Unter zwei Monden
Bevor Draenor zerbrach, war das Schattenmondtal ein stilles, fruchtbares Land. Seine Nächte wurden von zwei Monden erhellt, und der nach dem Tal benannte Schattenmondklan beobachtete Sterne, ehrte die Ahnen und suchte im Wechsel des Himmels nach Orientierung. An der Küste errichteten die Draenei den Tempel von Karabor. Für beide Völker war die Gegend heilig, wenn auch auf unterschiedliche Weise: Die Orcs suchten die Nähe ihrer Vorfahren, die Draenei die Verbindung zum Licht.
Diese Nachbarschaft war nicht frei von Distanz, aber sie war noch kein Krieg. Erst Kil'jaedens Täuschung und Gul'dans Aufstieg verwandelten religiöse Gewissheiten in Waffen. Ner'zhul, der Älteste des Schattenmondklans, glaubte zunächst, die Geister der Ahnen warnten ihn vor den Draenei. Als er den Betrug erkannte, hatte Gul'dan bereits jene Orcs um sich gesammelt, die Macht über Gewissen stellten.
Die Hand Gul'dans
Im Herzen des Tals rief Gul'dan gewaltige Teufelskräfte an. Die Verbindung der Orcs zu den Elementen brach zusammen, und ein riesiger Vulkan erhob sich dort, wo die Landschaft aufgerissen wurde. Er erhielt den Namen Hand Gul'dans. Die Erde verbrannte, Wasser und Pflanzen starben, und aus dem Tal wurde ein Ort, an dem die Verderbnis der Horde nicht mehr zu übersehen war.
Der Angriff auf Karabor vollendete den Wandel. Die Horde eroberte den Tempel, vergoss das Blut zahlloser Draenei und machte aus dem Heiligtum später den Schwarzen Tempel. Was zuvor zwei Glaubenswelten nebeneinander getragen hatte, wurde zum Denkmal des Verrats. Das Tal verlor nicht nur seine Bewohner; es verlor die Ordnung, in der Orcs und Draenei überhaupt noch Nachbarn sein konnten.
Ner'zhuls Portale und der Zerfall Draenors
Nach der Niederlage der Horde auf Azeroth suchte Ner'zhul einen Ausweg für die verbliebenen Orcs. Er sammelte mächtige Artefakte und öffnete mehrere Portale zu anderen Welten. Die Energien zerrissen Draenor. Berge zerbrachen, Meere verschwanden und der Himmel des Schattenmondtals öffnete sich zum Wirbelnden Nether. Aus Draenor wurde die Scherbenwelt.
Das Tal überdauerte als einer der am schwersten verwundeten Teile dieser Welt. Teufelsvulkane, infernalischer Regen und zerfallende Inseln machten sichtbar, was die Entscheidungen Gul'dans und Ner'zhuls angerichtet hatten. Beide hatten ihrem Volk Rettung oder Größe versprochen. Zurück blieb ein Land, das kaum noch Leben tragen konnte.
Illidan im Schwarzen Tempel
Später vertrieb Illidan Sturmgrimm Magtheridon aus dem Schwarzen Tempel und machte die Festung zum Zentrum seiner Herrschaft über die Scherbenwelt. Ihm dienten Naga, Blutelfen und Dämonenjäger. Akama und die Zerschlagenen unterstützten ihn zunächst, weil Illidan Magtheridons Joch beendete. Doch bald erkannten sie, dass der neue Herrscher den Tempel ebenso als Machtzentrum behandelte wie seine Vorgänger.
Akama verbündete sich mit Maiev Schattensang, die Illidan seit seiner Flucht jagte, und führte die Angreifer in den Tempel. Gemeinsam mit den Aschenzungen und den Streitkräften aus Azeroth stürzten sie Illidan. Der Sieg befreite das Tal nicht sofort von seinen Wunden, beendete aber die Herrschaft eines Mannes, der Karabor zu seiner uneinnehmbaren Zuflucht gemacht hatte.
Ein heiliger Ort in der Gestalt einer Warnung
Nach Illidans Fall blieb das Schattenmondtal verwüstet. Akama und seine Anhänger begannen, den Tempel von den Spuren seiner Besatzer zu reinigen. Sie konnten die alte Landschaft nicht zurückbringen, doch sie gaben Karabor wenigstens einen Teil seiner Bedeutung zurück.
Das Schattenmondtal verbindet viele der größten Brüche Draenors: den Verlust des Schamanismus, den Krieg gegen die Draenei, den Aufstieg der Teufelsmagie, Ner'zhuls verzweifelte Flucht und Illidans Herrschaft. Kaum ein anderer Ort zeigt so deutlich, wie häufig vermeintliche Befreiung in eine neue Form der Unterwerfung überging.