Der Hüter von Ulduar
Loken gehörte zu den titanengeschmiedeten Hütern, die das Schwarze Imperium besiegt und Azeroths Ordnung bewahrt hatten. Als oberster Verwalter Ulduars überwachte er Anlagen, Archive und Mitstreiter, deren Aufgaben ganze Kontinente berührten. Seine Stellung verlangte nicht nur Macht. Sie verlangte Vertrauen, denn die Gefängnisse der Alten Götter konnten nicht von einem einzelnen Wächter allein bewacht werden.
Unter Ulduar lag Yogg-Saron. Der Alte Gott brauchte seine Fesseln nicht vollständig zu sprengen, um den Hüter zu erreichen. Ein geflüsterter Verdacht, ein verstärktes Begehren und die Aussicht, eine persönliche Schande verbergen zu können, genügten. Lokens Fall begann nicht mit dem Wunsch, Azeroth zu vernichten. Er begann mit dem Glauben, seine eigene Angst sei wichtiger als die Wahrheit, die seine Gefährten verdient hatten.
Sif und die erste Lüge
Loken begann eine heimliche Beziehung mit Sif, der Gemahlin seines Bruders Thorim. Als Sif sie beenden und Thorim alles gestehen wollte, geriet Loken in Panik. Er wollte sie zum Schweigen bringen und tötete sie. Ob der tödliche Schlag beabsichtigt war oder aus einem Augenblick unkontrollierter Macht entstand, änderte nichts an dem, was danach folgte: Loken entschied sich nicht für ein Geständnis, sondern für eine größere Täuschung.
Er gab den Frostriesen die Schuld und lenkte Thorims Zorn gegen König Arngrim und dessen Volk. Krieg ersetzte Trauer, und der getäuschte Bruder verlor sich in Rache. Yogg-Saron hatte nun einen Hüter, der für den Schutz seiner ersten Lüge immer neue Wirklichkeiten erschaffen musste. Jede weitere Tat machte ein spätes Eingeständnis schwerer, bis Loken die ganze Ordnung Ulduars als Werkzeug seines Verstecks behandelte.
Ein Haus wird von innen verschlossen
Loken wandte sich gegen die anderen Hüter. Mimiron, Hodir, Freya und Thorim wurden getäuscht, überwältigt oder dem Einfluss Yogg-Sarons ausgeliefert. Odyn hatte sich der Erhebung der Drachenaspekte widersetzt; Loken nutzte Helyas Zorn, damit sie Odyn und seine Valarjar in den Hallen der Tapferkeit einschloss. Danach beanspruchte Loken die Stellung des obersten Beauftragten für sich.
Als Tyr die Verderbnis erkannte und mit den Scheiben von Norgannon floh, sandte Loken Kith'ix und Zakajz hinter ihm her. Tyr starb, doch die Wahrheit entkam mit seinen Gefährten. Loken ließ Archive verändern und schuf im Tribunal der Zeitalter eine falsche Vergangenheit. Selbst die Entstehung der sterblichen Völker konnte darin als sein entschlossenes Handeln erscheinen, während Yogg-Sarons Fluch des Fleisches und Lokens Versagen verborgen blieben.
Die Angst vor dem Urteil der Titanen
Loken fürchtete, die Titanen könnten zurückkehren und seine Taten entdecken. Darum veränderte er Ulduars Warnsystem. Nicht die wachsende Verderbnis, sondern sein eigener Tod sollte Algalon den Beobachter rufen. Loken rechnete damit, dass die anschließende Neuerschaffung Azeroths alle Spuren seiner Schuld auslöschen würde.
Damit erreichte seine Flucht vor Verantwortung kosmische Größe. Eine Welt voller Leben durfte sterben, solange niemand mehr nach Sif, Tyr oder den gefesselten Hütern fragte. Loken redete sich ein, die Ordnung zu bewahren, doch er hatte Ordnung längst mit der Abwesenheit von Zeugen verwechselt. Yogg-Saron musste ihm keine vollständige Marionettenrolle aufzwingen. Der Alte Gott gab seiner Angst nur immer größere Räume, in denen sie sich vernünftig anhören konnte.
Der Marsch durch die Hallen der Blitze
Der Weg zu Loken führte durch eine Festung, die seine Herrschaft in Schichten erklärte. General Bjarngrim hielt mit der Unbeugsamen Garnison den vorderen Zugang. Hinter ihm schlug Volkhan am Amboss neue Golems aus flüssigem Metall, als könne jede Lücke durch den nächsten gehorsamen Körper geschlossen werden. Ionar bewachte schließlich als lebendiger Blitz den Zugang zur terrestrischen Warte.
Keiner dieser Wächter war bloß zufällig in den Hallen zurückgeblieben. Bjarngrim verkörperte militärische Ordnung, Volkhan die fortgesetzte Produktion und Ionar den Tausch von Zuflucht gegen bedingungslose Treue. Loken hatte aus verschiedenen Wesen ein Verteidigungssystem gebaut, das dieselbe Angst schützen sollte, aus der auch seine gefälschten Archive und gefesselten Mitstreiter hervorgegangen waren.
Eine Armee gegen die Rückkehr der Wahrheit
Während Yogg-Sarons Einfluss in Ulduar wuchs, ließ Loken die Schmiede des Willens neue Eisenzwerge und Eisenvrykul hervorbringen. Nach außen wirkte dies wie die Vorbereitung eines großen Krieges. Im Innersten diente die Armee jedoch auch dazu, jeden fernzuhalten, der seine Vergangenheit prüfen konnte. Soldaten bewachten nicht nur Räume. Sie bewachten eine Erzählung, in der Loken weiterhin als rechtmäßiger oberster Beauftragter erscheinen wollte.
Die Hallen des Steins und die Hallen der Blitze gehörten deshalb zu derselben Geschichte. In der einen Anlage wurde Erinnerung verändert und Leben neu geformt; in der anderen standen die daraus gewonnenen Legionen vor ihrem Herrn. Wer beide durchquerte, sah, wie eine persönliche Lüge zur Verwaltung, zur Industrie und schließlich zu einer ganzen militärischen Landschaft geworden war.
Die letzte Prüfung in der terrestrischen Warte
Loken empfing seine Gegner nicht mit einer weiteren Armee. In seiner Nähe pulsierte elektrische Gewalt, die mit wachsender Entfernung immer tödlicher wurde. Wer aus Furcht weit zurückwich, nährte damit gerade den Schaden, dem er entkommen wollte. Wenn der Hüter seine Blitznova sammelte, kehrte sich die Forderung plötzlich um und nur rascher Abstand bewahrte vor der Entladung.
Der Kampf zwang jeden, Nähe und Flucht im richtigen Augenblick zu wählen. Darin spiegelte er Lokens eigenes Scheitern. Er hatte sich der Wahrheit nie gestellt, als sie noch nahe und begrenzt gewesen war. Stattdessen wich er immer weiter zurück, bis die Folgen seiner Flucht eine ganze Welt erreichten. Als Sterbliche ihn schließlich in seiner Warte töteten, endete der Kampf im Saal und begann zugleich die viel größere Prüfung, die sein Todsignal aus den Sternen herbeirief.
Der Tod, der den Himmel rief
In den Hallen der Blitze stellten sich Sterbliche Loken entgegen und töteten ihn. Sein Tod aktivierte das umgebaute Signal. Algalon kam nach Ulduar, prüfte Azeroth und bereitete die Antwort vor, die den Planeten neu erschaffen hätte. Erst die Beharrlichkeit der Verteidiger und das gewonnene Wissen über die besiegten Hüter überzeugten ihn, statt des Vernichtungsbefehls eine andere Nachricht zu senden.
Loken fiel, bevor er die Folgen seines letzten Schutzmechanismus sehen konnte. Gerade darin liegt die bitterste Form seiner Geschichte. Die Wahrheit, vor der er sich fürchtete, hätte sein Ansehen, vielleicht auch sein Leben zerstört. Seine Lügen brachten dagegen die ganze Welt an den Rand der Auslöschung. Ulduar wurde nicht gerettet, weil seine Systeme unfehlbar waren, sondern weil Wesen, die Lokens gefälschte Chronik als Fehlentwicklung abtat, einander glaubten und das Urteil eines Sternenboten noch verändern konnten.