Das Land vor den goldenen Türmen
Zul'jin wuchs mit einer Wahrheit auf, die kein elfischer Grenzstein auslöschen konnte: Die Wälder von Quel'Thalas hatten einst zum Reich der Amani gehört. Die Hochelfen errichteten ihre Stadt und Runensteine auf erobertem Land, während die Waldtrolle über Jahrtausende gegen ihren Verlust kämpften. Für Zul'jin war der Krieg deshalb keine plötzliche Feindschaft, sondern die Fortsetzung einer Vertreibung, die seine Gegner längst als abgeschlossene Geschichte behandelten.
Er wurde zum Kriegsherrn von Zul'Aman und einte Amani unter seiner Führung. Sein Mut und seine Fähigkeit, elfische Stellungen anzugreifen und wieder im Wald zu verschwinden, machten ihn zum Helden seines Volkes. Doch die berechtigte Erinnerung an geraubtes Land verband sich früh mit dem Ziel, die Elfen vollständig auszulöschen. Zul'jin verlangte nicht nur Anerkennung und Rückgabe. Er machte das Fortleben des Gegners selbst zum Hindernis seiner Gerechtigkeit.
Der Handel mit der alten Horde
Im Zweiten Krieg bot Orgrim Schicksalshammer eine Macht, mit der die Amani Quel'Thalas endlich brechen konnten. Zul'jin schloss sich der Horde an, weil ihre Interessen für einen Augenblick dieselbe Richtung nahmen. Die Trolle halfen den Orcs nicht aus Treue zu einem gemeinsamen Ideal. Ihr Bündnis ruhte auf dem Versprechen, die Hochelfen anzugreifen und den Amani den Weg in ihre früheren Gebiete zu öffnen.
Als die Horde andere Ziele verfolgte und der Feldzug scheiterte, fühlte Zul'jin sich benutzt. Die Verbindung zerbrach, wie Zweckbündnisse zerbrechen, wenn jede Seite im anderen nur eine Waffe sieht. Dennoch blieb sein Name mit der Horde verbunden. Spätere Generationen konnten sich auf seinen Beitritt berufen, ohne den Preis und die Bedingungen zu nennen. Zul'jin selbst vergaß weder das gebrochene Versprechen noch die Soldaten, die für einen fremden Krieg gefallen waren.
Auge und Arm in elfischer Hand
Gegen Ende des Krieges geriet Zul'jin in die Gewalt der Hochelfen. Unter Halduron Wolkenglanz' Bewachung verlor er ein Auge und wurde schwer misshandelt. Um zu entkommen, trennte er sich den eigenen Arm ab. Trollische Regeneration hätte viele Wunden heilen können, doch Auge und Arm wuchsen nicht wieder nach. Ob körperliche Grenze, geistige Verletzung oder beides den Heilungsprozess hemmten, ist nicht vollständig geklärt.
Die Verstümmelung wurde zum sichtbaren Gedächtnis seiner Feindschaft. Jeder Blick auf den fehlenden Arm bestätigte ihm, dass Frieden nur Vergessen zugunsten der Elfen bedeuten könne. Er überlebte sogar den Angriff der Geißel auf Quel'Thalas, der seine Gegner beinahe vernichtete. Doch ihr Leid öffnete ihm keinen Weg aus dem Hass. Er sah darin die Gelegenheit, einen alten Krieg zu beenden, solange die neuen Blutelfen noch schwach waren.
Von den Loa geliehene Macht
Als Zul'jin erfuhr, dass die Blutelfen der neuen Horde beigetreten waren, empfand er dies als letzten Verrat. Jene Horde, die einst mit den Amani gegen Quel'Thalas gezogen war, nahm nun die Erben der Hochelfen auf. Von Zul'Aman aus bereitete er den Angriff vor. Hexlord Malacrass band die Kräfte der Tierloa an ausgewählte Amani, und Zul'jin selbst riss ihre Gestalten an sich, um jeden Gegner mit Adler, Bär, Luchs und Drachenfalke zu bekämpfen.
Damit überschritt er eine Grenze, die sein Freiheitskampf nicht rechtfertigen konnte. Die Loa waren Verbündete und geistige Verwandte der Amani, keine Vorratskammer für einen Kriegsherrn. Hordehelden drangen in Zul'Aman ein und töteten Zul'jin. Sein Tod beendete die Feindschaft nicht, aber er ließ ein Volk zurück, dessen Götter sich wegen der erzwungenen Bindung abwandten. Der Mann, der niemandes Werkzeug sein wollte, hatte für seinen letzten Krieg sogar die heiligen Mächte der eigenen Heimat zu Werkzeugen gemacht.
Was seine Enkelin erbte
Was nach seinem Tod aus Zul'jins Seele wurde, ist nicht sicher überliefert. In Revendreth war eine gequälte Trollseele zu sehen, die ihm ähnelte; einen Beweis für seine Identität gibt es jedoch nicht. Auf Azeroth erbten seine Nachkommen ein zerrissenes Reich. Seine Enkelin Zul'jarra wuchs mit dem Respekt vor der Vergangenheit auf, aber auch mit der Warnung ihres Vaters, Hass nicht über Nacht im Herzen festwerden zu lassen. Als neue Feinde die Amani bedrohten, musste sie um Hilfe bitten, ohne die Ansprüche ihres Volkes aufzugeben.
Gemeinsam mit Lady Liadrin, einer Blutelfe, bestand Zul'jarra die Prüfungen einer Hash'ey und gewann das Vertrauen der Loa zurück. Diese Zusammenarbeit löschte die Eroberung der Amani-Länder nicht aus und sprach Zul'jin nicht pauschal schuldig oder frei. Sie tat etwas Schwierigeres: Sie trennte die Zukunft des Volkes von der Pflicht, jeden Fehler seines größten Kriegsherrn zu wiederholen. Zul'jin bleibt Befreier, Opfer, Täter und Warnung zugleich. Seine Enkelin ehrt das Land, indem sie es bewahrt, nicht indem sie alle darin begräbt.