Das Gift im täglichen Brot
Stratholme war die zweitgrößte Stadt Lordaerons, ein Hafen voller Werkstätten, Händler, Tempel und Familien. Die Seuche kam nicht unter wehenden Bannern. Der Kult der Verdammten mischte sie in Getreide aus Andorhal, und die Menschen backten ihr Verderben selbst zu Brot. Als Arthas Menethil mit Jaina Prachtmeer, Uther Lichtbringer und den Rittern der Silbernen Hand die Tore erreichte, war die Lieferung längst verteilt und gegessen.
Arthas verstand, was dies bedeutete. In Herdweiler hatte er erlebt, wie rasch Erkrankte zu Untoten wurden und wie aus Nachbarn Soldaten der Geißel entstanden. In Stratholme lebten Tausende dicht beieinander. Es gab keinen bekannten Heiltrank, keine Zeit für eine geordnete Untersuchung und keine Mauer, die nach der Verwandlung lange gehalten hätte. Die Gefahr war wirklich, und gerade deshalb war die kommende Entscheidung schwerer als ein Kampf zwischen offen erkennbarem Gut und Böse.
Der Befehl vor dem Tor
Der Prinz befahl, die gesamte Stadt zu säubern, bevor Mal'Ganis ihre Bewohner für die Geißel beanspruchen konnte. Uther weigerte sich, Menschen zu erschlagen, die noch lebten und für deren Rettung noch kein Versuch unternommen worden war. Arthas antwortete nicht mit einer Beratung oder einem begrenzten Plan. Er erklärte den Widerspruch seines Lehrers zum Verrat und enthob die Ritter der Silbernen Hand ihres Dienstes.
Jaina ging ebenfalls. Ihr Abschied bot keine einfache Lösung für die verseuchte Stadt, doch er markierte eine Grenze, die sie nicht überschreiten konnte. Arthas sah darin vor allem, dass die Menschen, denen er am meisten vertraut hatte, ihn im entscheidenden Augenblick alleinließen. Statt seine Gewissheit dadurch zu prüfen, machte er die Einsamkeit zum Beweis seiner besonderen Entschlossenheit. Wer ihm nicht folgte, erschien fortan als jemand, der die notwendige Last nicht tragen wollte.
Eine Stadt zwischen Leben und Untod
Arthas zog mit den verbliebenen Soldaten in Stratholme ein. Manche Bewohner verwandelten sich bereits, andere schliefen, flohen oder verstanden nicht, weshalb die Truppen ihres Prinzen ihre Türen eintraten. Die Säuberung unterschied nicht mehr verlässlich zwischen einem Untoten, einem unheilbar Infizierten und einem Menschen, dessen Schuld allein darin lag, im falschen Viertel Brot gegessen zu haben.
Arthas handelte in dem Glauben, einen noch schlimmeren Tod und ein Heer für die Geißel zu verhindern. Doch mit jedem Haus wurde aus einer strategischen Entscheidung eine persönliche Verfolgung. Die Bewohner waren nicht mehr sein Volk, dessen einzelne Leben eine Antwort verlangten, sondern eine Masse, die Mal'Ganis nicht erhalten durfte. Wo Rettung ungewiss war, setzte der Prinz Gewissheit durch Tötung. Die Zeitnot erklärt diese Wahl; sie nimmt ihr nicht die Gewalt.
Mal'Ganis bestimmt das Ziel
Der Schreckenslord erschien in der brennenden Stadt und sammelte die Seelen der Verwandelten. Er verspottete Arthas, entzog sich dem Kampf und forderte ihn auf, nach Nordend zu kommen. Damit gab er dem Entsetzen einen Namen und eine Richtung. Der Prinz konnte sich einreden, alles werde Sinn ergeben, wenn nur der Dämon sterbe, der Stratholme vorbereitet hatte.
Mal'Ganis musste Arthas nicht zur Säuberung zwingen. Seine Falle war feiner. Er schuf eine Lage, in der jede Minute Verwandlung brachte, und traf auf einen jungen Herrscher, der Widerspruch zunehmend als Schwäche verstand. Nachdem Arthas seine eigene Stadt gegen Uthers und Jainas Warnung getötet hatte, wurde die Jagd nach dem Dämon zum einzigen Weg, diese Tat noch als notwendigen Anfang eines Sieges zu deuten. So führte Stratholmes Feuer unmittelbar zu den Schiffen nach Nordend und schließlich zu Frostgram.
Die Narbe, die bleiben musste
Stratholme brannte weiter und wurde später zu einer Hochburg der Geißel. Arthas hatte verhindert, dass Mal'Ganis alle Bewohner in jenem Augenblick als geschlossenes Heer übernahm, aber er rettete weder die Stadt noch Lordaeron. Der Befehl offenbarte den Bruch bereits vor Frostgram: Pflicht bedeutete für ihn nun, allein zu entscheiden, jeden Preis festzusetzen und diejenigen auszuschließen, die seine Gewissheit nicht teilten.
Jahre später versuchte der ewige Drachenschwarm, diesen Augenblick zu verändern, während der bronzene Drachenschwarm seinen Ablauf bewahrte. Das macht die Säuberung nicht richtig; es zeigt, wie tief sie in der bekannten Geschichte verankert ist. Ohne Stratholme wäre Arthas' Weg ein anderer gewesen, vielleicht aber auch Lordaerons Schicksal. Die Tragik liegt darin, dass keine überlieferte Möglichkeit alle Menschen sicher gerettet hätte. Dennoch bleibt die Art, wie Arthas unter Druck urteilte, sein eigener Entschluss. Gerade weil die Lage furchtbar war, zeigt sie so deutlich, welcher Mann aus dem Prinzen zu werden begann.