Kinder eines zerschlagenen Reiches
Die Neruber tragen die Gestalt von Spinnen, doch ihre Geschichte beginnt nicht in einem dunklen Winkel Nordends. Ihre Vorfahren gehörten zu den Aqir, die im Schwarzen Imperium für die Alten Götter Festungen bauten und Kriege führten. Nach langen Kämpfen mit den frühen Trollreichen zerbrach das Reich Azj'Aqir. Ein Teil der Überlebenden zog in den Norden und gründete unter Eis und Fels eine eigene Zivilisation.
Dort entstand Azjol-Nerub. Seine Hallen reichten weit unter Nordend, getragen von Bögen, Netzen und einer Baukunst, die Oberflächenbewohner oft erst bemerkten, wenn der Boden unter ihnen nachgab. Die Neruber sammelten Wissen, schufen Kunst und entwickelten eine Gesellschaft, die weit mehr war als ein Schwarm. Gerade ihre Abgeschlossenheit bewahrte sie vor vielen Kriegen der Oberfläche und ließ sie zugleich Fremden mit tiefem Misstrauen begegnen.
Frei vom alten Flüstern
Obwohl ihre Vorfahren den Alten Göttern gedient hatten, lösten sich die Neruber von deren unmittelbarer Herrschaft. Als sie in Nordend auf Yogg-Sarons Gefängnis stießen, erkannten sie in seinem Flüstern keinen rechtmäßigen Herrn. Diese Unabhängigkeit unterscheidet sie von vielen Qiraji und Mantid. Herkunft war für sie kein ewiger Vertrag.
Doch die Tiefe bot keinen vollkommenen Schutz. Als Ner'zhul als Lichkönig erwachte, wollte er Azjol-Nerub unterwerfen. Die Neruber waren gegen seine Seuche widerstandsfähig, nicht aber gegen die Toten, die er aus ihren eigenen Gefallenen erhob. Im Krieg der Spinne kämpften sie jahrelang. Jeder verlorene Verteidiger kehrte als Soldat der Geißel zurück, bis das Reich unter der Last seiner eigenen Leiber zusammenbrach.
Die Toten unter fremdem Befehl
Anub'arak, einst König von Azjol-Nerub, wurde zum Kryptalord der Geißel. Mit ihm zwang der Lichkönig der besiegten Kultur ihr eigenes Gesicht als Waffe auf. Oberflächenbewohner lernten Neruber vor allem als Untote kennen und verwechselten die versklavten Körper mit dem lebenden Volk, dem sie genommen worden waren.
Überlebende hielten sich in verborgenen Kammern und suchten nach Wegen, ihr Reich zurückzugewinnen. Die Erfahrung veränderte selbst ihre Bestattung: In Azj-Kahet wurden Tote später verbrannt, damit kein Feind sie erneut gegen ihre Familien erheben konnte. Ein Brauch, der wie nüchterne Vorsicht wirkt, trägt die Erinnerung an einen Krieg, in dem Trauer niemals sicher im Grab bleiben durfte.
Azj-Kahet und die Gabe des Aufstiegs
Weit unter Khaz Algar überdauerte mit Azj-Kahet ein zweites großes nerubisches Reich. Dort blieben Hof, Handwerk, Handel und alte Rangordnungen lebendig. Königin Neferess regierte eine Gesellschaft, die unter Hunger und schwindenden Möglichkeiten litt. Dann erschien Xal'atath und bot eine alchemistische Verwandlung an. Aus Nerubern sollten Aufgestiegene werden: größer, mächtiger und der vermeintlich vollkommenen Gestalt ihres Volkes näher.
Neferess misstraute dem Geschenk. Ihre Tochter Ansurek sah darin dagegen die Rettung des Reiches und den Weg zu eigener Größe. Xal'atath nutzte diesen Riss. Ein politischer Konflikt wurde zum Umsturz, und die Versprechen der Leere traten nicht als fremde Ketten auf, sondern als Lösung für wirkliche Not. Wer den Aufstieg annahm, erhielt Macht; zugleich wurde Azj-Kahet immer stärker an die Pläne einer Macht gebunden, deren Ziel nie das Wohlergehen der Neruber war.
Ein Volk hinter den Netzen
Neruber erscheinen anderen Völkern fremd, weil ihre Körper, Sprache und Gebräuche andere Maßstäbe verlangen. Diese Fremdheit rechtfertigt jedoch nicht, sie auf Grausamkeit oder Instinkt zu reduzieren. In ihren Reichen gibt es Gelehrte, Arbeiter, Verschwörer, Königinnen und Einzelne, die zwischen Familie und Pflicht wählen. Ihre Geschichte kennt Tyrannei und Fremdenhass, aber ebenso Widerstand gegen Alte Götter, Geißel und Leere.
Das Bild des Netzes passt zu ihnen, solange man es nicht nur als Falle versteht. Ein Netz besteht aus Verbindungen. Wird ein Faden zerrissen, tragen andere die Spannung; wird die Mitte vergiftet, spürt es das ganze Geflecht. Azjol-Nerub fiel, weil der Tod jede Verbindung gegen das Volk kehrte. Azj-Kahet geriet in Gefahr, weil Xal'atath den Hunger einzelner Fäden nutzte. Die Zukunft der Neruber hängt daran, ob sie ihr Geflecht wieder selbst knüpfen können.