Die Festung am westlichen Meer
Westlich von Gilneas liegt Tol Barad wie ein dunkler Stein im Meer. Lange bevor die Insel zum Gefängnis wurde, errichtete das Menschenreich Arathor dort eine Zitadelle. Nach dem Zerfall des alten Reiches gehörte sie zum Einflussgebiet Stromgardes. Ihre Lage war ihr erster Reichtum und ihr erster Fluch: Wer die Insel hielt, konnte die Gewässer der Baradinbucht überwachen und Truppen zwischen den nördlichen und südlichen Teilen der Östlichen Königreiche bewegen.
Auf Tol Barad entstand deshalb kein stilles Randgebiet. Die Mauern blickten stets zum Horizont, als erwarteten sie Segel. Fischer, Soldaten und Familien lebten unter dem Schutz einer Festung, deren Wert von fernen Herrschern in Karten und Nachschublinien gemessen wurde. Noch ehe Dämonen in den Kellern lagen, war die Insel ein Ort, an dem gewöhnliches Leben den Preis strategischer Bedeutung bezahlte.
Der schwarze Sieg des Zweiten Krieges
Im Zweiten Krieg diente Tol Barad der Allianz als Ausgangspunkt für einen Angriff auf das von der Horde besetzte Dun Modr. Die Orcs sahen in der Insel daraufhin nicht mehr nur einen Stützpunkt, sondern ein Hindernis auf ihrem Weg durch die Östlichen Königreiche. Ihr Gegenangriff traf die Verteidiger mit solcher Wucht, dass die Soldaten Stromgardes vertrieben, die Bewohner zu großen Teilen erschlagen und die Zitadelle niedergebrannt wurden.
Der Sieg hinterließ mehr als verkohlte Steine. Ruhelose Geister blieben zwischen den Ruinen zurück, und Überlebende verloren ihre Heimat. Tol Barad wurde zum Beispiel dafür, wie ein Ort aus der Ferne als Feldzeichen erscheinen und für jene, die dort wohnen, die ganze Welt sein kann. Als die Flotten weiterzogen, blieb eine Insel zurück, deren Mauern nicht mehr gegen einen Angriff schützten, sondern von ihm erzählten.
Eine Festung, die nach innen blickt
Nach dem Krieg beanspruchten Magier aus Kul Tiras die verwüstete Insel für einen neuen Zweck. Sie bauten Baradinfestung wieder auf, richteten die Verteidigungsanlagen nun jedoch nach innen. Wo einst Feinde am Landen gehindert werden sollten, entstand ein magisches Gefängnis für Wesen und Verbrecher, die als zu gefährlich für gewöhnliche Kerker galten. Wächter aus stromischer und kultiranischer Bevölkerung bildeten die Wächter von Baradin; auch der Kirin Tor brachte mächtige Dämonen in die unterirdischen Zellen.
Damit veränderte sich die Bedeutung der Insel grundlegend. Tol Barad schützte die Welt nicht mehr durch Entfernung, sondern durch Verschluss. Argaloth, Occu'thar, Alizabal und andere Schrecken lagen nicht dort, weil jemand an ihre Besserung glaubte. Sie wurden verwahrt, weil Vernichtung unmöglich, zu riskant oder nicht gelungen war. Jede Rune im Gemäuer war deshalb ein Versprechen: Solange die Wächter aushielten, musste der Rest Azeroths nicht erfahren, was unter ihren Füßen atmete.
Der Kataklysmus öffnet alte Wunden
Als der Kataklysmus die Welt erschütterte, wurden auch die Sicherungen des Gefängnisses beschädigt. Garrosh Höllschrei entsandte Höllschreis Hand, um die Insel für die Horde zu erobern; die Wächter von Baradin verteidigten sie für die Allianz. Drei äußere Befestigungen entschieden über den Zugang zur zentralen Festung. So kämpften beide Seiten auf einem Boden, dessen eigentliche Gefahr nicht im gegnerischen Banner, sondern unter dem Schlachtfeld lag.
Die Schlacht endete schließlich mit einem Sieg der Allianz, doch eine dauerhafte Wiederherstellung gelang nicht. Die Gefangenen nutzten jeden Riss in der Ordnung. Occu'thar brach aus seiner Zelle aus und verschlang andere Insassen, bis sein eigener Leib zu groß für die Flucht geworden war. Während der nächsten Invasion der Brennenden Legion mussten sich die verbliebenen Kräfte sogar zurückziehen. Baradinfestung zeigte damit die bittere Grenze eines Kerkers: Mauern können Zeit kaufen, aber sie ersetzen weder eine Lösung noch ewige Wachsamkeit.
Eine Wache ohne Ende
Nach dem Vierten Krieg meldete Mathias Shaw, dass in den Tiefen noch immer Dämonen hausten und kein Wärter mehr im Inneren Dienst tat. Die Wächter von Baradin beobachteten die Festung aus der Entfernung. Einzelne Ausbrecher wurden erschlagen, doch niemand wusste sicher, wie viele Wesen noch in den Zellen oder den verlorenen Gängen warteten. Der große Fraktionskampf war vorüber; die Aufgabe der Insel war es nicht.
Tol Barad trägt deshalb drei Geschichten zugleich. Arathors Festung erzählt von menschlichem Aufbau, die verbrannten Ruinen vom Preis des Zweiten Krieges, und der nach innen gekehrte Kerker vom Versuch, unbeherrschbare Macht hinter Stein zu verbannen. Keine dieser Schichten löscht die andere aus. Unter den Schritten eines heutigen Wächters liegen die Toten Stromgardes, unter ihnen die Fundamente Arathors und noch tiefer das Knurren gefesselter Dämonen. Die Insel ist nicht bloß ein Schlachtfeld, sondern eine Pflicht, die jedes Reich gern übernimmt, solange Ruhm zu gewinnen ist, und die bestehen bleibt, wenn die Banner längst wieder eingeholt wurden.