Der Palast über dem Nachtbrunnen
Im Herzen Suramars erhebt sich die Nachtfestung über einer Quelle arkaner Macht, die älter ist als das Reich der Nachtgeborenen. Nach dem Großen Bruch schützte eine gewaltige Barriere die Stadt vor der Zerstörung. Hinter ihr überlebten die Hochgeborenen, doch der Brunnen, den sie zu ihrer Rettung erschufen, wurde bald zur Grundlage ihres gesamten Lebens.
Aus dieser Abhängigkeit entstand eine glänzende, aber starre Gesellschaft. Wer Zugang zum Nachtbrunnen besaß, genoss Ansehen und Sicherheit. Wer vom Hof verstoßen wurde, verlor nicht nur seinen Rang, sondern auch die arkane Nahrung, ohne die Nachtgeborene zu verdorren drohten. Die Festung war daher zugleich Palast, Heiligtum und Instrument politischer Kontrolle.
Elisandes Entscheidung
Großmagistrix Elisande hatte Suramar schon einmal vor der Brennenden Legion bewahrt. Als die Dämonen zurückkehrten, betrachtete sie mögliche Zukünfte und kam zu dem Schluss, dass jeder Widerstand in der Vernichtung ihres Volkes ende. Sie öffnete der Legion die Tore und stellte den Nachtbrunnen in ihren Dienst. Für sie war das kein Kniefall aus Verehrung, sondern eine berechnete Kapitulation, mit der sie Suramar erhalten wollte.
Viele Nachtgeborene zahlten den Preis dieser Rechnung. Unter Thalyssras Führung entstand ein Aufstand, der nicht nur die Dämonen vertreiben, sondern auch die Herrschaft über den Nachtbrunnen brechen wollte. Mit Hilfe von Verbündeten aus ganz Azeroth drangen die Rebellen durch Suramar bis in jene Festung vor, aus der Elisande ihr Reich gelenkt hatte.
Der Weg durch die Nachtfestung führte an den Grundlagen ihrer Macht vorbei. Skorpyron bewachte die unterirdischen Zugänge, eine chronomatische Anomalie zeigte die Folgen von Elisandes Eingriffen in die Zeit, und Trilliax erinnerte an eine Epoche, in der arkane Konstrukte den Hof bedienten. Weiter oben standen Krosus, Tichondrius und andere Diener der Legion zwischen den Angreifern und dem Nachtbrunnen.
Hochbotaniker Tel'arn verkörperte eine andere Seite Suramars. Seine Forschungen verbanden arkane Magie mit lebender Natur, wurden unter der Legion aber in eine Waffe verwandelt. Sterndeuter Etraeus richtete den Blick über Azeroth hinaus und sah Welten, die Sargeras bereits verbrannt hatte. Jeder Saal zeigte auf andere Weise, wie weit Suramars Wissen reichte und wie vollständig es nun dem Krieg untergeordnet wurde.
Das Ende der Großmagistrix
Elisande stellte sich den Aufständischen am Nachtbrunnen. Sie rief Echos möglicher Vergangenheiten und Zukünfte herbei, weil sie noch immer glaubte, ihre Gegner kämpften gegen ein unvermeidliches Schicksal. Erst in ihrer Niederlage erkannte sie, dass sie nicht alle Wege gesehen hatte. Mit letzter Kraft half sie den Angreifern, an Gul'dans Schutzzaubern vorbeizukommen.
Ihr Tod beendete nicht die Geschichte Suramars, aber er löste die Stadt aus einem Herrschaftssystem, das Rettung mit Gehorsam verwechselt hatte. Thalyssra und die Rebellen mussten danach beweisen, dass die Nachtgeborenen ohne Elisandes Zwang und ohne die tägliche Abhängigkeit vom Nachtbrunnen bestehen konnten.
Auf der Spitze der Festung erwartete Gul'dan seine Verfolger. Im Auftrag Kil'jaedens benutzte er den Nachtbrunnen, um Illidans Körper zum Gefäß für Sargeras zu machen. Damit sollte der gefallene Titan einen unmittelbaren Zugang nach Azeroth erhalten. Gul'dan verteidigte das Ritual mit der Macht, die ihm die Legion seit Draenor versprochen hatte.
Das Ritual scheiterte. Illidans Seele kehrte in seinen Körper zurück, und der Dämonenjäger tötete Gul'dan mit derselben Teufelsenergie, der dieser sein Leben verschrieben hatte. Die Nachtfestung wurde dadurch zum Ende zweier Geschichten: Elisandes Herrschaft brach zusammen, und Gul'dans Weg vom ehrgeizigen Schamanen zum Werkzeug der Legion fand sein endgültiges Ende.
Was von der Festung blieb
Der Sieg befreite Suramar, beseitigte aber nicht alle Folgen der langen Abschottung. Die Nachtgeborenen mussten ihr Verhältnis zu den anderen elfischen Völkern neu bestimmen und eine politische Heimat außerhalb der alten Barriere suchen. Ihr späterer Beitritt zur Horde ging aus diesen Erfahrungen mit Ausgrenzung, Abhängigkeit und neu gewonnener Selbstbestimmung hervor.
Die Nachtfestung bleibt deshalb mehr als der Ort eines Feldzugs. In ihren Hallen begegnen sich die Erinnerung an den Krieg der Ahnen, die Angst vor einer zweiten Vernichtung und die Frage, wie weit eine Herrscherin gehen darf, um ihr Volk zu bewahren. Suramar überlebt, aber nicht auf dem Weg, den Elisande für den einzig möglichen hielt.