Ein Waldläufer von Quel'Thalas
Renthar Falkenspeer gehörte zu den Waldläufern von Quel'Thalas, lange bevor sich Blutelfen und Hochelfen über die Zukunft ihres Volkes entzweiten. Die Waldläufer bewachten die Grenzen des Reiches, kannten die Wälder südlich von Silbermond und reagierten auf Gefahren, bevor sie die goldenen Tore erreichten. Renthar stieg zum Waldläuferlord auf und diente neben der Familie Windläufer, deren Mitglieder die Verteidigung des Reiches über Generationen prägten.
Während des Zweiten Krieges untersuchte er mit Sylvanas Windläufer den Tod ihrer Eltern Lireesa und Verath. Die Horde hatte Quel'Thalas erreicht, Waldtrolle kämpften an ihrer Seite, und der Schutz des Reiches war keine entfernte Pflicht mehr. Für Renthar verband sich der Krieg mit persönlichem Verlust und mit der Erkenntnis, dass selbst die dichten Wälder der Hochelfen keinen sicheren Abstand zu den Konflikten der übrigen Welt garantierten.
Nach dem Fall des Sonnenbrunnens
Jahre später verwüstete die Geißel Quel'Thalas und entweihte den Sonnenbrunnen. Die überlebenden Elfen litten unter dem Verlust jener arkanen Quelle, die ihre Kultur und ihre Körper über Jahrtausende geprägt hatte. Prinz Kael'thas gab seinem Volk den Namen Blutelfen und suchte nach Wegen, den magischen Hunger zu stillen. Nicht jeder akzeptierte seine Methoden oder die politische Richtung, die Silbermond danach einschlug.
Renthar gehörte zu jenen, die sich weigerten, die neue Identität und ihre Konsequenzen anzunehmen. Er führte Hochelfen in die Quel'Lithien-Loge in den Östlichen Pestländern. Die Entscheidung war kein einfacher Rückzug in die Vergangenheit. Die Loge lag in einem verwüsteten Grenzland, umgeben von Untoten und den Narben alter Schlachten. Renthar hielt an der Zugehörigkeit zur Allianz und an einem Bild von Quel'Thalas fest, das in Silbermond kaum noch politischen Raum hatte.
Exil und verbitterte Unabhängigkeit
Die Trennung wurde endgültig, als Lor'themar Theron die Andersdenkenden aus dem wiederaufgebauten Reich verbannte. Renthar und seine Gefährten empfanden dies nicht als nüchterne Sicherheitsmaßnahme, sondern als Verrat durch Menschen, mit denen sie einst dieselben Grenzen verteidigt hatten. In Quel'Lithien mussten sie fortan ohne den Schutz Silbermonds und ohne eine verlässliche Quelle arkaner Energie bestehen.
Als Lor'themar später Hilfe anbot, wies Renthar sie zurück. Der Zorn richtete sich auch gegen die Bündnisse der Blutelfen. Silbermond war der Horde beigetreten, und Sylvanas, einst Waldläufergeneralin, führte nun die Verlassenen. Für Renthar verband sich beides mit den Angriffen, die sein Volk erlitten hatte. Dass eine frühere Gefährtin als untote Königin an der Spitze einer Horde stand, ließ sich für ihn nicht von der eigenen Vergangenheit trennen.
Der Fehler von Quel'Lithien
Das Überleben der Loge blieb prekär. Ohne Sonnenbrunnen und ohne Unterstützung suchten die Hochelfen nach anderen magischen Quellen. Ein rätselhafter Gegenstand sollte ihren Hunger lindern. Stattdessen verdarb seine Energie die Bewohner. Viele verloren Verstand und Selbstbeherrschung und wurden zu Elenden, Wesen, in denen der Hunger jede andere Bindung verdrängte.
Renthar überstand die Katastrophe, doch seine Loge war als Gemeinschaft zerbrochen. Er nahm den Namen Todesjäger Falkenspeer an und jagte die Untoten und Verderbten in den umliegenden Pestländern. Der einstige Waldläuferlord verteidigte nun nicht mehr die lebendigen Grenzen eines blühenden Reiches. Er bewegte sich durch Ruinen und musste mit ansehen, wie jene, die seinem Weg ins Exil gefolgt waren, an genau der Not zerfielen, vor der sie sich hatten schützen wollen.
Die letzte Jagd
Renthar starb schließlich in den Pestländern. Selbst im Tod wollte er nicht als Werkzeug der Geißel oder einer anderen nekromantischen Macht zurückkehren. Er bat darum, seinen Leichnam zu verbrennen. Diese Bitte war das letzte Urteil eines Mannes, dessen Leben von untoten Armeen, verlorenen Angehörigen und der Verwandlung ehemaliger Gefährten geprägt worden war.
Sein Ende war weder die Versöhnung mit Silbermond noch die Wiederherstellung der alten Loge. Renthar blieb bis zuletzt ein Verteidiger, dessen Beharren zugleich Würde und Tragik besaß. Er hatte gute Gründe, Zwang und Abhängigkeit abzulehnen. Doch die Isolation, die daraus folgte, nahm seinen Leuten Schutz und führte sie zu einer gefährlichen Ersatzlösung. Sein Leben zeigt, dass moralische Standhaftigkeit eine Gemeinschaft nicht automatisch vor den Folgen ihrer Einsamkeit bewahrt.
Zwischen Hochelfen und Blutelfen
Renthar macht den Bruch innerhalb der thalassischen Elfen greifbar. Nach der Zerstörung des Sonnenbrunnens gab es keine Entscheidung ohne Preis. Kael'thas und später Lor'themar suchten Machtquellen und Bündnisse, um ein sterbendes Volk zu erhalten. Renthar fürchtete, dass sie dabei jenes Volk veränderten, das sie retten wollten. Beide Seiten handelten aus Verlust, doch sie zogen gegensätzliche Grenzen.
Die Quel'Lithien-Loge blieb als Ruine dieser Auseinandersetzung zurück. In ihr lagen Erinnerungen an den Zweiten Krieg, an die Familie Windläufer, an das Exil und an die arkane Abhängigkeit der Elfen übereinander. Renthar war darin nicht bloß ein verbitterter Gegner Silbermonds. Er war ein alter Wächter, der erlebt hatte, wie Heimat mehrfach ihre Gestalt wechselte, und der am Ende keinen Ort mehr fand, an dem seine Vorstellung von Quel'Thalas noch ungebrochen bestehen konnte.