Eine Stimme unter Eiskrone
Matthias Lehner erscheint als geisterhafter blonder Junge an mehreren Orten in Eiskrone. Zum ersten Mal begegnet er einem Abenteurer tief unter der Eiskronenzitadelle in Naz'anak, den Vergessenen Tiefen. Dort liegt ein pulsierender Kristall in einem Becken. Wer ihn berührt, hört Matthias' Warnung: Das hätte nicht geschehen dürfen, denn der Lichkönig werde nun nach der Person suchen, die den Gegenstand gefunden hat.
Matthias nennt Arthas nie direkt beim Namen. Er spricht vom Prinzen oder von ihm und behauptet, der Abenteurer könne ihn nur sehen, weil er etwas berührt habe, das einst Arthas gehörte. Um der Entdeckung zu entgehen, rät er, sich mit dem Blut der Gesichtslosen zu tarnen und an die Oberfläche zurückzukehren. Schon diese erste Begegnung lässt offen, ob der Junge Helfer, Erinnerung oder Manipulator ist. Sicher ist nur, dass sein Wissen eng mit Arthas und dem Inneren der Zitadelle verbunden ist.
Die Vernichtung der Ersten Legion
Im Tal der verlorenen Hoffnung verspottet Matthias die Vorstellung, die Geißel könne allein mit Belagerungsmaschinen besiegt werden. Er zeigt eine Vision der Ersten Legion, einer Einheit, die dem Lichkönig gedient hatte. Arthas ließ seine eigenen Soldaten töten und als Untote wiederauferstehen. Matthias deutet diese Tat als Beweis für die Macht des Prinzen: Nicht das Erheben von Leichen sei schwierig gewesen, sondern die Bereitschaft, frühere Kameraden ohne Reue zu opfern.
Die Wertung stammt von Matthias und muss nicht als moralische Wahrheit übernommen werden. Sie zeigt vielmehr, wie die Vision den Betrachter einschüchtern soll. Arthas' Stärke wird als völlige Trennung von Mitgefühl beschrieben. Der Abenteurer soll glauben, dass ein Gegner ohne Rücksicht auf seine eigenen Truppen durch gewöhnlichen Mut nicht bezwungen werden kann. Ob Matthias warnen oder entmutigen möchte, bleibt dabei absichtlich zweideutig.
Sindragosas Fall und Illidans Niederlage
Bei Sindragosas Fall zeigt Matthias, wie Arthas die tote blaue Drachin als Frostwyrm erhob. Sindragosa war im Krieg der Ahnen abgestürzt und im Eis Nordends gestorben. Der Lichkönig rief ihre Überreste aus dem Gletscher und zwang sie in seinen Dienst. Die Vision erklärt damit nicht nur einen mächtigen Diener der Geißel, sondern demonstriert, wie Arthas sogar uralte Tote in Waffen für seinen Krieg verwandelt.
Am Knochenhof folgt eine weitere Erinnerung: Arthas' Duell mit Illidan Sturmgrimm vor dem Frostthron. Illidan wollte die Verschmelzung des Todesritters mit Ner'zhul verhindern, unterlag jedoch. Für Matthias ist der Kampf der Augenblick, in dem Arthas die letzte Hürde auf dem Weg zum Lichkönig überwand. Die Reihe der Bilder führt deshalb nicht zufällig durch Eiskrone. Sie rekonstruiert schrittweise, wie aus dem gefallenen Prinzen ein Herrscher wurde, der Leben, Tod und selbst seine eigene Vergangenheit nur noch als Werkzeuge behandelte.
Das fortgeworfene Herz
Schließlich enthüllt Matthias die Natur des pulsierenden Kristalls. Es ist Arthas' Herz. Nach der Besteigung des Frostthrons habe Arthas geglaubt, sein menschliches Herz mache ihn schwach, weil es Schmerz, Reue und Verwundbarkeit ermögliche. Er riss es aus sich heraus und warf es in die Tiefe von Naz'anak. Matthias warnt, dass der Lichkönig nun von der Entdeckung weiß und das Herz nicht noch einmal unbewacht lassen werde.
Tirion Fordring hofft, in dem Herzen einen Rest des Prinzen zu finden, der erlöst werden kann. Gemeinsam mit einem Helden dringt er in die Kathedrale der Dunkelheit ein. Als Tirion in das Herz blickt, kommt er jedoch zu dem Schluss, dass keine Menschlichkeit mehr darin vorhanden ist. Er zerstört es mit dem Aschenbringer und entkommt mit Hilfe der Ritter der Schwarzen Klinge. Matthias erscheint nach seiner letzten Erklärung nicht wieder.
Anagramm, Symbol und offene Deutung
Der Name Matthias Lehner ist ein Anagramm von Arthas Menethil. Deshalb wird der Junge häufig als Verkörperung des letzten menschlichen Anteils von Arthas verstanden, den der Lichkönig zusammen mit seinem Herzen verstoßen habe. Ein blonder Junge erscheint außerdem in inneren Szenen des Romans Arthas: Aufstieg des Lichkönigs und in Sylvanas' Jenseitsvision aus Nachtklinge. Diese Ähnlichkeiten stützen die Deutung, bestätigen sie aber nicht eindeutig.
Die Quellen lassen ausdrücklich Vorsicht zu. Der Junge im Roman wurde nicht als Matthias Lehner geschrieben, und Blizzard bestätigte nie abschließend, dass beide Figuren identisch sind. Auch andere Erklärungen wurden vorgeschlagen, etwa eine Illusion Yogg-Sarons. Diese Alternativen sind ebenfalls Spekulation. Als gesicherte Aussage bleibt daher: Matthias kennt Arthas' Erinnerungen, sein Name verweist direkt auf ihn und seine Erscheinungen führen zum Herzen. Was er ontologisch ist, bleibt offen.
Warum Matthias wichtig ist
Matthias liefert keine vollständige Biografie des Lichkönigs. Seine Visionen wählen gezielt Ereignisse aus, die Arthas' Verlust von Bindung und Mitleid zeigen. Eigene Soldaten werden geopfert, Sindragosa wird gegen ihren Willen erhoben, Illidan wird am Frostthron besiegt und das eigene Herz wird als Schwäche beseitigt. Dadurch verbindet die Questreihe den äußeren Feldzug in Eiskrone mit der Frage, ob in Arthas noch jemand gerettet werden kann.
Tirions Entscheidung beantwortet diese Frage für den Augenblick der Handlung mit Nein, ohne Matthias' Natur zu erklären. Gerade diese Trennung ist wichtig: Dass das Herz leer erscheint, beweist weder, dass Matthias Arthas' Menschlichkeit ist, noch dass er lügt. Der geisterhafte Junge bleibt ein bewusst rätselhaftes erzählerisches Mittel. Ein Glossareintrag kann seine Hinweise und die verbreiteten Interpretationen darstellen, darf aus der stärksten Fan-Theorie aber keine bestätigte Warcraft-Geschichte machen.