Der Mensch unter Hochelfen
Nathanos Marris stammte aus Lordaeron und besaß ein Talent für Jagd und Waldläuferkunst, das Sylvanas Windläufer nicht übersehen konnte. Sie setzte seine Aufnahme in die Fernläufer gegen den Widerstand vieler Hochelfen durch. Nathanos stieg bis zum Waldläuferlord auf, als erster und einziger Mensch in diesem Rang.
Die Auszeichnung befreite ihn nicht von Verachtung. Viele Gefährten hielten ihn für einen Eindringling, während Gerüchte über seine Nähe zur Waldläufergeneralin jede Leistung verdächtig machten. Nathanos reagierte nicht mit Demut, sondern mit schneidendem Stolz. Sylvanas wurde für ihn zugleich Lehrerin, Geliebte und die einzige Instanz, deren Urteil schwerer wog als die Ablehnung einer ganzen Gesellschaft.
Der Pestrufer
Die Geißel erreichte den Marrishof und tötete Nathanos. Nachdem Sylvanas ihren eigenen Willen zurückgewonnen und die Verlassenen gegründet hatte, ließ sie nach ihm suchen und erhob ihn in den Untod. Aus dem Waldläuferlord wurde der Pestrufer. Er kehrte auf seinen verwüsteten Hof zurück, züchtete Seuchenhunde und führte Krieg gegen Scharlachrote, Geißel und jeden, den seine Königin zum Feind erklärte.
Sein Spott traf Untergebene und Gegner gleichermaßen. Nathanos machte Bitterkeit zur Rüstung und verbarg fast jede Erinnerung an sein früheres Leben. Selbst Akten über seine Zeit in Quel'Thalas wollte er vernichtet oder ungelesen sehen. Der Untod nahm ihm nicht die Kränkungen des Menschen. Er konservierte sie und gab ihm eine Macht, mit der er den einstigen Verächtern endlich ohne jedes Bedürfnis nach Anerkennung begegnen konnte.
Das dunkle Spiegelbild
Vor der Legionsinvasion wollte Sylvanas den zerfallenen Leib ihres Champions erneuern. Das Ritual benötigte verwandtes Fleisch. Ihr Opfer war Stephon Marris, Nathanos' Vetter, der als Kind von einem Leben als Paladin geträumt und diesen Traum im Argentumkreuzzug verwirklicht hatte. Nathanos sah ihn auf dem zweiten Altar und ließ die Val'kyr dennoch beginnen.
Stephon wurde verzehrt, Nathanos erhielt Kraft und ein Gesicht, das nicht mehr ganz sein eigenes war. Für einen kurzen Augenblick empfand er Bedauern. Dieser Rest Gewissen änderte seine Entscheidung nicht. Gerade darin liegt die Wahrheit seiner Treue: Sylvanas musste ihn nicht geistig beherrschen. Nathanos opferte einen Menschen aus der eigenen Familie, weil er ihre Wünsche längst über jedes andere Band gestellt hatte.
Der Krieg seiner Königin
Als Sylvanas Kriegshäuptling wurde, führte Nathanos ihre Feldzüge. Er jagte nach den Säulen der Schöpfung, kämpfte in Stormheim gegen Genn Graumähne und stand später im Krieg der Dornen an der Spitze der Hordentruppen. Teldrassils Verbrennung, die Seuche von Lordaeron und die Gewalt an der Dunkelküste ließen ihn nicht von ihr abrücken.
Er barg Derek Prachtmeers Leichnam, half bei dessen Erhebung und sollte ihn als Waffe gegen Jaina und Katherine verwenden. Auf der Dunkelküste beaufsichtigte er die Erweckung gefallener Nachtelfen. Jede Grenzüberschreitung bestätigte die vorherige. Hätte Nathanos innegehalten, hätte er nicht nur Sylvanas beurteilen müssen, sondern auch den Menschen, zu dem er sich aus Liebe zu ihr gemacht hatte.
Tod und Warten im Schlund
Nach Sylvanas' Bruch mit der Horde kehrte Nathanos zum Marrishof zurück. Er verbarg sich nicht. Tyrande Wisperwind stellte ihn dort als Nachtkriegerin, besiegte ihn und schlug ihm den Kopf ab. Nathanos begrüßte den Tod, weil er überzeugt war, seine Seele werde unmittelbar zu Sylvanas gelangen. Der Kerkermeister ließ sie jedoch im Unklaren und Nathanos fiel wie andere Seelen in den Schlund.
Sylvanas erfuhr erst von Tyrande, dass er tot war. Nach ihrem eigenen Bruch mit Zovaal und seinem Fall wurde sie dazu verurteilt, jede Seele aus dem Schlund zu bergen; sie nahm sich vor, auch Nathanos zu finden. Jahre später ist er dort weiterhin lebendig beziehungsweise als Seele vorhanden und wurde im Verborgenen gesehen. Die ersehnte Wiedervereinigung bleibt aus. Nathanos, der jede andere Bindung für Sylvanas verbrannte, sitzt damit an dem Ort, den er freiwillig mit ihr teilen wollte, und muss erfahren, dass selbst absolute Gefolgschaft keinen Anspruch auf ihre Nähe schafft.