Der Sohn eines Verräters
Aedelas Blackmoore wuchs mit einem Namen auf, dem in Lordaeron niemand unbefangen begegnete. Sein Vater Aedelyn war wegen des Verkaufs von Staatsgeheimnissen verurteilt worden, und der Sohn lernte früh, in jedem Blick die alte Anklage zu vermuten. Er suchte die Antwort auf diesen Makel im Militär. Dort konnte ein Sieg für einen Augenblick lauter sein als ein Gerücht, und ein Offiziersrang versprach jene Achtung, die ihm seine Herkunft nach eigener Überzeugung verweigerte.
Blackmoore erwies sich als fähiger und unerbittlicher Kämpfer. Im Zweiten Krieg verdiente er sich Ansehen gegen die Horde, doch der Mut, den andere an ihm rühmten, war häufig mit Alkohol erkauft. Trinken dämpfte die Furcht und nährte zugleich den Zorn, mit dem er Untergebene, Gefangene und später auch jene behandelte, die ihm nahestanden. Aus dem Wunsch, nicht für die Schuld seines Vaters verurteilt zu werden, wuchs keine Milde. Blackmoore wollte so unangreifbar werden, dass nur noch er selbst Urteile sprechen durfte.
Ein Reich aus Lagern und Arenen
Nach dem Krieg sperrte die Allianz die besiegten Orcs in Internierungslager. Als Danath Trollbann jenseits des Dunklen Portals verschollen blieb, stieg Blackmoore zum Befehlshaber dieses Systems auf und verlegte dessen Mittelpunkt nach Durnholde. Offiziell bewahrten die Lager Lordaeron vor einem erneuten Krieg. Hinter Palisaden und Wachplänen entstand jedoch auch Blackmoores persönliches Reich, in dem die Gefangenen weniger als geschlagene Gegner denn als Besitz behandelt wurden.
Der dämonische Blutfluch war nach dem Zweiten Krieg noch nicht gebrochen, doch ohne die antreibende Nähe der Legion verfielen viele Orcs in eine tiefe Lethargie. Menschen deuteten diese Schwäche als Beweis, dass die Gefangenen dauerhaft gebrochen seien. Blackmoore erkannte darin eine Gelegenheit. Kämpfe in der Arena füllten seine Taschen und machten Durnholde zum Schauplatz grausamer Unterhaltung. Das Leid der Orcs war für ihn kein Nachhall des Krieges, den es zu überwinden galt, sondern eine Einnahmequelle und das Material für einen größeren Plan.
Das Kind, das Thrall heißen sollte
In einem verschneiten Wald fand Blackmoores Jagdgesellschaft ein Orc-Kind bei den Leichen seiner ermordeten Eltern. Er gab ihm nicht den Namen Go'el, den Draka und Durotan gewählt hatten. Er nannte es Thrall, Sklave, und schrieb damit seine Absicht in das erste Wort, auf das der Junge hören musste. Eine menschliche Amme hielt das Kind am Leben; deren Tochter Taretha begriff als eine der Ersten, dass der kleine Gefangene keine rohen Fleischstücke brauchte, sondern Milch, Wärme und Fürsorge.
Blackmoore ließ Thrall lesen, rechnen, Geschichte lernen und mit menschlichen Waffen ausbilden. Was wie Bildung aussah, war Teil einer sorgfältig entworfenen Fessel. Der Orc sollte in der Arena siegen, die gefangenen Klans später hinter sich sammeln und als Blackmoores Heerführer die Allianz unterwerfen. In diesem Plan lag die ganze Verblendung seines Herrn: Er gab Thrall Sprache, Strategie und Einblick in menschliche Gesellschaft, ohne zu begreifen, dass Wissen einem Gefangenen auch Namen für Unrecht und Wege aus einem Käfig schenkt.
Briefe zwischen den Gitterstäben
Thrall gewann Kämpfe und Blackmoore gewann Geld, doch jede Niederlage des Gladiators endete in Schlägen und Demütigung. Taretha wurde in diesen Jahren zu Thralls heimlicher Familie. Sie schmuggelte Briefe in Bücher, erzählte ihm von der Welt außerhalb der Arena und half schließlich bei seiner Flucht. Zugleich war sie selbst Blackmoores Macht ausgeliefert: Er nahm sie als Geliebte, während ihre Eltern in seinem Dienst standen und jeder Widerstand auch sie treffen konnte. Ihre Güte war deshalb kein sorgloses Geschenk, sondern Mut unter ständiger Bedrohung.
Thrall fand Grom Höllschrei, Orgrim Schicksalshammer und die schamanischen Wurzeln seines Volkes. Er befreite ein Lager nach dem anderen und verwandelte die müden Gefangenen wieder in eine Gemeinschaft mit eigener Zukunft. Blackmoore sah darin nicht die Antwort auf jahrelange Knechtschaft, sondern den Diebstahl seines wertvollsten Besitzes. Selbst als Thrall Verhandlungen anbot, konnte der Herr von Durnholde Freiheit nur als Verlust seiner Autorität verstehen.
Die Rückkehr nach Durnholde
Am Vorabend des Angriffs folgte Blackmoore Taretha heimlich zu ihrem Treffen mit Thrall. Sie blieb in Durnholde, weil eine Flucht ihre Eltern gefährdet hätte. Blackmoore ließ sie töten und schleuderte den Belagerern ihren abgetrennten Kopf entgegen. Er wollte Thrall damit brechen. Stattdessen nahm er dem früheren Sklaven den letzten Grund, den Herrn seiner Kindheit noch als fehlgeleiteten Menschen zu betrachten. Trauer ging durch das Heer, und der Angriff begann mit einer Wut, die selbst die Elemente beantworteten.
Thrall stellte Blackmoore in einem verborgenen Gang und gab ihm eine Waffe, bevor sie kämpften. Noch im Sterben behauptete Blackmoore, stolz auf das Geschöpf zu sein, das er geformt habe. Doch Thralls größter Sieg bestand gerade darin, nicht zu diesem Geschöpf geworden zu sein. Er ließ überlebende Menschen ziehen, forderte Land und Freiheit für die Orcs und brachte Tarethas Halskette zu ihren Eltern. Danach riss die Erde Durnholde nieder. Blackmoore hinterließ keine Dynastie und kein erobertes Reich, sondern eine Ruine, an der die Horde lernte, dass Bildung ohne Freiheit nur eine feinere Kette ist und dass aus einem Namen wie Sklave dennoch ein selbstgewähltes Leben hervorgehen kann.