Erinnerungen eines zerschmetterten Waldes
In Draenors fernster Urzeit war das Urwachstum kein Wald unter vielen. Es war ein einziger ausgreifender Lebenswille, der Wasser und Kraft aus seiner Umgebung zog, bis kaum Raum für anderes blieb. Aus ihm erhoben sich die gewaltigen Sporenhügel Zang, Naanu und Botaan. Sie kämpften gegen Grond, den von Aggramar geschaffenen Riesen aus Stein. Als Botaan und die Kolosse schließlich einander vernichteten, zerbarst nicht nur ein Körper. Die gemeinsame Stimme des Urwachstums zerfiel in unzählige kleinere Formen.
Aus Sporen und Wurzeln gingen Genesaurier, Hülsenlinge, Sporenlinge und die intelligenten Botani hervor. In ihnen blieben undeutliche Erinnerungen an jene Zeit zurück, in der alles Grün ein einziger Zusammenhang gewesen war. Sie kannten die ganze Geschichte nicht mehr, doch sie empfanden Trennung als Verlust. Die gewaltigen Genesaurier verehrten sie als Götter, weil diese ihnen wie lebendige Echos der alten Sporenhügel erschienen.
Kein Ich außerhalb der Blüte
Die Botani sind keine gedankenlosen Pflanzen. Sie planen, sprechen, pflegen besondere Gewächse und suchen alte Artefakte, mit denen sie das Wachstum ihres Gebietes beschleunigen können. Doch ihr Begriff von Person unterscheidet sich von dem vieler anderer Völker. Ein einzelnes Wesen gilt ihnen weniger als Teil mit eigenen Grenzen denn als Ausdruck eines gemeinsamen Geistes, der alles Pflanzenleben Draenors verbindet. Was für einen Orc Körper und Wille eines Einzelnen sind, kann für einen Botani deshalb nur ungenutzter Boden sein.
In dieser Vorstellung liegt ihre eigentliche Grausamkeit. Die Botani müssen ihre Opfer nicht hassen. Sie setzen Samen in lebende Körper, verändern Fleisch und Geist und machen aus Orcs oder Ogron willenlose Befallene. Andere Gefangene werden gemästet und später zu Nährstoff verarbeitet. Der Schrecken entsteht nicht aus blindem Zorn, sondern aus einer Ordnung, in der die Zustimmung des Einzelnen keinen Wert besitzt. Alles soll blühen, aber nur als Teil derselben Blüte.
Primale gegen Brecher
Seit den Kämpfen ihrer uralten Vorfahren standen die pflanzenhaften Primalen den sogenannten Brechern gegenüber. Aus Gronds Linie waren über Magnaron, Gronn und Oger letztlich auch Orcs hervorgegangen. Keine Seite erbte eine einfache moralische Rolle. Die Brecher konnten Wälder verwüsten; die Primalen konnten ganze Landschaften ersticken. Gorgrond wurde zur sichtbaren Grenze beider Kräfte, eine Region, in der Stein und Ranke einander über Jahrtausende zurückdrängten.
Die Botani führten diesen Krieg nicht mit Frontlinien allein. Jeder Teich konnte eine Zuchtstätte, jeder gefallene Feind der Anfang neuen Bewuchses sein. Genesaurier dienten als wandelnde Halbgötter und Brecher von Festungen, während befallene Körper vor den eigentlichen Pflegern des Waldes marschierten. Die Orcs des Lachenden Schädel verbrannten sogar ihre Toten, damit die Botani sie nicht erneut als Hüllen aufrichten konnten. Wo der Gegner selbst den Leichnam noch bepflanzte, wurde Feuer zu einer letzten Form der Selbstbestimmung.
Der Immergrüne Flor und das Tor nach Sturmwind
Auf dem alternativen Draenor errichtete eine Expedition des Kirin Tor einen Stützpunkt im Immergrünen Flor von Gorgrond. Die Magier wollten ein zweites Portal nach Azeroth schaffen, nachdem das Dunkle Portal unbrauchbar geworden war. Sie bemerkten zu spät, dass sie ihr Lager in einem heiligen Gebiet der Botani gebaut hatten. Die Primalen überrannten den Stützpunkt, und der Genesaurier Yalnu folgte der geöffneten Verbindung bis an den Rand Sturmwinds.
Hätte Yalnu dort Wurzeln geschlagen, wäre der Krieg nicht mit einer Armee durch ein Tor gekommen, sondern als sich ausbreitendes Biotop. Streiter Azeroths töteten ihn, bevor der Immergrüne Flor auf der anderen Seite Fuß fassen konnte. Der Vorfall offenbarte dennoch, wie wenig Entfernung die Botani begrenzt. Sie brauchen keine Schiffe und keine Krone. Ein Samen, eine offene Verbindung und genug Zeit können für ihren Anspruch auf eine Welt genügen.
Samen in einer neuen Welt
Jahre später flohen die Mag'har vor Yrels Truppen aus dem alternativen Draenor nach Azeroth. Im Augenblick des Übergangs gelangten auch Botani und Saberon durch das Portal. Beobachter sahen sie in Richtung des Brachlands entkommen. Was danach aus ihnen wurde, ist nicht abschließend geklärt. Es wäre daher falsch, bereits von einem verborgenen botanischen Reich auf Azeroth zu erzählen. Sicher ist nur, dass wenigstens einige Träger ihrer Kultur und ihrer Sporen die neue Welt erreichten.
Gerade diese offene Spur macht die Botani bedrohlicher als eine besiegte Fraktion aus einem vergangenen Feldzug. Ihr Ziel ist kein Thron, der nach dem Tod eines Herrschers leer bleibt. Es ist die Rückkehr zu einer Einheit, die sie nur als fernes Echo kennen und anderen Lebewesen aufzwingen. Damit verkehren sie ein vertrautes Bild: Wachstum bedeutet bei ihnen nicht automatisch Heilung, Gemeinschaft nicht automatisch Fürsorge und Natur nicht automatisch Freiheit. Ein botanischer Garten kann sorgsam angelegt sein und dennoch ein Gefängnis werden, wenn der Gärtner jede eigene Stimme für Unkraut hält. Die Botani erinnern daran, dass Leben nur dann Vielfalt bleibt, wenn es Grenzen anerkennt und nicht jede Wurzel in denselben Willen zwingt.