Ein Hunger mit vielen Augen
Occu'thar gehörte zu den sonderbarsten Insassen der Baradinfestung. Sein Leib erinnerte an einen gewaltigen Hund, doch über den Körper verteilt saßen Augen, die sich unabhängig voneinander bewegten. Damit war er kein Tier im gewöhnlichen Sinn, sondern ein Wesen aus jener dämonischen und leerennahen Fauna, die in den Kriegen der Legion immer wieder nach Azeroth gelangte.
Über seine Herkunft und seine Gefangennahme ist nur wenig erhalten. Die Entscheidung, ihn nach Tol Barad zu bringen, spricht dennoch für sich. Die Magier, die das Gefängnis nutzten, betrachteten ihn als eine Gefahr, die nicht frei bleiben durfte und die sich offenbar auch nicht zuverlässig vernichten ließ.
Die Zelle wird zum Futterplatz
Als der Kataklysmus die Schutzzauber der Festung schwächte, entkam Occu'thar aus seiner Zelle. Er fand jedoch keinen Weg aus dem gesamten Gefängnis. Stattdessen fiel er über andere Insassen her. Sein Hunger ließ ihn wachsen, bis sein eigener Körper zu groß geworden war, um die Baradinfestung zu verlassen.
Das hielt ihn nicht auf. Wo Argaloth mit Feuer und Gewalt drohte, verwandelte Occu'thar die Korridore in ein Jagdgebiet. Seine Gefangenschaft und seine Freiheit gingen ineinander über: Er blieb in der Festung eingeschlossen, aber innerhalb dieser Grenzen konnte er sich bewegen, fressen und weiter anschwellen.
Die Augen des Unholds
Occu'thars Augen waren nicht bloß ein Merkmal seines Aussehens. Sie konnten sich lösen und über das Schlachtfeld wandern, während der Hauptleib seine Beute mit Feuer und Schatten bedrängte. Wer dem Wesen gegenüberstand, kämpfte deshalb nicht gegen einen einzelnen Blick, sondern gegen eine Aufmerksamkeit, die aus vielen Richtungen zugleich kam.
Seine Macht hatte keine politische Absicht und kein Versprechen. Occu'thar wollte kein Reich errichten. Er folgte Hunger und Instinkt, und gerade deshalb konnte man ihn nicht durch Verhandlungen, Verrat oder den Verlust eines Anführers aufhalten. Die Festung musste ihn körperlich bändigen oder an ihm zugrunde gehen.
Ein Gefängnis ohne Aufsicht
Occu'thars Ausbruch machte deutlich, wie weit die Ordnung in Tol Barad bereits zerfallen war. Ein sicher geführtes Gefängnis hätte verhindert, dass Insassen einander erreichen. In der beschädigten Baradinfestung wurden die Zellen dagegen zu einem zusammenhängenden Lebensraum, in dem das stärkste Wesen die schwächeren verschlang.
Für Horde und Allianz bedeutete das, dass der Besitz der Insel immer neue Pflichten mit sich brachte. Die Festung war kein Schatz, den man nach einer gewonnenen Schlacht einfach nutzen konnte. Sie verlangte ständig neue Wachsamkeit, weil jeder unkontrollierte Bereich einen weiteren Occu'thar verbergen konnte.
Nach Argaloth, vor Alizabal
Occu'thar war der zweite große Gefangene, der nach Todesschwinges Rückkehr ausbrach. Seine Niederlage schloss eine weitere offene Zelle, stellte aber die alten Siegel nicht wieder her. Danach wartete mit Alizabal eine Gegnerin, die nicht aus Hunger, sondern aus Hass und bewusster Grausamkeit handelte.
So nimmt Occu'thar seinen Platz zwischen zwei sehr verschiedenen Bedrohungen ein. Argaloth verkörperte die militärische Gewalt der Legion, Alizabal ihre absichtsvolle Bosheit. Occu'thar zeigte dazwischen, dass ein Gefängnis auch an seinen eigenen Zuständen scheitern kann: Nicht jeder Insasse brauchte einen Plan. Manche mussten nur lange genug hungrig bleiben.