ineinandergriffen. Er wachte über Anveena, die lebendige Gestalt der Sonnenbrunnenenergie, und half, Quel'Thalas gegen jene zu schützen, die diese Macht verschlingen wollten. Im Krieg gegen den Lichkönig stand er an Alexstraszas Seite im Wyrmruhtempel. Während des Nexuskrieges warb er für den Zusammenschluss der Schwärme im Wyrmruhpakt und half den Sterblichen, Malygos entgegenzutreten. Er kannte die Gefahr der Magie, aber auch die Grausamkeit, sie allein aus Angst verbieten zu wollen.
Krasus war dabei selten der Held, der im Mittelpunkt einer Halle das Schwert hob. Seine Stärke lag im Verbinden: Er brachte Rhonin auf einen Weg, suchte die Aspekte, übersetzte die Sorgen der Drachen für den Kirin Tor und die Entschlossenheit der Sterblichen für Wesen, die in Jahrhunderten dachten. Diese Rolle machte ihn nicht neutral. Seine Liebe zu Alexstrasza, seine Treue zum roten Schwarm und seine Schuldgefühle lenkten ihn. Gerade weil er Bindungen besaß, konnte er verstehen, dass Schutz nie nur aus einem abstrakten Auftrag entsteht.
Das letzte Gelege
Nach dem Kataklysmus entdeckte Korialstrasz im Rubinsanktum eine Verderbnis, die alle Drachenschwärme bedrohte. Der Schattenhammer hatte die Eier in den verbundenen Sanktuarien infiziert. Als er eines der missgestalteten Jungen berührte, ging die Veränderung auf ihn über. Es blieb keine Zeit, die anderen zu warnen und jedes Ei einzeln zu retten. Korialstrasz verband die Portale der Sanktuarien und entließ seine gesamte Lebenskraft in einer Explosion. Er vernichtete sich selbst, die verdorbenen Gelege und damit die Möglichkeit, dass eine neue chromatische Brut aus ihnen hervorbrach.
Für Alexstrasza sah diese Tat zunächst wie Verrat aus. Sie hatte ihren Gefährten und Tausende ungeborene Kinder zugleich verloren. Erst Thrall brachte ihr die Wahrheit über sein Opfer. Krasus' letzter Entschluss war schrecklich, aber er folgte derselben Linie wie sein ganzes Leben: Er trug Wissen, das andere noch nicht besaßen, sah eine Gefahr, für die keine gute Antwort blieb, und stellte sich selbst zwischen sie und die Zukunft. Der Magier und der Drache starben gemeinsam, doch die Schwärme lebten weiter. Darin fand Korialstrasz jene Form von Sieg, die ihm immer wichtiger gewesen war als der eigene Name.