Das Kind, das niemand mehr beschützte
Valeera Sanguinars Familie wurde von Banditen getötet. Danach verwüstete die Geißel Quel'Thalas, und selbst die Heimat ihres Volkes konnte einer jungen Waise kaum Sicherheit geben. Valeera lebte vom Stehlen und lernte, eine ausgestreckte Hand zuerst danach zu beurteilen, ob sie helfen oder zugreifen wollte. Herkunft blieb ihr wichtig, doch sie erfuhr früh, dass ein großer Name und eine gemeinsame Fahne kein einzelnes Kind ernähren.
Bei einem misslungenen Diebstahl wurde sie gefangen. Ihre Gegenwehr beeindruckte nicht etwa jemanden, der sie freilassen wollte, sondern jene, die aus ihrer Begabung Gewinn ziehen konnten. Valeera wurde an Rehgar Erdenzorn verkauft und für den Kampf in der Arena ausgebildet. Aus dem Waisenmädchen wurde eine Ware, deren Wert an Schnelligkeit, Überleben und dem Beifall einer Menge gemessen wurde.
Drei Gefangene im Ring
Im Scharlachroten Ring kämpfte Valeera an der Seite des Nachtelfen Broll Bärenfell und eines Menschen ohne Erinnerung, der Lo'Gosh genannt wurde. Die drei verband keine gemeinsame Fraktion. Sie waren Gefangene verschiedener Völker, die nur überlebten, wenn jeder dem anderen im entscheidenden Augenblick den Rücken deckte. Aus erzwungener Nähe entstand eine Gefährtenschaft, die sich als stärker erwies als die Besitzansprüche ihrer Herren.
Lo'Gosh war Varian Wrynn, der verschwundene König von Sturmwind. Valeera half ihm, Erinnerung und Thron zurückzugewinnen, und kämpfte gegen Onyxias Intrigen. Sie tat dies nicht, weil sie plötzlich der Allianz dienen wollte. Varian hatte im Ring denselben Staub geschluckt und dieselben Ketten getragen. Ihre Treue wuchs aus gemeinsam bestandener Abhängigkeit und aus der Erfahrung, dass er sie später als Verbündete behandelte, nicht als Eigentum.
Hunger und der Dämon im Zeichen
Auf der Reise nahm Valeera arkane Energie in sich auf und weckte damit den magischen Hunger, der viele Blutelfen nach dem Fall des Sonnenbrunnens quälte. Später zeichnete ein Attentäter sie mit dem Mal Kathra'natirs. Der Dämon verstärkte ihre Sucht und versuchte, aus jedem Bedürfnis eine offene Tür zu machen. Valeeras größter Gegner saß nun nicht auf einem Thron oder hinter einem Arenagitter, sondern in ihrem eigenen Willen.
Mit Hilfe Aegwynns und Meryl Wintersturms konnte sie Kathra'natir zunächst vertreiben. In späterer Not griff sie dennoch wieder nach seiner Macht, um Gefährten gegen Cho'gall zu schützen. Meryl nahm den Dämon schließlich in sich auf und band ihn. Die Rettung machte Valeeras Rückfall nicht zu einer einfachen Heldentat. Sie blieb eine Frau, die wusste, wie schnell Überlebenswille in Abhängigkeit umschlagen konnte, und gerade deshalb die Kontrolle über ihre Entscheidungen nicht an einen Orden abtreten wollte.
Die unsichtbare Hand des Hauses Wrynn
Varian bot Valeera einen Platz als Beraterin und Beschützerin an. Sie nahm an, bestand aber auf ihrer Unabhängigkeit. Ihre Loyalität galt Varian und später Anduin, nicht automatisch Sturmwind oder der Allianz. Zugleich blieb sie kulturell Blutelfe und verteidigte die Geschichte ihres Volkes. In einer Welt, die jede Freundschaft sofort einer roten oder blauen Fahne zurechnen wollte, machte sie persönliche Treue zu einer eigenen politischen Haltung.
Valeera arbeitete mit den Ungekrönten, jagte während der Legioninvasion verborgene Feinde und überbrachte Botschaften, von denen selbst Sturmwinds offizieller Geheimdienst nichts wusste. Für Anduin stellte sie Kontakte zu Baine her und half, Verständigung zwischen lebenden Menschen und ihren verlassenen Verwandten zu versuchen. Ihre Beweglichkeit zwischen den Lagern war nicht Neutralität aus Gleichgültigkeit. Sie riskierte sich gerade dort, wo offene Gesandte durch Misstrauen und Krieg aufgehalten worden wären.
Eine Verbündete, keine Besitznahme
Nach Xal'ataths Angriff auf Dalaran fand Valeera bei den in Dornogal versammelten Anführern der Ungekrönten wieder vertraute Gesichter. Als das Reliquiar später in immer gefährlichere Gebiete vordrang, übernahm sie den Begleitschutz seiner Erkundungen. Das war keine Rückkehr in einen bequemen Dienst. Valeera stellte ihre Klingen dorthin, wo Wissen gesucht wurde und jeder Fund zugleich einen neuen Feind wecken konnte.
In Silbermond stand sie bei Anduin, als Lor'themar nach dem Auftreten der Vorhut des Lichts die Hilfe des Reliquiars anforderte. Ihr genaues formelles Verhältnis zur Regierung von Quel'Thalas blieb dennoch offen. Sie hatte ihre Herkunft nie abgelegt und arbeitete weiterhin mit Menschen außerhalb ihres Volkes. Valeera musste nicht zwischen Blutelfe und Freundin des Hauses Wrynn wählen, solange keine Seite aus Freundschaft Unterwerfung machte.
Valeeras Lebensweg begann damit, dass andere ihren Körper verkauften, ihren Hunger benutzten und ihre Begabung besitzen wollten. Darum setzt sie ihre Bindungen selbst. Sie kann einem König dienen, ohne sein Reich über ihr Gewissen zu stellen, und einer Heimat verbunden bleiben, ohne jede Entscheidung ihrer Herrscher zu übernehmen. In ihrer Welt ist Vertrauen kostbar, weil es jederzeit entzogen werden kann. Wer es erhält, gewinnt keine Dienerin. Er gewinnt eine Verbündete, die gerade deshalb bleibt, weil die Tür offen ist.