Zwei Tage des Gleichgewichts
Die Orc-Klans des alten Draenor lebten weit voneinander entfernt und unterschieden sich in Dialekten, Kleidung, Glaubensformen und Bräuchen. Zweimal im Jahr, wenn Tag und Nacht gleich lang waren, führte ihr Weg dennoch nach Nagrand. Unter dem Schatten Oshu'guns hielten sie das Kosh'harg. Was als Treffen der Schamanen begonnen hatte, wurde über Jahrhunderte zu einem Fest für alle Klans.
Während dieser Tage mussten Fehden ruhen. Wer heiligen Boden mit einer privaten Rache entweihte, hatte schwere Folgen zu erwarten. Das Verbot schuf keine dauerhafte Einheit und löste keine alten Konflikte. Es gab den Orcs aber einen geschützten Zwischenraum, in dem ein Kriegshymne mit einem Frostwolf sprechen konnte, ohne zuerst nach der Axt zu greifen. Man tauschte Nachrichten, schloss Beziehungen, handelte und sah Gesichter wieder, die sonst ein halbes Jahr entfernt lebten.
Ein Platz auch für die Toten
Im Mittelpunkt stand ein großes Mahl an einem Altar in Sichtweite des heiligen Berges. Jeder Klan brachte Speisen mit, um sich vor den Ahnen zu zeigen. Lieblingsgerichte Verstorbener wurden bereitgestellt, als könnten Duft und Erinnerung ihnen den Weg zum gemeinsamen Feuer weisen. Die Toten waren keine Zuschauer aus einer abgeschlossenen Vergangenheit. Sie gehörten zur Versammlung und erinnerten die Lebenden daran, dass ein Klan aus mehr Mitgliedern besteht als denen, die gerade antworten können.
Zwischen Bechern, Geschichten und Werbungen entstanden Freundschaften, die später ganze Völker prägten. Durotan und Orgrim lernten einander bei einem Kosh'harg kennen. Andere Treffen brachten Streit über die Draenei, gemeinsame Trauer nach Ogerangriffen oder den Entschluss zu einem Feldzug. Das Fest war kein politischer Rat mit festem Ergebnis, doch gerade seine Nähe ließ Entscheidungen wachsen, lange bevor sie als Befehl ausgesprochen wurden.
Die Grenzen der alten Gemeinschaft
Das Kosh'harg versprach Freundschaft zwischen den Klans, aber nicht jeder durfte an ihr teilhaben. Mok'nathal und andere sogenannte Halbblütige waren unerwünscht. Selbst unter Orcs konnten Schande und körperliche Schwäche den Zugang beschneiden. Garad verweigerte Drakas ausgegrenzter Familie zeitweise die Teilnahme. Die heilige Gemeinschaft schützte Frieden innerhalb eines Kreises, dessen Rand von Vorurteilen gezogen wurde.
Auch Leid kam mit den Reisenden. Bei einem Kosh'harg verbreiteten sich die roten Pocken. Garad und andere Erkrankte blieben auf Ner'zhuls Rat in Nagrand, um ihre Klans nicht anzustecken, und errichteten die Siedlung Garadar. So wurde aus dem Fest der Wiederbegegnung für manche ein endgültiger Abschied. Später verdrängten Gul'dans Horde, Krieg und die Zerstörung Draenors die Tradition ganz. Ein Volk, das sich ständig zum Feldzug sammelte, fand keinen Raum mehr für eine Zusammenkunft ohne Gewalt.
Razor Hill statt Oshu'gun
Auf Azeroth erinnerte Eitrigg daran, dass die Orcs zwar eine neue Heimat, aber viele alte Formen ihrer Gemeinschaft verloren hatten. Nach langen Kriegen griff er die Idee wieder auf. Thrall, Aggralan und Drek'Thar unterstützten ihn, und in Razor Hill fand das erste Kosh'harg Azeroths statt. Der rote Boden Durotars ersetzte Nagrands Gras, doch Klans aus Azeroth und der Scherbenwelt kamen zusammen.
Diesmal reichte die Einladung weiter. Mok'nathal, Drachenmalkrieger mit belasteter Geschichte und sogar Hexenmeister erschienen. Nicht jede alte Grenze wurde für immer beseitigt, aber das Fest wiederholte seine Vergangenheit nicht unverändert. Es fragte, welche Tradition den Orcs beim Heilen helfen konnte und welche Teile selbst Heilung brauchten. Ein Brauch bleibt lebendig, wenn die Nachkommen ihn verantwortlich verändern dürfen, statt jede frühere Ausgrenzung als heilig mitzuvererben.
Die Ahnen antworten einer neuen Generation
Mit dem erneuerten Kosh'harg verband sich die Om'gora, ein neuer Ehrenritus. Ein ausgewählter Orc suchte den Segen des Landes, der Klans und der Ahnen, bereitete ein Mahl und stellte sich Aufgaben, die Stärke nicht allein als Töten maßen. Beim Fest erschienen die Geister Varok Saurfangs und anderer Verstorbener. Ihre Anwesenheit verband Oshu'guns alte Feuer mit einer Horde, die auf einer fremden Welt erwachsen geworden war.
Das Kosh'harg ist deshalb keine Flucht in eine vermeintlich reine Zeit vor Gul'dan. Schon das alte Fest kannte Vorurteil, Krankheit und politische Spannungen. Seine Kraft liegt in der wiederkehrenden Unterbrechung: zweimal im Jahr die Waffe senken, zuhören, gemeinsam essen und die Toten fragen, welche Art von Volk aus ihren Entscheidungen entstanden ist. Auf Azeroth kam eine weitere Frage hinzu: Welche Ahnen ehrt man am besten, indem man ihre Form bewahrt, und welche, indem man ihren Kreis endlich größer zieht?