Die Wolfsgestalt der Druiden
Lange bevor ein Gilneer den Fluch im eigenen Blut spürte, suchten Nachtelfendruiden im Satyrkrieg nach einer Gestalt, die stark genug war, Dämonen zu zerreißen. Die Rudelform verband sie mit Goldrinns ungebändigter Wildheit. Sie verlieh Geschwindigkeit, Klauen und einen Zorn, der den Satyrn gewachsen war. Doch wer sie annahm, verlor leicht die Grenze zwischen Feind und Gefährte.
Ralaar Fangfeuer, später Alpha Prime genannt, wollte diese Macht nicht aufgeben. Zusammen mit Belysra Sternenhauch schuf er die Sense der Elune, um Goldrinns Raserei durch Elunes Kraft zu zügeln. Das Ergebnis war keine Heilung. Die Druiden des Rudels verwandelten sich in die ersten Worgen, und ihr Biss trug die Verwandlung weiter. Malfurion schloss die unbeherrschbaren Kämpfer unter Daral'nir im Smaragdgrünen Traum ein. Der Sieg über die Satyrn hinterließ damit eine Waffe, die nur vergessen, nicht ungeschehen gemacht worden war.
Arugal öffnet die Tür
Im Dritten Krieg suchte Erzmagier Arugal nach einem Mittel gegen die Geißel. Er rief Worgen aus ihrem Gefängnis nach Silberwald und setzte sie als Verteidiger ein. Anfangs erfüllten sie den Zweck, für den man sie wieder geweckt hatte. Dann wandten sie sich gegen jene, die sie schützen sollten. Der Fluch verbreitete sich durch Bisse, und Arugal zog sich mit seinen Geschöpfen in Burg Schattenfang zurück.
Die Mauer Graumähnes hatte Gilneas von den Kriegen Lordaerons abschirmen sollen. Nun hielt sie die Folgen von Arugals Entscheidung nicht draußen. Worgen fanden Wege in das abgeschlossene Königreich; der Wolfskult vergrößerte ihre Zahl im Verborgenen. Als der Fluch offen ausbrach, kämpften die Gilneer zugleich gegen wilde Worgen, gegen ihre eigenen Verwandelten und gegen den alten politischen Riss zwischen König Genn Graumähne und Darius Crowley.
Eine Stadt verliert ihre menschliche Gestalt
Kein vollständiges Heilmittel konnte den Fluch entfernen. Krennan Aranas entwickelte eine Behandlung, die den Verstand zurückbrachte, doch die Wut blieb im Körper. Nachtelfen führten die Betroffenen später zum Ritual des Gleichgewichts bei Tal'doren. Dort lernten sie, die menschliche und die wölfische Gestalt bewusst zu tragen. Kontrolle bedeutete nicht, dass der Wolf verschwand. Sie bedeutete, dass er nicht länger allein entschied.
Währenddessen griffen die Verlassenen Gilneas an, und der Kataklysmus riss das Land auf. Die Bevölkerung musste ihre Heimat verlassen. Die Nachtelfen nahmen die Flüchtlinge auf, auch weil ihre eigene Geschichte den Ursprung des Fluches barg. So wurde aus einer alten Schuld ein neues Bündnis. Die Gilneer schlossen sich der Allianz an und brachten ihre Worgenform nicht als geheilte Schwäche, sondern als beherrschte Kraft mit.
Mehr als ein Fluch
Außenstehende sehen an Worgen zuerst Zähne, Klauen und die Möglichkeit des Kontrollverlustes. Viele Betroffene selbst sprechen unterschiedlich darüber. Für manche bleibt die Verwandlung eine Krankheit, die ihnen aufgezwungen wurde. Andere erleben sie als Gabe, weil sie Schärfe, Kraft und eine neue Nähe zur Wildnis schenkt. Keine dieser Sichtweisen kann für alle gelten. Ein Volk entsteht nicht dadurch, dass jeder seine Wunde gleich deutet.
Worgendruiden tragen diese Spannung besonders sichtbar. Ihre Gestalt ist keine gewöhnliche Tierform, die beim Ende eines Zaubers abgelegt wird; der Fluch reicht tiefer und bleibt selbst im Tod bestehen. Dennoch können sie druidische Wege gehen. Damit widerlegen sie die Vorstellung, ein unkontrollierter Ursprung müsse jedes spätere Handeln bestimmen.
Die Rückkehr nach Gilneas
Über Jahre lebten viele Gilneer im Exil und kämpften in den Kriegen der Allianz. Genns Zorn auf Sylvanas und die Trauer um seinen Sohn Liam verbanden die Rückgewinnung des Landes lange mit persönlicher Vergeltung. Als die Verlassenen ihre Truppen schließlich wie versprochen abzogen, besetzte jedoch der Scharlachrote Kreuzzug die verlassene Stadt. Tess Graumähne führte den Angriff auf die Fanatiker an und nahm dabei sogar die Hilfe Calia Menethils, Lilian Voss' und des Trostlosen Rates an. Der gemeinsame Sieg heilte die alte Wunde zwischen Gilneas und den Verlassenen nicht, aber er verhinderte, dass sie jede künftige Entscheidung beherrschte.
Nach der Rückeroberung dankte Genn ab und übergab Tess die Krone. Gilneer bezogen wieder Häuser auf der Halbinsel, während in der Stadt der Wiederaufbau begann. Die Heimkehr löschte weder Fluch noch Verlust, doch sie gab dem Volk einen Ort zurück, an dem es seine Zukunft nicht nur als Flüchtlinge entwerfen musste. Unter einer Königin, die selbst keine Worgenform trägt, gehört Gilneas dennoch gleichermaßen seinen menschlichen und wölfischen Bürgern.
Die Geschichte der Worgen handelt deshalb weniger von Menschen, die zu Bestien wurden, als von der gefährlichen Bequemlichkeit dieser Trennung. Die ersten Worgen waren Beschützer, die ihre Gewalt nicht mehr beherrschten; viele scheinbar zivilisierte Herrscher trafen zugleich Entscheidungen, die ganze Städte in Elend stürzten. Der Wolf macht Zorn sichtbar, aber er erfindet ihn nicht. Worgen leben jeden Tag mit dieser Wahrheit. Ihre Würde liegt nicht in einem endgültigen Sieg über die Wildheit, sondern in der immer neuen Entscheidung, was sie mit ihr schützen.