Die Stadt vor der Teilung
Suramar war schon im alten Kaldoreireich eine große Stadt. Malfurion und Illidan, Tyrande, Maiev und Jarod kannten ihre Straßen, bevor ihre Namen Legenden wurden. Mondwachen studierten dort arkane Kunst, Priesterinnen dienten Elune, und die Bewohner lebten im Schatten einer Hauptstadt, deren Macht unerschütterlich schien.
Im Krieg der Ahnen drang die Brennende Legion auch nach Suramar. Hochgeborene der Stadt schlossen ein großes Dämonenportal und errichteten mit dem Auge von Aman'thul einen Schild. Der Nachtbrunnen speiste die Barriere, als die Große Teilung Küsten und Reiche zerriss. Ein Teil Suramars sank, doch die geschützte Stadt blieb stehen und hörte auf, die Welt außerhalb als verlässlichen Ort zu betrachten.
Zehntausend Jahre unter dem Schild
Generation um Generation lebte Suramar abgeschlossen. Die Energie des Nachtbrunnens veränderte seine Bewohner zu Nachtgeborenen. Arkwein trug die Magie in ihren Alltag, ihre Körper und ihre Kultur. Was anfangs das Überleben gesichert hatte, wurde zur Abhängigkeit, die kaum jemand noch von der eigenen Natur trennen konnte.
Elisandes Ordnung teilte diese lebensnotwendige Macht zu. Wer gehorchte, erhielt Rationen; wer ausgestoßen wurde, verwandelte sich ohne sie in einen Nachtsüchtigen und konnte schließlich zum geistlosen Verdorrten werden. Hinter den schönen Fassaden lag deshalb eine einfache Drohung. Der Staat musste seine Gegner nicht immer töten. Er konnte sie aus der Versorgung entfernen und zusehen, wie der eigene Hunger das Urteil vollstreckte.
Elisandes Entscheidung
Als Gul'dan während der dritten Legionsinvasion vor Suramar erschien, verlangte er Zugang zum Nachtbrunnen. Elisande hatte mögliche Zeitlinien betrachtet und glaubte, Widerstand führe stets zur Vernichtung. Sie senkte den Schild und verbündete sich mit der Legion. Aus ihrer Sicht opferte sie Freiheit, um die Stadt zu erhalten; in den Straßen standen bald Dämonen, die zeigten, was von einem geretteten Suramar übrig blieb.
Thalyssra widersprach. Ihr erster Umsturzversuch scheiterte durch Melandrus' Verrat, und verwundet stürzte sie aus der Stadt. Als Nachtsüchtige fand sie in Shal'Aran Zuflucht und begann mit wenigen Verbündeten neu. Ihre Rebellion wuchs nicht aus der Gewissheit, dass jede Zukunft gut enden werde. Sie wuchs aus der Entscheidung, dass ein vorhergesagtes Scheitern noch kein Recht gab, das eigene Volk kampflos zu übergeben.
Der Arcan'dor und die Rebellion
In Shal'Aran wuchs der Arcan'dor, ein Baum aus arkaner und natürlicher Kraft. Seine Frucht heilte die Abhängigkeit der Nachtsüchtigen und gab der Rebellion etwas, das wichtiger war als eine weitere Waffe: eine Zukunft, die nicht vom Besitz des Nachtbrunnens abhing. Befreite Verdorrte, Bürger, Mondwachen und andere Ausgestoßene konnten nun kämpfen, ohne bloß eine neue Hand an den alten Rationen zu verlangen.
Nachtelfen, Blutelfen, Hochelfen, Kirin Tor und weitere Verbündete halfen bei der Belagerung. Elisande fiel in der Nachtfestung, Gul'dan wurde besiegt, und Thalyssra ließ den Nachtbrunnen erlöschen. Die Stadt überlebte ein zweites Mal. Diesmal geschah es nicht durch einen Schild, der jede Veränderung ausschloss, sondern durch das Ende jener Quelle, um die Suramar seine ganze Gesellschaft gebaut hatte.
Eine offene Stadt mit langer Erinnerung
Unter Thalyssra schloss sich Suramar der Horde an. Die Blutelfen verstanden den Entzug magischer Abhängigkeit und begegneten den Nachtgeborenen ohne die scharfe Verurteilung, die Thalyssra bei Tyrande wahrgenommen hatte. Aus dieser Nähe entstand ein politisches Bündnis und später durch Thalyssras Ehe mit Lor'themar auch eine persönliche Verbindung zwischen Suramar und Quel'Thalas.
Als der Sonnenbrunnen verdorben wurde, kämpften Nachtgeborene im vereinten Elfenheer. Suramar, das einst die Außenwelt hinter einer Barriere aufgegeben hatte, half nun einem anderen Elfenreich, dessen magisches Herz bedroht war. Das macht die Stadt nicht frei von alter Überheblichkeit oder neuen politischen Fehlern. Es gibt ihrer Schönheit aber einen anderen Sinn. Die Bögen und leuchtenden Kanäle sind nicht länger nur der Beweis, dass Suramar zehntausend Jahre unverändert blieb. Sie gehören Bewohnern, die lernten, dass Bewahrung ohne Freiheit lediglich ein besonders prächtiger Käfig ist.